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„Wie lange dauert es, bis man als neu Zugezogener teilhaben darf?“

Die Heimat zurückzulassen, ist die eine Sache. Die Heimat zu verlieren, weil es sie nicht mehr gibt, eine andere. Die verlorene Heimat aber kaum betrauern zu dürfen, weil man sich dann dem Vorwurf der Rückwärtsgewandtheit und „Ostalgie“ aussetzt, eine dritte. Millionen von DDR-Bürgern haben nach der Wende diesen Verlust, dieses Trauma, diese Entwertung erlebt, so auch das Ärztepaar Anne und Kurt G. Sie stammen aus Brandenburg, machten sich in den 90er-Jahren in München selbstständig und bekamen zwei Kinder.
Sie ist eine anregende Gesprächspartnerin, eine hochkultivierte Frau mit vielerlei Interessen: Literatur, Klassik, Politik. Medizin sowieso. Biochemie, Statistik, Geschichte, vor allem die osteuropäische. Sie spricht fünf Sprachen, die Konjunktive eingeschlossen, ist eine leidenschaftliche Köchin. Gesangsunterricht leistet sie sich für ihre Altstimme, und wenn sie die Zeit erübrigen kann, übt sie morgens, bevor sie sich an den Schreibtisch setzt, ein halbes Stündchen am Klavier. Es gibt so schnell kein Thema, zu dem sie nicht kluge, besonnene Worte fände. Oberflächlichkeit ist ihr ein Gräuel, in der Wissenschaft ebenso wie im Alltag.

Zu Hause, aber nicht daheim

Anne G. erzählt: „Hier, wo ich lebe, bin ich nach langem Ringen zu Hause. Es wird mir nie Heimat sein, es ist aber die Heimat meiner Kinder. Meine Heimat gibt es nicht mehr, meine Geburtsstadt hat sich zu sehr verändert. Wichtiger ist aber: Das Lebensgefühl, die Atmosphäre, die Werte, mit denen ich sozialisiert wurde, sind verschwunden.“
Ihr Heimat- und Herkunftsbegriff war stark geprägt von einer relativen Einfachheit der Verhältnisse in der DDR, wo es zwar an Materiellem fehlte, aber Bildung ein Wert an sich war. Ihr ist das noch heute ein höheres Gut als die Frage nach dem größten Fernseher, dem schnelleren Auto, dem teuersten Urlaub, der letzten Mode – den typisch westdeutschen Konversationsthemen, die ihr immer wieder bewusst machen, dass sie hier fremd geblieben ist, trotz ihres beruflichen Erfolges, trotz des schönen, großen Hauses im Münchner Umland. „Ja, ich mag auch schöne Kleider, aber mein Wollwintermantel ist inzwischen gepflegte 18 Jahre alt.“

Momente der Fremdheit

Es sind solche Momente der Fremdheit, sagt sie, „da ist das akute Verlustgefühl wieder da und fühlt sich an wie die plötzliche Erinnerung an einen Verwandten oder Freund, der sehr nah war, aber längst verstorben ist.“ Der kleine, zweite deutsche Staat war so ein Freund. Er ermöglichte ihr ein gründliches Medizinstudium, eines, das nicht nur von schnellem Auswendiglernen geprägt ist wie im Westen, sondern auf Erfahrung am Krankenbett aufbaute. Er ermöglichte ein Gesundheitssystem, das effizienter und in vieler Hinsicht erfolgreicher und demokratischer war als das westdeutsche. Er ermöglichte solidarische Nachbarschaften, denn die Menschen waren aufeinander angewiesen und halfen sich gegenseitig. „Die gibt es zwar auch im Westen, aber wie lange dauert es, als neu Zugezogener an einer bestehenden, gewachsenen Gemeinschaft teilhaben zu dürfen?“ Er ermöglichte ein Bildungssystem, das Kinder bis zur zehnten Klasse miteinander unterrichtete und nicht nach der vierten Klasse auseinandersortierte. Ein Bildungssystem auch, das das Denken in übergreifenden Zusammenhängen ebenso schulte, wie es ein breit angelegtes allgemeines Wissen vermittelte.

„Meine Entwurzelung werde ich mit ins Grab nehmen.“

„Dazu ein nettes kleines Beispiel: Freunde von mir haben sich nach der Wende mit einem Ehepaar aus dem Rhein-Main-Gebiet angefreundet. Mein Freund hat mittlere Reife, also die zehnte Klasse der DDR und eine abgeschlossene Berufsausbildung, meine Freundin Abitur plus abgeschlossenes Studium. Das andere Paar – hessischer Realschulabschluss plus Lehre. Also, meine Freunde besuchen dieses Paar, und man fährt als Ausflug ins nächstgelegene Mittelgebirgchen. Mein Freund und meine Freundin freuen sich daran, wie schön man sieht, dass es sich um ein Bruchschollengebirge handelt. Nur – die anderen wussten nicht, was das ist – geschweige denn, woran man es in einer Gesteinsformation erkennt. Das ist nun nicht unbedingt überlebenswichtig, aber wenn ich das auf meine Erfahrungen mit Kenntnissen in Biologie und Chemie übertrage, wundert mich nicht, warum manche Irrläufe zum Beispiel bezüglich der Ernährung eher im Westen als im Osten verfangen.“
Anne G. spricht nicht oft über ihren Heimatverlust und wenn, dann nicht mit Westdeutschen. Zu oft hat sie erlebt, dass die Reaktion Befremdung war, dass der Verlust vom Tisch gewischt wurde, dass ihr Fehler der DDR vorgehalten wurden. Zu oft, dass der Vorwurf der Undankbarkeit mitschwang oder im besten Fall Unverständnis. Es gibt keinen Platz für den Kummer, also schweigt sie darüber: „Meine Heimatlosigkeit und Entwurzelung werde ich mit ins Grab nehmen.“            

Susanne Zehetbauer

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