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Aufbauen, was zerstört war

Charlotte Knobloch, Foto: Astrid Ackermann

Charlotte Knobloch hat den Holocaust überlebt und leitet seit drei Jahrzehnten die Israelitische Kultusgemeinde in München. Deutschland ist für sie – wie wohl für alle Menschen jüdischen Glaubens – ein schwieriges Heimatland. Ein Interview zum Gedenken an das Ende der Naziherrschaft vor 70 Jahren.

  

KDFB Engagiert: 70 Jahre nach dem Ende des Holocausts wird in München das NS-Dokumentationszentrum eröffnet. Um wie viele Jahre kommt es zu spät? 

Charlotte Knobloch: Man soll da nicht so hart urteilen, lieber spät als nie. Ich habe auch zwei Jahrzehnte gebraucht, bis ich mir den Traum eines jüdischen Gemeindezentrums, der Synagoge und des Jüdischen Museums erfüllen konnte. München hat jetzt mit dem Dokumentationszentrum eine Lösung gefunden, wie es die Nazizeit für die Nachwelt darstellen kann. Das ist gerade für München als „Hauptstadt der Bewegung“ wichtig. Bund, Länder und die Stadt haben gemeinsam dazu beigetragen, dass dieses Zentrum entstehen konnte. Für mich ist es die größte Freude, dass es auf dem Grundstück des sogenannten „Braunen Hauses“, der ehemaligen Parteizentrale der NSDAP, entstanden ist, von der so viel Schrecken ausging. Es ist sehr, sehr wichtig, dass das Dokumentationszentrum kein Holocaust-Museum ist, sondern ein Museum, das sich intensiv mit den Tätern befasst. Das wird Hauptbestandteil der Ausstellung sein. Ich bin in das Kuratorium des NS-Dokumentationszentrums berufen worden. Dort haben wir unter dem Vorsitz des ehemaligen Bundesfinanzministers Theo Waigel und mit der Unterstützung des ehemaligen Oberbürgermeisters Jochen Vogel in vielen Sitzungen gemeinschaftlich Entscheidungen gefällt. 

KDFB Engagiert: Wie kann man Ihrer Ansicht nach das Gedenken an den Holocaust lebendig erhalten? Soll ein KZ-Besuch für Schüler im Lehrplan verankert werden? 

Charlotte Knobloch: Wenn ich sehe, dass der Staat Israel jedes Jahr Gruppen von Schülern – im Alter vergleichbar mit unseren Neuntklässlern – zu einem Besuch nach Auschwitz schickt, um ihnen zu zeigen, was Menschen Menschen antun können, könnte ich mir vorstellen, dass es sehr wichtig wäre, wenn sich auch in Deutschland junge Menschen mit diesem Thema befassen müssen. Seit sehr langer Zeit nutze ich jede Gelegenheit, in Schulen, Universitäten und wo immer ich zu jungen Leuten gerufen werde, Zeugnis abzulegen über diese schreckliche Zeit. Aber der Holocaust wird langsam zur Geschichte. Wir müssen andere Möglichkeiten finden, die Erinnerung lebendig zu halten. Wir geben jetzt den Stab der Erinnerung an die Nachkommen weiter. Sie haben Sorge zu tragen und die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass so etwas nie mehr passiert. Die vielen, vielen Opfer des nationalsozialistischen Wahnsinns dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Um unseren Nachkommen die Möglichkeit zu geben, die Erinnerung weiterzutragen, müssen sie die historischen Grundlagen kennen. Die jüngere Generation muss wissen, wie es dazu kommen konnte, dass Menschen, die uns am einen Tag noch gegrüßt haben, uns am nächsten Tag angespuckt haben. Nur weil wir Juden sind? Das ist für einen jungen Menschen, wenn er die Zusammenhänge nicht kennt, ziemlich unverständlich. Deshalb ist das Dokumentationszentrum so wichtig. Und deshalb ist es so wichtig, dass wir Gedenkstätten haben wie die am Obersalzberg, das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und leider auch die Konzentrationslager Dachau und Flossenbürg. Diese Stätten liefern anschauliche Grundlagen, um junge Menschen mit der deutschen Geschichte bekannt zu machen. Denn nur eine kluge Erinnerungskultur wird helfen, Fehlentwicklungen zu vermeiden. 

KDFB Engagiert: Sehen Sie immer noch große Lücken im Wissen über den Holocaust? 

Charlotte Knobloch: Wenn ich als Zeitzeugin in eine Klasse komme, merke ich sofort, wie gut die Schüler vorbereitet sind. Man kann es in den Gesichtern lesen. Früher habe ich oft feststellen müssen: Die Schüler denken, was geht mich der Holocaust an, ich habe eigentlich nichts damit zu tun. Mir ist heute klar, dass sie mit einer gewissen Schuldzuweisung gelebt haben und diese im Unterricht vermittelt bekommen haben. Heute sitze ich jungen Menschen gegenüber, die schon viel wissen über die Vergangenheit ihres Landes. Viele sind sehr daran interessiert, sich einer Erinnerungs- und Gedenkkultur widmen zu können. Das merke ich auch an ihren Fragen: Was sollen wir tun? Heute haben wir eine aufgeklärte junge Mannschaft, der die Schuld genommen wurde, die ihre Vorfahren auf sich geladen haben. Ich freue mich, ihnen die Verantwortung zu übergeben. 

KDFB Engagiert: Trotz aller Aufklärung sehen sich Juden in Europa einer wachsenden religiösen Intoleranz gegenüber. Jedes Jahr ist die Liste der Anfeindungen und Übergriffe lang, denen jüdische Bürger und Bürgerinnen ausgesetzt sind. 2015 begann mit den An­schlägen in Paris und Kopenhagen, die Menschen jüdischen Glaubens galten. Für wie groß halten Sie die Bedrohung derzeit? 

Charlotte Knobloch: Ihre Frage zielt auf die aktuelle Lage. Lassen Sie mich den Blick weiten auf die jüngste Vergangenheit. Die bedrohliche Entwicklung hat nicht mit dem Jahr 2015 begonnen, obwohl die ersten Tage dieses Jahres natürlich als sehr negativ zu bezeichnen sind. Wir hatten auch in Deutschland Übergriffe auf Synagogen. Und wir haben antisemitische Tendenzen, die in Deutschland mit dem Nahostkonflikt hochkochen. Auch die unselige Debatte um die Beschneidung haben wir nicht vergessen. Sie hat eine Medienkampagne ausgelöst, die sich über Mo­nate hinzog. Jeden Tag gab es neue Angriffe gegenüber der jüdischen Glaubensgemeinschaft: Sie gipfelten in den An­schuldigungen, wir seien Kindesmörder. Erst als die damalige Justizministerin einen Gesetzesentwurf vorlegte, beruhigte sich die Lage. 

KDFB Engagiert: Überwiegen die Anfeindungen? Oder gibt es auch Positives? Woran erkennen Sie, dass sich etwas in Bezug auf jüdische Bürger geändert hat?

Charlotte Knobloch: Wir sind heute in einer anderen Position als noch vor 70 Jahren. Es hat sich gezeigt, dass wir in Politik und Gesellschaft wahre Freunde haben, die sich klar gegen Antisemitismus und religiöse Intoleranz stellen. Ich spreche von Bundeskanzlerin Angela Merkel, von den Ministerpräsidenten Horst Seehofer und Edmund Stoiber. Ich spreche vom bayerischen Landtag und von den Kirchen. Es freut mich, wenn in Ansprachen betont wird, die jüdische Gemeinschaft sei gleichsam der „fünfte Stamm“ Bayerns. Deswegen bin ich sehr, sehr froh, dass sich mein Optimismus in Bezug auf ein Wiedererstarken der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland bewahrheitet hat. Wir zeigen, wir sind da, wir freuen uns, wir gehen gemeinsam in die Zukunft. Ich darf als Münchnerin er­leben, dass wir in meiner Heimatstadt gemeinsam das aufbauen, was zerstört wurde und verloren gegangen ist. Und ich hoffe, dass es in der nächsten Generation eine Normalität geben wird. 

KDFB Engagiert: Seit 1985 leiten Sie die Israelitische Kultusgemeinde in München. Sie waren die erste Frau in diesem Amt. Gab es deshalb Vorbehalte?

Charlotte Knobloch: Als ich gefragt wurde, ob ich die Vorsitzende der Gemeinde werden wolle, war meine erste Antwort: Da müssen Sie die Rabbiner fragen. Ich war hundertprozentig sicher, dass sie eine Frau ablehnen würden. Als die Nachricht kam, die Rabbiner hätten nichts dagegen, hat es mich regelrecht umgehauen. München galt als besonders orthodoxe Gemeinde. Und in der jüdischen Religion gilt die Frau als Hüterin des Hauses, die die Kinder erzieht. So habe ich es auch erlebt. Ich bin erst in die Politik gegangen, als meine Kinder mich nicht mehr gebraucht haben. Aber ich habe in der jüdischen Gemeinde keine Nachteile erfahren, weil ich eine Frau bin. Ich habe bei meiner Wahl klargemacht, dass ich mich in religiöse Entscheidungen nicht einmischen werde, sondern mich für die Verwaltung und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig sehe. Und heute hat das Münchner Beispiel Schule gemacht. Mittlerweile kann man bei den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden in Deutschland die Männer mit der Lupe suchen.   

KDFB Engagiert: Auch an der Spitze des Zentralrats der Juden haben Sie eine Vorreiterrolle eingenommen. War das ein ebenso großer Schritt? 

Charlotte Knobloch: Diese Wahl war absolut vergleichbar, weil der Zentralrat davor nur von Männern regiert worden war. Ich bin aber von meinen Kollegen sehr freundlich empfangen worden und habe keinen Frauen-Malus feststellen können. Inwieweit ich als Frau Akzente setzen konnte? Ich denke, Frauen haben es leichter, sich auf verschiedene Personen einzustellen, die oft nicht einfach sind. Es ist eine typische Eigenschaft von Frauen, dass sie einen intensiven Kontakt zu Menschen pflegen. Und ich habe das Gefühl, dass man sich als Frau nicht so schnell abweisen lässt. Frauen verstehen es, auf ihre eigene Art standhaft zu bleiben. Männer wollen meist nicht diejenigen sein, die einlenken, und beharren oft darauf, das letzte Wort zu haben. Jede Wahlperiode hat ihre eigenen Herausforderungen. Wenn ich zurückdenke, habe ich durch persönliche Kontakte viel erreicht.   

KDFB Engagiert: In der katholischen Kirche gilt die Frau als die, die den Glauben an die nächste Generation weitergibt – dennoch wendet sich ein Großteil der jungen Leute vom Glauben ab. Machen Sie ähnliche Erfahrungen?

Charlotte Knobloch: In den jüdischen Gemeinden machen wir zu hundert Prozent die gleichen Erfahrungen. Ich glaube, das ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft, egal welcher Religion Sie angehören, dass das, was die Eltern praktizieren, als altmodisch angesehen wird. Für junge Menschen steht das Moderne im Vordergrund, bis sie selbst in dem Alter sind, in dem sie erkennen, dass man beides vereinbaren kann, das Moderne und das Altmodische. Interessant ist, dass sich Jüngere für Re­ligion interessieren, wenn sie Kinder er­ziehen. Aber darüber hinaus sind sie sehr säkular orientiert. Das ist eine Zeitfrage, wenn man älter wird, ändert sich das, die Religion wird wieder wichtiger. Und immer schon waren Religionen Schwankungen unterworfen. Unsere Glaubensrichtungen bestehen Jahrtausende und haben Höhen und Tiefen erlebt – in jeder Hinsicht. Aber sie haben bis heute überlebt und werden auch weiter bestehen. Ich sehe das hoffnungsfroh.

KDFB Engagiert: Gibt es eine Botschaft, die Sie katholischen Frauen übermitteln wollen? 

Charlotte Knobloch: Ich habe eine intensive Erfahrung mit der katholischen Religion, weil ich sie drei Jahre sehr intensiv praktiziert habe, als ich als Kind in Franken von einer Bauernfamilie vor den Nazis versteckt wurde. Deshalb bringe ich dem Katholizismus viel Verständnis entgegen. Es geht heute darum, nicht nur die innere, auch die äußere Schönheit des Glaubens weiter zu pflegen. Ich habe aus eigener Erfahrung gesehen, dass eine Religion eine gewisse Attraktivität braucht, um zu wirken. Diese Attraktivität muss man herstellen. 

Ich wünsche den katholischen Frauen und den Menschen anderer Glaubensrichtungen, dass es ihnen gelingt, ihre Religion offen, zukunftsfreudig und für alle Menschen begreifbar darzustellen. Die Erziehung von Kindern ist die wichtigste Aufgabe, die sich uns stellt. Kinder haben es auch heute nicht leicht. Sie müssen lernen, dass man selbst ins Leben gehen muss, man wird nicht getragen. Und da ist es gut, wenn Kinder wissen, dass die Religion ihnen Halt geben kann.

Interview: Eva-Maria Gras
aus: Engagiert 5/2015

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