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Charlotte Knobloch: Eine beispiellose Karriere

Charlotte Knobloch, Foto: Astrid Ackermann

Neuanfang in einem schwierigen Heimatland 

Lange Zeit konnte Charlotte Knobloch keine schlüssige Antwort auf die Frage finden, warum sie weiterhin in einem Land lebte, von dem der Völkermord ausgegangen war. Jahrelang hatte sie mit ihrem Mann Samuel auswandern wollen. Doch dann kamen die drei Kinder und irgendwann war es zu spät, woanders neu anzufangen. Für die jüdische Gemeinde in München ist es ein Glücksfall, dass Charlotte Knobloch ihrer Heimatstadt nicht den Rücken gekehrt hat.

 

Knoblochs hartnäckigem Vorantreiben ist es zuzuschreiben, dass Juden heute mitten in der Stadt sichtbar angekommen sind. Mit der Einweihung des Jüdischen Gemeindezentrums, der Synagoge und des Jüdischen Museums am zentralen St.-Jakobs-Platz hat sich Charlotte Knobloch einen persönlichen Traum erfüllt. Welche Anstrengungen dafür notwendig waren, schildert sie in ihren Erinnerungen.  

Das Kind erlebt die Bedrohung durch die Nazis bewusst mit

Die Tochter des Rechtsanwalts Siegfried Neuland wird 1932 in München geboren. Sie ist drei Monate alt, als Hitler an die Macht kommt. Die Mutter trennt sich von Siegfried Neuland, weil sie die Diskriminierung nicht erträgt. Die Großmutter und der Vater ziehen das Kind groß. Charlotte erlebt bewusst mit, welche Bedrohung von den Nazis ausgeht. Die Familie will in die USA auswandern, doch die Großmutter bekommt keine Einreiseerlaubnis. So zögern sie die Ab­fahrt hinaus, bis es zu spät ist. Die Großmutter geht mit einem Transport alter Leute in den Tod. Und Siegfried Neuland muss ein Versteck für die Tochter finden. Er wendet sich an die ehemalige Hausangestellte seines Bruders, Kreszentia Hummel. Die junge Frau nimmt das Mädchen auf und erträgt, dass die Nachbarn, ja, der ganze Ort über sie tuscheln: Charlotte gilt als ihr uneheliches Kind. Die katholische Bauerntochter aus Herrieden lässt sich nicht abhalten. Sie hat einen Pakt mit Gott geschlossen: Ich nehme das Kind auf, und du lässt meine Brüder heil wieder aus dem Krieg kommen. Der Pakt hält. Alle überleben. 

Ihr Ziel: der Aufbau jüdischen Lebens

Nach dem Krieg widmet sich Charlotte Knobloch mit Herzblut dem Aufbau neuen jüdischen Lebens und legt eine beispiellose Karriere hin: Seit drei Jahrzehnten ist sie nun Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, von 2003 bis 2010 war sie Vizepräsidentin des Europäischen Jüdischen Kongresses, 2005 bis 2013 Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses, 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Seit 2005 ist Charlotte Knobloch Ehrenbürgerin von München. 2002 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Tel Aviv.

Autorin: Eva-Maria Gras
aus: Engagiert 5/2015

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