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Willkommen in Slowenien!

Slowenische Ansichten: der Bleder See mit der einzigen Insel des Landes. Foto: © Anja Povsnar
Fast blind malt Rezka Arnuš das Titelbild des Weltgebetstags, Foto: © Heiner Heine
Der Haushaltsgerätehersteller Gorenje gehört zu den wichtigsten Arbeitgebern Sloweniens. Foto: © Heiner Heine
Kathedrale St. Daniel in Celje. Foto: © Heiner Heine

Sie wehren sich dagegen, Benachteiligte auszugrenzen, und haben doch selbst viele Herausforderungen zu bewältigen. Frauen in Slowenien, dem ehemals sozialistischen Staat auf dem Westbalkan, kämpfen gegen häusliche Gewalt, Menschenhandel und Armut. Ein Beitrag zum Weltgebetstag am 1. März 2019. Links zu weiteren Artikeln finden SIe am Ende des Textes.

Ein Bach plätschert, Vögel zwitschern. Die sanften Hügel Südsloweniens erstrecken sich vor ihrer Terrasse – nur sehen kann sie sie nicht. Rezka Arnuš ist fast blind. Ihr Sehvermögen beträgt weniger als fünf Prozent. Schon mit 46 Jahren musste sie deshalb ihren Beruf als Physiotherapeutin aufgeben. Doch Rezka Arnuš hat ihren Lebensmut nicht verloren: Sie belegte Kunstkurse, solange es ihre Sehkraft erlaubte, und zählt heute zu den bekanntesten Künstlern ihrer Heimat. Und die 64-jährige Malerin repräsentiert ihr Land in aller Welt, da sie den Wettbewerb um das Weltgebetstags-Titelbild für 2019 gewann. Das Bild greift das Weltgebetstags-Motto „Kommt, alles ist bereit!“ als biblisches Festmahl auf.

Land der Vielfalt

Slowenien, nördlich von Kroatien gelegen und seit 2004 EU-Mitglied, besticht durch seine landschaftliche Vielfalt: Al­pen, Mittelmeerküste, Tiefebenen und Hügellandschaften. „In unserer Kultur und Küche vermischen sich Einflüsse aus den Nachbarländern Ungarn, Italien, Österreich und den Balkanstaaten. Wir sind Europa zugewandt, so verbindet uns mit Österreich die gemeinsame Geschichte“, er­klärt Vera Lamut vom slowenischen Weltgebetstags-Komitee.

Obwohl Slowenien ein kleines Land ist, sei es schwer, einen gemeinsamen Nenner zu finden – auch unter den Frauen: „Wie in Deutschland sind die Lebenssituationen sehr un­terschiedlich“, sagt die 72-Jährige, die in der Hauptstadt Ljub­ljana lebt. Vera Lamut kennt viele erfolgreiche Frauen, die als Direktorinnen oder Bürgermeisterinnen Karriere machen, aber auch Ungelernte, die sich auf dem Arbeitsmarkt schwertun und als Gastarbeiterinnen ins Ausland gehen. Aus dem sozialistischen Erbe – Slowenien gehörte bis zu seiner Unabhängigkeit 1991 zu Jugoslawien – blieben einige Gesetze zur Gleichberechtigung bewahrt. Aber trotz der Teilhabe von Frauen in Politik und Wirtschaft stehen viele Sloweninnen vor der He­rausforderung, ihre Rechte zu verteidigen und auszuweiten. So sind sie in leitenden Funktionen unterrepräsentiert, obwohl sie fast die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung stellen. 92 Prozent von ihnen ar­beiten in Vollzeit. Das ist dank des Angebots an Kindertagesstätten möglich. Trotzdem tun sich viele schwer, Beruf, Familie und Pflege von Angehörigen zu vereinbaren.

Rasche Hilfe: das Projekt „SOS-Notruf für Frauen und Kinder“

Špela Veselicˇ ist als Projektleiterin des Vereins „SOS-Notruf für Frauen und Kinder“ täglich mit Fällen häuslicher Gewalt konfrontiert. „Jede zweite Frau ab 15 Jahren hat psychische, jede vierte physische Gewalt erlitten. Sexuelle Gewalt ist nach wie vor ein Tabu. Die Frauen sprechen oft erst nach vielen Monaten darüber“, erklärt die 42-Jährige. Die kostenfreie Telefonhotline wird von 39 Ehrenamtlichen betrieben und seit einem Jahr vom Weltgebetstag mit Spendengeldern unterstützt. Die Aktiven beraten Frauen und Kinder oder überweisen sie bei akuter Bedrohung in eines der drei staatlichen Krisenzentren. Von dort aus geht es für viele Betroffene weiter in eines der 14 Frauenhäuser, von denen der Verein SOS-Notruf selbst zwei betreibt.

Mit öffentlichkeitswirksamen Kampagnen wird versucht, den Blick der Gesellschaft auf das Problem zu lenken. Denn viele Slowenen glauben immer noch, dass Frauen die Gewalt selbst verursachen, so Veselič: „Es heißt, Männer seien ag­gressiver als Frauen, also sei es auch normal, dass sie zu Ge­walt neigen. Von uns bekommen die Betroffenen eine klare Botschaft: Es gibt einen Ausweg, und wir helfen dabei!“

Anlaufstelle für Opfer von Menschenhandel

Ein weiteres Frauen-Hilfsprojekt wird mit den Kollekten des Weltgebetstags-Gottesdienstes gefördert: Die Organisation Ključ („Schlüssel“), eine Anlaufstelle für Frauen und Mädchen, die durch Menschenhandel verschleppt wurden oder in der Zwangsprostitution gefangen sind. Die Mitarbeiterinnen suchen gemeinsam mit den Betroffenen Wege aus Abhängigkeit und Zwangsprostitution. Dabei werden psychosoziale Beratung und berufsbildende Kurse kombiniert, um die Frauen in ein selbstbestimmtes Leben ohne Gewalt zu begleiten.

Das gleiche Ziel hat das Mütterheim „Pelikan“ der Caritas in Ljubljana, das ebenfalls vom deutschen Weltgebetstagskomitee gefördert wird. In dieser Einrichtung finden alleinerziehende Frauen mit ihren Kindern eine sichere Bleibe sowie Be­ratung und verschiedene Therapieangebote. Manchmal sind die Betroffenen selbst noch Kinder, erklärt Caritas-Sozialarbeiterin Suzana Gliha Škufca: „Wir haben junge Mädchen als Klientinnen, die schwanger wurden und von ihren Familien abgewiesen wurden. Aber auch Witwen ohne Geld oder ältere Frauen mit Partnerschaftsproblemen bekommen von uns Hilfe. Viele sind arbeitslos, manche ohne Ausbildung, die meisten suchen eine Wohnung.“ Bis zu einem Jahr können die Mädchen und Frauen im Mütterheim bleiben. Mit dem Team entwickeln sie Zukunftspläne und lernen, selbst Verantwortung für ihr Le­ben zu übernehmen. „Viele Frauen schaffen es. Wenn sie uns später besuchen und erzählen, dass sie ihr Leben genießen, ist das das schönste Geschenk für uns“, erzählt Škufca.

Armut ist in ländlichen Gebieten verbreitet, besonders im nordöstlichen Dreiländereck zwischen Österreich und Ungarn. In dieser wirtschaftlich schwächsten Region Sloweniens fehlt jedem Fünften ein sicheres Einkommen. Viele bauen Obst und Gemüse an, um sich selbst zu versorgen. Die junge Generation wandert ab. Ältere Menschen vereinsamen. „Besonders schwierig ist die Situation von Rentnerinnen auf dem Land“, erklärt Vera Lamut. Manche Renten liegen bei 300 Euro im Monat und ein Platz im Pflegeheim kostet 800 bis 1500 Euro. Ambulante Pflegedienste sind jedoch Mangelware. Manche Senioren sehen für sich keine Zukunft mehr – mit tragischen Folgen: Slowenien gehört weltweit zu den Ländern mit der höchsten Selbstmordrate bei älteren Menschen.

Stark betroffen von Armut ist auch die Volksgruppe der Roma. Offiziell zählt Slowenien 3.200 Roma, Erhebungen ge­hen aber von mindestens 10.000 aus. Viele leben am Rand der Gesellschaft ohne Arbeit, Bildung, Wasser und Strom. Andere wohnen in Pusčǎ, der größten Roma-Siedlung des Landes, in hübschen, kleinen Häusern und pendeln täglich zu den österreichischen Lederfabriken jenseits der Grenze oder arbeiten als KrankenpflegerInnen in der regionalen Klinik. Aber auch von dort wandern die jungen Menschen in die Städte ab oder landen in der Arbeitslosigkeit. Oft geraten sie in eine Alkoholabhängigkeit. Zudem sind Teenagerschwangerschaften und frühe Heiraten in Pusčǎ nichts Außergewöhnliches.

Ein Frauenverein der Roma 

Dagegen wollen sich die Frauen des Dorfes stark machen. Sie gründeten schon 2006 einen Frauenverein, um die Roma-Traditionen zu bewahren und gleichzeitig Frauen zu fördern. Mit einem vom Weltgebetstag geförderten Projekt „Frau – sei du selbst. Geschlechtergerechtigkeit in der Roma-Gemeinde“ wollen sie nun den jungen Frauen helfen: „Es geht darum, un­sere Teenager aufzuklären. Und wir wollen die Mädchen er­mutigen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, eine Ausbildung abzuschließen und stolz auf ihre Herkunft zu sein“, er­klärt Vorsitzende Sonja Horvat, die sich als Rentnerin in der katholischen Kirchengemeinde und bei der Caritas engagiert.

Der Frauenverein hat sich zudem zum Ziel gesetzt, überkommene Rollenmuster aufzubrechen und die gesellschaftliche Diskriminierung zu thematisieren: „Viele denken, dass Roma herumreisen und nichts tun, aber wir sind immer ganz normale Leute gewesen, die brav arbeiten, zur Schule gehen und auch den Gottesdienst besuchen“, sagt Joža Horvat, ein 53-jähriges Vereinsmitglied. Rund 60 Mädchen und Frauen zwischen 14 und 70 Jahren treffen sich alle vier bis acht Wo­chen zum gemeinsamen Kochen, zu ungarischen Volkstänzen, traditionellem Kunsthandwerk, Diskussionsrunden über neue Rollenbilder und Workshops. So hilft die Frauengemeinschaft auch gegen die Vereinsamung der älteren Frauen.     

Autorin: Karin Schott
aus: KDFB Engagiert 1+2/2019

 

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