KDFB

Ausgezeichnet!

Fünf Frauen haben am 1. Juli den Ellen-Ammann-Preis des Frauenbundes erhalten. Alle fünf haben außergewöhnliche Projekte auf die Beine gestellt – und ihren Lebenssinn gefunden. 

Teresa Göppel-Ramsurn, 31, hat sich früh entschieden: „Ich will am Ende meiner Tage wissen, dass ich meine Lebenskraft für etwas eingesetzt habe, das es wert ist.“ Deshalb beginnt die Modedesignerin nicht eine Karriere in der Textilindustrie, sondern geht ihren eigenen Weg. Gemeinsam mit zwei Gleichgesinnten hat sie eine Mo­dewerkstatt im indischen Mumbai gegründet. Dort erhalten ehemalige Zwangsprostituierte eine Ausbildung zur Schneiderin. So können die jungen Frauen im normalen Leben Fuß fassen und einen fairen Lohn verdienen. Es ist dieses Projekt, für das Teresa Göppel-Ramsurn nun neben vier anderen Frauen mit dem Ellen-Ammann-Preis ausgezeichnet wird. Die Mode, die die 31-Jährige entwirft, soll die Welt verbessern. 

„Humanitäre Mo­de“ statt Entwürfe für die Schönen und Reichen 

Die Leidenschaft fürs Schneiderhandwerk hat die gebürtige Fränkin und Tochter der KDFB-Diözesanvorsitzenden Ro­salinde Göppel früh entdeckt. Nach Lehre und Meisterschule macht sie Station bei namhaften Designern in London, Paris, Berlin. „Ich habe gesehen, wie das bei Mo­denschauen läuft. Und die Szenerie hat mich eher abgeschreckt. Ich habe mich gefragt, was mache ich da eigentlich? Will ich für die Reichen und Schönen Mode machen, damit sie noch schöner werden?“ 

Wollte sie nicht. Stattdessen setzt sie auf „humanitäre Mo­de“. Zweimal im Jahr steigt sie ins Flugzeug und überwacht den Produktionsstart ihrer Kollektion in Mumbai. In der kleinen Werkstatt geht es lebhaft zu. „Es ist heiß, chaotisch, immer was los“, berichtet die Modedesignerin. 15 junge Frauen lassen die Nähmaschinen rattern. Es wird viel gescherzt. „Anfangs sind die Frauen verschreckt und scheu“, sagt Göppel-Ramsurn, „aber schon bald werden sie fröhlicher. Sie sagen uns, sie hätten erstmals ein sicheres Zuhause gefunden.“ 

Indischen Frauen Zukunft bieten

Die 19-jährige Shanta (Name von der Redaktion geändert) zum Beispiel wurde von ihren El­tern so brutal misshandelt, dass sie mit zwölf von zu Hause fortlief. Auf der Straße traf sie Jugendliche, die sie mit einem Jobversprechen in ein Bordell lockten. Durch Zufall gelang ihr wieder die Flucht, und sie wandte sich an die Polizei, die sie allerdings nach Hause zurückbrachte. Dort war es schlimmer als zuvor, sie konnte einfach nicht bleiben. Über eine Hilfsorganisation fand sie einen Platz in einer Wohngemeinschaft, die ihr Schutz bot. Mit 18 Jahren musste sie jedoch ausziehen. So kam sie in die Schneiderwerkstatt von Teresa Göppel-Ramsurn. Dort ha­ben Frauen wie Shanta eine Chance auf Ausbildung und Be­schäftigung. „Und es gibt bereits welche, die heiraten, ein Kind bekommen und es schaffen, auf eigenen Füßen zu stehen“, be­richtet die Designerin. Die Werkstatt beschäftigt eine Sozialpädagogin, die die Frauen in ihrer Entwicklung begleitet. Außerdem erhalten sie Unterricht in Mathematik und Alltagsfertigkeiten, beispielsweise im Umgang mit Geld. Die Kurse finden nachmittags in kleinen Gruppen statt, währenddessen geht die Produktion der Kleidung weiter. „Wir vermarkten unsere Mode unter dem La­bel ,Glimpse Clothing‘ über das Internet und soziale Netzwerke, mittlerweile haben wir 16 Läden in Europa, die unsere Mode führen“, erklärt Teresa Göppel-Ramsurn. Noch trägt sich das Projekt nicht selbst, die 31-Jährige und zwei Mitstreiter in Deutschland arbeiten ehrenamtlich. Doch der Einsatz lohnt sich. „Da geht es mir wie un­serer Werkstattleiterin Ramona in Mumbai“, verrät Göppel-Ramsurn. „Unser Fundament ist der Glaube, und wir versuchen, das zu tun, was vor unseren Füßen liegt. Verantwortungsvoll und eines nach dem anderen. Wenn wir am Ende nur bei einer jungen Frau etwas Gutes bewirkt haben, hat sich alles gelohnt.“ 

Zwangsprostitution: ein Tabuthema anpacken

Zwangsprostitution ist eine Krake, die die ganze Welt er­fasst hat. Eine, die das seit Langem erkannt hat, ist Ursula Männle, CSU-Politikerin aus Tutzing. Sie richtet ihren Blick nicht auf ein einzelnes Hilfsprojekt, sondern auf die großen Zu­sammenhänge. Schon in den Achtzigerjahren fühlt sie sich durch die Ausbeutung von Frauen und Kindern durch Prostitutionstourismus und Menschenhandel alarmiert – damals noch ein Tabuthema. Auf Reisen nach Thailand, Kenia, auf die Philippinen und zur Dominikanischen Republik erfährt Männle, welche Not bei den Frauen herrscht. „Das motivierte mich, das Problem in Deutschland anzusprechen und nach politischen Lösungen zu suchen.“ Männle beobachtete, dass sich die Lage mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verschärfte. Jährlich kamen nun tausende Frauen aus den ost- und südosteuropäischen Ländern nach Westen und wurden der Zwangsprostitution zugeführt. „Der Missbrauch, die Abhängigkeit der Frauen, das Ausgeliefertsein motivierte mich, vor allem, da die Öffentlichkeit davor die Augen verschloss.“ 

Hartnäckig bleiben und Bündnisse schließen 

Es war ein ganzes Bündel von Maßnahmen, die politisch angepackt werden mussten: Männle machte sich daran, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Den Frauen musste Schutz gegeben werden, ihre Interessen waren zu vertreten, und die Täter, die Unsummen auf Kosten der Frauen verdienten, mussten bestraft werden. Es galt, Gesetzesinitiativen zu fördern, Aufklärung in den Herkunftsländern zu betreiben. Die Zusammenarbeit von Frauen aus verschiedenen Ländern und Gruppen war notwendig. Denn Männle wusste: Nur durch aktive Bündnisse waren Lösungen zu er­warten. 

Seit gut einem Jahr steht Ursula Männle an der Spitze der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung. Davor war die Sozialwissenschaftlerin und Professorin 30 Jahre lang Abgeordnete im Landtag und im Bundestag sowie vier Jahre lang Staatsministerin in Bayern. Die Jury des Ellen-Ammann-Preises zeichnet Ursula Männle für ihr hartnäckiges Engagement zugunsten von Frauen aus. Bewusst will der Frauenbund mit dem Preis nicht eine Organisation oder Einrichtung würdigen, sondern eine einzelne Frau, die Beispielhaftes geleistet hat. 

Eltern von „Sorgenkindern" aus der Isolation herausholen

Wie Eva Mittermeier, ehemalige Zweigvereinsvorsitzende des KDFB in Ergoldsbach bei Landshut. Die 51-Jährige hat im engsten Freundeskreis die Sorgen der Eltern um ein behindertes Kind erlebt. Eva Mittermeier, selbst Mutter von drei gesunden Kindern, ist tief erschüttert. Sie begreift, welche Herausforderungen Familien mit „Sorgenkindern“ zu bewältigen ha­ben: mit behinderten, entwicklungsverzögerten und kranken Kindern. „Ich wollte vor allem den Frauen helfen, die für die Pflege und Erziehung einen unvergleichlich höheren Aufwand haben, dabei oft an ihre eigenen Grenzen stoßen und von der Gesellschaft ausgegrenzt werden“, erklärt die KDFB-Frau. Ihr Plan: diese Eltern aus ihrer Isolation herauszuholen. Die Idee einer Kontaktgruppe war geboren. 

Herzenswünsche der Kinder erfüllen

Zum ersten Treffen im April 1997 kamen elf Mütter. Heute reisen Mitglieder und Interessierte bis zu 40 Kilometer weit zu den monatlichen Treffen an. Sie erwartet ein anregendes Programm: Spielenachmittage und Musikunterricht für die Kinder, Kinobesuche, Ausflüge, Gartenfeste und vieles mehr. Mit der Zeit hat sich der Austausch untereinander intensiviert: Wer kennt einen guten Physiotherapeuten? Wo ist der beste Arzt für mein Kind? Welche Leistungen kann ich von der Krankenkasse erwarten? Die Mütter unterstützen sich mit Ratschlägen. Genauso wichtig ist die gemeinsam verbrachte Zeit. „Grenzen erleben wir oft in der finanziellen Unterstützung und Ausstattung von be­hinderten Kindern“, sagt Eva Mittermeier. „Aber wir haben immer einen Weg gefunden, um Herzenswünsche der Kinder zu erfüllen, etwa eine Ballonfahrt.“ Der Lohn für den ehrenamtlichen Einsatz: „Für mich ist es ein sehr gutes Ge­fühl, wenn die Mütter mich als Gesprächspartnerin annehmen und dabei Freundschaft entsteht“, sagt Mittermeier. Hartnäckig verfolgt sie weiter ihr Ziel: ein unverkrampftes Verhältnis zwischen Be­hinderten und Nicht-Be­hinderten zu schaffen. „Oft ha­ben die Nicht-Be­hinderten die größeren Probleme, weil sie einfach nicht wissen, wie sie mit Behinderten umgehen sollen“, sagt sie.

„Buntes Miteinander“ statt Angst voreinander

Berührungsängste und Hemmschwellen abbauen: Dieser Aufgabe hat sich auch Barbara Solf-Leipold gewidmet. In Geisenhausen bei Landshut engagiert sie sich für ein „Buntes Miteinander“ zwischen Einheimischen und Neubürgern. Denn in der Marktgemeinde mit etwa 6.500 Einwohnern wurden seit März 2013 Flüchtlinge in einer Gemeinschaftsunterkunft mit circa 150 Plätzen einquartiert. Zu dieser Zeit war Barbara Solf-Leipold mit Mann und kleiner Tochter in den niederbayerischen Ort gezogen. „Die Situation dort war für mich ab­solut unbegreiflich“, erinnert sie sich. Es war ein erbitterter juristischer Kampf im Gang. Die Gemeinde versuchte, sich mit allen juristischen Mitteln gegen den Zuzug zu wehren. Gleichzeitig schürte eine Neonazigruppe Ängste bei der Bevölkerung. „Ich dachte nur, wo sind wir da gelandet?“, sagt Solf-Leipold. Sie empfand es als unerträglich, dass sich kein laut wahrnehmbarer Widerstand ge­gen die fremdenfeindlichen Tendenzen formierte. Die Behörden informierten nicht klar und transparent, weder über die geplante Gemeinschaftsunterkunft noch über das Thema Asyl. 

„Die Probleme der Welt gehen auch unseren Ort an"

„Ich wollte nicht mit meiner Familie in einem Ort wohnen, in dem es solche Ressentiments gegenüber Ausländern gibt“, sagt sie. Es galt also zu handeln. Im SPD-Ortsverein kam die Idee auf, einen Infoabend zu veranstalten. Als Sozialwissenschaftlerin hielt Solf-Leipold einen sachlichen Vortrag über Asylfragen. Spontan formierte sich eine Gruppe von zwanzig BürgerInnen, denen an einer Willkommenskultur gelegen war. Solf-Leipold übernahm eine moderierende, anleitende und antreibende Rolle. Und die Gruppe begann sofort mit der Unterstützung der eintreffenden Asylbewerber. Gemeinsam gelang es, ein Netzwerk aufzubauen. Rasch wurde der Verein „Buntes Miteinander Geisenhausen“ gegründet, und Solf-Leipold übernahm den Vorsitz. Heute hat der Verein 70 Mitglieder. „Schier unermüdlich“ seien eh­renamtliche Helfer im Einsatz, berichtet sie. In kürzester Zeit wurde eine Kleiderkammer aufgebaut, es werden  Deutschkurse angeboten, Kinder- und Hausaufgabenbetreuung organisiert, Familienpatenschaften an­gebahnt, Alltagsbegleitung er­möglicht und vieles mehr. Wie gut das Miteinander klappt, ließ sich zum Beispiel bei einem Fest der Begegnung erfahren: Neben einer Blaskapelle traten afghanische Sänger und Tänzer auf, ein pakistanischer Friedensgruß wechselte sich mit bayerischem Kasperltheater ab – das alles auf dem Gelände des ka­tholischen Pfarramtes. „Internationaler kann es im kleinen Geisenhausen nicht zugehen“, urteilt die Lokalzeitung. Und Barbara Solf-Leipold sagt: „Es kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass die Einrichtung in Geisenhausen inzwischen gut 150 Menschen aus den verschiedensten Krisenregionen der Erde verlässlichen Schutz und Si­cherheit garantiert.“ Sie ist überzeugt: „Die Probleme der Welt gehen auch Geisenhausen an. Das ist unser aller Thema.“ 

Jugendliche aus unterschiedlichen Kulturen begegnen sich auf Augenhöhe

Auch das junger Menschen, meint Ulrike Endres-Hoppe. Die Gymnasiallehrerin engagiert sich für ein offenes Miteinander zwischen Kindern unterschiedlicher Kulturen. Das Franz-Marc-Gymnasium in Markt Schwaben, an dem sie unterrichtet, muss sich öffnen, beschloss sie vor einigen Jahren. Schüler mit Migrationshintergrund wurden damals nicht gefördert. Das Gymnasium hatte kaum Kontakte zu anderen Schulen am Ort, auch nicht zu christlichen und muslimischen Gemeinden. En­dres-Hoppe setzt neue Akzente. Die Lehrerin sieht sich als Initiatorin und Koordinatorin für vielfältige Projektansätze. Sie fördert Lern-, Sprach- und Lesepatenschaften zwischen einheimischen und zugezogenen Kindern. Dabei arbeitet sie eng mit der Elterninitiative „Offenes Haus – offenes Herz“ zusammen. Dessen Initiatorin Bettina Ismair wurde vor zwei Jahren mit dem Ellen-Ammann-Preis ausgezeichnet. Ulrike Endres-Hoppe engagiert sich an vielen Schnittstellen und sprengt dabei oftmals die Grenzen der Schulbürokratie: Sie ermutigt Schüler, Veranstaltungsreihen zu organisieren, sie gewann mit mehreren Aktionen die Wertschätzung des örtlichen Imams, der sie seither unterstützt. Sie leitet Gesprächsrunden zu religionsphilosophischen Themen für Frauen. Und sie fasst ihre Vision so zu­sammen: „Jugendliche und Erwachsene sollen ein geistig offenes Mit- und Füreinander erleben und somit für eine Zeit gerüstet sein, die von politischen, soziologischen und kulturellen Umbrüchen geprägt ist.“

Autorin: Eva-Maria Gras
aus: KDFB Engagiert 7/15