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Wenn die Heimat versinkt

Land unter: So hieß es im Juni in einigen Regionen Bayerns. Viele Frauenbundsfrauen waren unmittelbar betroffen – manche leiden bis heute unter den Folgen des Jahrhunderthochwassers. Aber sie haben auch gemerkt: Auf die Solidarität im Frauenbund ist Verlass. Er half schnell und unbürokratisch.


Dass es so schlimm kommen würde, hätte sich niemand vorstellen können. Der Regen wollte nicht aufhören. Im­mer höher stiegen die Pegel von Donau und Isar. Immer lauter wurden die Warnungen der Behörden. Immer drängender die An­weisungen, doch das Nötigste zusammenzupacken und sich auf eine Evakuierung vorzubereiten. Und dann der Anruf. Am 4. Juni um 7 Uhr morgens. „Pack deine Sachen, das Wasser kommt“, sagte eine Rathaus-Angestellte zu Monika Wellner. „Ich habe ihr sofort geglaubt, schließlich ist sie eine gute Be­kannte und befand sich im Rathaus an vorderster Front.“ Also weg aus Fischerdorf, das Haus den Fluten überlassen. Monika Wellner nimmt die wichtigsten Dokumente mit und bringt sich und ihre Tochter in Sicherheit – bei einer Freundin. „Da habe ich immer noch gedacht, am nächsten Tag sind wir wieder zu Hause. Das Wasser kommt und geht wieder.“ Erst als sie im Fernsehen und Internet die Bilder sieht, wird ihr das Ausmaß der Katastrophe bewusst: Ein Damm ist gebrochen, die Isar wird zum Meer, ein ganzer Landstrich steht unter Wasser – Bilder, die man sonst nur aus fernen Regionen kennt, eine stinkende braune Brühe, die alles umspült, Tiere, Bäume, Autos mit sich reißt. Und mittendrin ihr Haus, am Ortsrand von Fi­scherdorf. Einfach abgesoffen.
Zehn lange Tage sollte es dauern, bis sie wieder einen Fuß über die Schwelle setzen konnte.

Schadstoffe im Mauerwerk und in den Möbeln


„Erst da ist mir klar geworden, was passiert ist“, sagt sie. Das Wasser war in jede Ritze des Kellergeschoßes eingedrungen und stand bald eineinhalb Me­ter im Erdgeschoß. Es hatte die Bauernschränke in der Diele um­geworfen, den Fernseher im Wohnzimmer aus der Schrankwand gerissen. Die Wohnräume ein einziges Trümmerfeld. Und das war nur die Oberfläche. Un­sichtbar blieben die Schadstoffe, die das Wasser hinterlassen hat. Es war eine ge­fährliche Brühe, die Öltanks umgeworfen und sich mit Heizöl angereichert hat, die Fäkalien und Tierkadaver mit sich führte. „Das ist alles he­reingespült“, sagt Monika Wellner. Als das Wasser weg ist, geht es nicht nur ums Aufräumen. Da müssen Spezialisten her, um zu schauen, wie stark die Bausubstanz angegriffen ist und ob sich die Wände mit Schadstoffen vollgesogen haben. Irgendwann, viel später, kommt die Entwarnung: Das Haus der Wellners muss nicht abgerissen werden. Der Schaden wird erst auf 160000 Euro, dann auf 190000 Euro geschätzt. Aber das betrifft nur die Bausubstanz, da ist das beschädigte Inventar noch gar nicht mit drin. Erst Ende November kann Monika Wellner das erste Wochenende wieder im Haus verbringen – im oberen Stockwerk. Bis heute lebt die 54-Jährige auf einer Baustelle, das Erdgeschoß gleicht einem Rohbau. Zwei Außenwände sind ersetzt, alle Innenwände bis auf 1.30 Meter abgetragen und neu aufgebaut. Die Be­tonplatte musste verschweißt werden, damit die schädlichen Rückstände nicht in die Umwelt ab­gegeben werden. „Es war ein tolles Gefühl, als wir endlich wieder die beschädigte Treppe, die ins Obergeschoß führt, mit einer Girlande und Lichtern weihnachtlich schmücken konnten. Meine erwachsenen Kinder kamen dazu und haben mit Begeisterung mitgemacht.“

"Der Frauenbund hat uns nicht im Stich gelassen"

Der Deggendorfer Stadtteil Fischerdorf ist von der Flut nachhaltig geschädigt. Es müssen zwischen 150 und 200 Häuser abgerissen werden – in Monika Wellners Straße allein acht. Aber wegziehen? Wer will das schon? „Da war so eine große Hilfsbereitschaft – auch bei wildfremden Leuten. Das kann nur nachempfinden, wer das miterlebt hat“, sagt Monika Wellner. „Und ich möchte mich ganz, ganz herzlich beim Frauenbund bedanken“, fügt sie hinzu. Mit einer So­forthilfe von 300 Euro, mit Sach- und weiteren Geldspenden hat er Frauen, die vom Hochwasser betroffen waren, unterstützt. „Der Frauenbund hat viel für uns getan. Er hat uns nicht im Stich gelassen“, sagt Monika Wellner.
„Schreiben Sie das ganz dick rein: Vielen herzlichen Dank an den Frauenbund! Diese Solidarität war großartig.“ Annemarie Lutz bekommt glänzende Augen, wenn sie sich an die erste Zeit nach der großen Flut erinnert. Sie ist sich mit anderen Flutopfern aus ihrem Heimatort Niederalteich einig: Die rasche Hilfe des Frauenbundes war ein ermutigendes Zeichen für die Geschädigten. Zweigvereinsvorsitzende Christina Kaineder aus Niederalteich stimmt ihr zu: „Es ist sehr gut angekommen, dass der Frauenbund so schnell geholfen hat. Und dass er so offen war und die Hilfe nicht auf Mitglieder be­schränkt hat. Keiner musste nachweisen, wie schlimm sein Schaden war. Wir wussten ja, wen es getroffen hatte“, erklärt die 54-Jährige. „Wir sind in dieser Zeit im Frauenbund stärker zusammengewachsen. Nicht nur der Diözesanverband, auch wir im Zweigverein haben Spenden ge­sammelt und sie verteilt. Frauen, die bisher nicht so aktiv waren, ha­ben sich jetzt engagiert.“
Auch in ihrem Haus in Niederalteich stand das Donauwasser kniehoch. Es zerstörte die Küche, das Herzstück der Wohnung, die Möbel im Erdgeschoß. Der Putz musste von den Wänden abgeschlagen werden. „Glücklicherweise hatten wir keinen großen Ölschaden“, erklärt Kaineder. Fünf Tage durfte sie das Gebäude nicht betreten, erst dann war das Wasser auf 15 Zentimeter gesunken. Einen Monat lang kam die Familie bei Be­kannten im Bayerischen Wald unter. Dann richtete sie sich notdürftig im Obergeschoß ihres Hauses ein, um die Ar­beiten der Handwerker zu koordinieren. „Weil wir vieles in Eigenleistung geschafft haben, konnten wir nach fünfeinhalb Monaten in ein fast intaktes Erdgeschoß einziehen.“

Erschöpft, aber glücklich, die Heimat wieder zu haben 

Nur wer heute in Kaineders Esszimmer genau hinschaut, entdeckt noch Spuren: An einem alten Küchenbüffet aus ro­hem Fichtenholz sieht man, wie hoch das Wasser stand. Auf Kniehöhe ist ein deutlicher Rand geblieben. „Ich will nicht al­le Spuren beseitigen“, sagt Christina Kaineder. „Denn nach der Flut ist vieles anders geworden.“
Zuerst habe sie versucht, das Ganze sportlich zu nehmen, erinnert sie sich. Ein Schlafzimmer wurde zum Esszimmer, das Badezimmer zur Küche. Auf der Badewanne lag eine Ab­deckplatte, darauf stand der Campingkocher. Aus dem Untergeschoß dröhnten die Trocknungsmaschinen Tag und Nacht.
„Als die Maschinen ausgeschaltet wurden, hat die Stille in den Ohren richtig weh getan“, erinnert sich auch Annemarie Lutz. Und noch andere Erinnerungen tauchen auf: „Ich habe als Kind den Feuersturm von Dresden erlebt“, erklärt Annemarie Lutz. „Da­mals ging es ums schiere Überleben. Keiner hatte Zeit, mit uns Kindern über den Schrecken zu sprechen.“ Beim Adventskranz-Verkauf des Frauenbundes vor dem Pfarrheim in Niederalteich kann die 74-Jährige aber über das Chaos nach der Flut schon wieder schmunzeln. Weil sie das Inventar aus dem Untergeschoß, das noch brauchbar war, in Kisten packen musste, ging viel Zeit fürs Suchen drauf. „Bis heute vermisse ich mein Nudelholz. Es muss irgendwo sein, aber ich habe es noch nicht gefunden“, lacht sie. „Deshalb findet Weihnachten eben ohne selbst gebackene Lebkuchen statt.“ Wie tief er­schüttert sie von der Flut war, spürte sie in den Wo­chen da­nach: Sie fühlte sich beim Gehen unsicher und war ständig er­schöpft. „Auch heute noch merke ich, meine Batterien sind leer.“
Christina Kaineder stürzte sich gleich wieder in die Ar­beit. „Aber ich habe schnell gemerkt, dass das nicht geht“, räumt sie ein. Als Berufsberaterin betreut sie Jugendliche beim Einstieg ins Berufsleben. „Das war einfach zu anstrengend gleich nach der Flut“, erklärt sie. „Ich musste gleichzeitig in verschiedenen Ebenen denken: die Arbeit, die Familie, die Baustelle.“ Immer wieder stellte sie fest, dass sie Dinge verlegte und vieles vergaß. „Ich glaube, das Gehirn hat einen Schutzmechanismus. Es schaltet einfach ab, wenn ihm alles zu viel wird.“ Und die gebürtige Fränkin gibt zu, dass sie nicht damit gerechnet hatte, wie stark sie in Niederalteich verwurzelt ist. „Früher habe ich gedacht, ich könnte überall leben. Heute weiß ich, wenn die Heimat untergeht, will man sie un­bedingt wiederhaben. Mir ist plötzlich bewusst geworden, wie stark ich doch an allem hänge.“     

Eva-Maria Gras

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 1+2/2014

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