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Weltgebetstag der Frauen: Bahamas

Weißer Sand und Palmen, Korallenriffe im türkisblauen Wasser – die Bahamas gelten als Urlaubstraum. Doch der ist nicht frei von Schatten: Frauen leiden unter sexueller Gewalt, auch Kindesmissbrauch und Teenager-Schwangerschaften sind verbreitet. Ein Beitrag zum Weltgebetstag der Frauen am 6. März 2015.

Es kam, wie es kommen musste in einer Gesellschaft, die Mädchen von klein auf befiehlt: Sei sexy! Mach dich hübsch! Gefalle! Einer Gesellschaft, in der Mädchen wie Mary nicht lernen, Nein zu sagen, und Jungen wie Tom ermuntert werden, möglichst früh viele sexuelle Erfahrungen zu sammeln, damit sie „echte“ Männer werden. Einer Gesellschaft, in der seit Generationen das anzügliche Sprichwort kursiert: „Wenn mein Hähnchen unterwegs ist, sperr dein Küken besser weg!“ Nun also Mary und Tom. Eine Begegnung am blauen Meer. Süße Worte, tiefe Blicke. Ein junger Tauchlehrer und ein 15-jähriges Schulmädchen, das dahinschmolz.   

Viele junge Mädchen sind Opfer einer Vergewaltigung

Mary hatte Glück: Tom drängte, aber er wurde nicht brutal. So war Marys erster – und folgenreicher – Sex keine Vergewaltigung, anders als bei vielen ihrer Altergenossinnen: 45 Prozent der Mädchen gaben in der Studie zur Jugendgesundheit von 2012 an, dass bei ihrem „ersten Mal“ Gewalt im Spiel war.

Zwei Monate nach dem Treffen mit Tom wurde es Mary morgens übel. Was das bedeutete, war klar. Als Tom von der Schwangerschaft hörte, brach er sofort den Kontakt zu ihr ab. Er hätte bereits eine Freundin und die wolle er bald heiraten. Hilfe war von ihm nicht zu erwarten. Marys Mutter, selbst erst Anfang 30, selbst mit 16 geschwängert und vom Freund sitzen gelassen, tobte. Wie sollte Marys Leben werden, mit Kind und ohne Schulabschluss? Wie sollten sie über die Runden kommen in ihrer Hütte im Armenviertel von Nassau, der Hauptstadt der Bahamas? Mit den paar Dollar, die sie mit dem Verkauf von Strohtaschen an Touristen verdiente, deren Kreuzfahrtschiffe im Hafen anlegten? 

Früh schwanger – kein Schulabschluss

Teenagerschwangerschaften sind auf den Bahamas der Normalfall: Wie Mary ist fast jede vierte junge Mutter bei der Geburt ihres ersten Kindes noch minderjährig – eine „Teenmum“. Die Oberin des Benediktinerinnen-Konvents in Nassau, Schwester Annie Thompson, erzählt: „Viele brechen die Schule ab, weil sie sich schämen.“ Oder weil die Schulen den schwangeren Mädchen nahelegen zu verschwinden – auch das ist in der Gesellschaft, die Sexualität tabuisiert, nicht selten.  

Marys Bauch wuchs. Eine ihrer Lehrerinnen empfahl ihr, sich an PACE zu wenden, eine Organisation, die jungen Schwangeren hilft weiterzulernen und nach der Geburt auf der regulären Schule die Ausbildung fortzusetzen. Auch der 15-jährigen Mary konnte PACE helfen, trotz Schwangerschaft, Geburt und anstrengender Säuglingspflege, den High-School-Abschluss abzulegen. Nun träumt die inzwischen 17-Jährige davon, eine Krankenschwestern-Schule zu besuchen. Auf ihre kleine Tochter Susan will dann ihre Mutter Sarah aufpassen, die inzwischen ganz vernarrt in ihre Enkelin ist. „Wir Bahamaer lieben Kinder. Kinder sind immer ein Segen, auch in schwierigen Zeiten. Und wir Frauen schaffen das schon zu­sammen, auch ohne Männer. Leider wohnt meine Mutter nicht bei uns, sonst wären wir jetzt vier Frauengenerationen unter einem Dach.“

Schluss mit der Doppelmoral

Vielleicht wird es der Teenmum Mary gelingen, auch mit ihrer kleinen Tochter ein besseres Leben aufzubauen. Und vielleicht wird es ihr gelingen, ihrer kleinen Tochter einen anderen, selbstbewussteren Umgang mit Männern mitzugeben, damit sich ihre Geschichte nicht wiederholt. Daran arbeitet jedenfalls das BCC, das Bahamas Crisis Center (Bahamaisches Zentrum für Krisenintervention), in das bereits seit 2013 ein Teil der Weltgebetstagskollekte fließt. Das BCC hat sich zum Ziel gesetzt, sexuelle und häusliche Gewalt zu bekämpfen und die Gesellschaft zu sensibilisieren. „Wenn wir Erfolg in unserem Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt haben wollen, dann müssen wir uns mit deren kulturellen Wurzeln auseinandersetzen“, sagt Sandra Dean-Patterson. Dazu gehört für sie auch, über das Tabuthema Sexualität zu reden, übers Neinsagen, über Vergewaltigungen – derzeit haben die Bahamas eine der höchsten Verge­waltigungsraten weltweit. Und auch über die Doppelmoral, die schwangere Mädchen wegen zu frühem Sex verurteilt und Jungen zu frühem Sex ermuntert. In kaum einem anderen Land der Welt werden junge Menschen so jung sexuell aktiv wie auf den Bahamas: Rund ein Drittel von ihnen sind bei ihrem „ersten Mal“ noch keine dreizehn Jahre alt. Sexuelle Übergriffe gegenüber Kindern und Jugendlichen nehmen weiterhin zu. 

Das Idealbild: die Frau, die sich zurücknimmt

Mit dem Slogan „Lasst uns reden“ wendet sich das BCC in einer weitverbreiteten Aufklärungskampagne an Jugendliche. Über Spots in Zeitungen, Radio, TV und den sozialen Netzwerken im Internet lernen sie, sexuelle Gewalt als Unrecht zu erkennen. Auch der häuslichen Gewalt ist trotz strenger Gesetzgebung schwer beizukommen, weiß Dean-Patterson: „Das Idealbild der Bahamaerin ist eine Frau, die sich zurücknimmt, ihre Kinder großzieht und sich um das Wohlergehen ihrer Familie kümmert. Sie ordnet sich klaglos ihrem Mann unter und sieht über seine erotischen Eskapaden kommentarlos hinweg.“ Wenn Frauen gegen ihre gesellschaftlich und familiär zugewiesene Rolle aufbegehren, ihre Männer aber den alten Mustern verhaftet bleiben, beginne oft ein Teufelskreis der häuslichen Gewalt, sagt Dean-Patterson.

Viele Frauen ernähren die Familie allein

Dass es Männer als selbstverständlich ansehen, fremdzugehen und mehrere Freundinnen zu haben, müssen viele bahamaische Frauen hinnehmen. Männer gründen häufig eine neue Familie und lassen Frau und Kinder unversorgt zurück. So sind viele Frauen im Inselstaat Alleinernährerinnen ihrer Familien, ein großer Teil ist alleinerziehend, weil die Ehemänner aus wirtschaftlicher Not ins Ausland gehen, vor allem in die USA. 

„In unserer Straße leben schon fünf Frauen allein mit ihren Kindern. Unser Viertel ist ein sozialer Brennpunkt, hier gibt es auch Drogenabhängige und Kriminelle. Aber Gott beschützt uns“, erklärt Sarah, die als gläubige Protestantin viel Kraft aus den Sonntagsgottesdiensten zieht. Für sie ist der zweistündige Gottesdienst mit Gospelgesängen, Live-Musik und den lebhaften Predigten wie für viele andere Bahamaer der Höhepunkt der Woche.

„Die Kirche ist auch auf den abgelegenen Inseln, den Out Islands, der Treffpunkt am Sonntag. Die Frauen machen sich extra schön mit tollen Hüten, schicken Kleidern und weißen Handschuhen. Für Bahamaerinnen ist Schönheit ein wichtiges Thema, und so wollen sie auch für Gott toll aussehen“, erklärt Angela Oelschlägel, die acht Jahre lang das Touristenbüro der Bahamas in Frankfurt geleitet hat. 

Jüngere sehen keine Perspektive auf den Inseln

Die Tourismusexpertin war schon viele Male in der Karibik, kennt auch die „Out Islands“. Diese Inseln, die zu den Bahamas gehören werden auch „Family Islands“ genannt. Denn dort leben die Familien vieler Berufstätiger, die in Nassau oder Freeport arbeiten. „Die Arbeitslosigkeit belastet viele Einwohner der Family Islands. Hierher verschlägt es nur wenige Touristen, und so lässt sich nicht viel Geld verdienen. Die Jüngeren sehen keine Perspektive und hoffen, nach Nassau ziehen zu können“, erläutert Angela Oelschlägel, die auf den Weltgebetstagsseminaren als Bahamas-Expertin auftrat. 

Nur 30 der 700 bahamaischen Inseln sind bewohnt. Die einzige Verbindung zwischen ihnen sind das Flugzeug oder das Postboot. Fähren gibt es nur wenige, da das Meer zu flach ist. So haben sich Hoteleigentümer eigene Flugzeuge zugelegt, um ihre Gäste abzuholen. Für die Bewohner ist es immer ein Festtag, wenn das schwerbeladene Postschiff kommt. Da es auf den Family Islands nur wenige große Geschäfte gibt, muss fast alles bestellt werden, oftmals aus den USA. So werden mit dem Postboot nicht nur Briefe, Pakete und Zeitungen geliefert, sondern auch Möbel, Elektrogeräte und viele Lebensmittel.

Im Gegensatz zum quirligen Tourismuszentrum Nassau ist der Lebensstil auf den Family Islands sehr beschaulich, geprägt von Fischfang und Landwirtschaft. Auch Sarahs Mutter, Miriam, lebt dort – auf Cat Island. Die Insel ist idyllisch mit schneeweißen Sandstränden und glasklarem Wasser, aber der Boden ist karg. Trotzdem baut Miriam Tomaten und Melonen an, die sie im Geschäft einer Freundin verkauft. Zudem versucht die 52-Jährige mit der Herstellung von Muschelschmuck und Strohwaren etwas zu verdienen. „Das Geld reicht zum Überleben, und ich muss meine Tochter nicht anbetteln“, erzählt sie stolz.

Angst vor Hurrikans

Die Inselidylle wird aber nicht nur durch Armut getrübt. Von Juni bis Oktober färbt sich manches Mal der Himmel bedrohlich schwarz: Dann ist Hurrikansaison. Die tropischen Wirbelstürme entwurzeln Bäume, knicken Strommasten ab, beschädigen Häuser und führen zu schweren Überschwemmungen. Miriam verlor beim Wirbelsturm „Irene“ im August 2011 ihr Hab und Gut. „Ich bin froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. Das Meer stieg bedrohlich an. Plötzlich war alles überschwemmt, und das Wasser hat die ganze Hütte weggerissen.“ Nachbarn halfen ihr, alles wieder notdürftig aufzubauen. 

Vernagelte Fenster und Liegestühle im Pool

Die Bahamas-Expertin Oelschlägel hatte das Pech, mit einer Reisegruppe einen Hurrikan mitzuerleben: „Ich bin ruhig geblieben, weil ich darauf vertraut habe, dass die Einheimischen genau wissen, was zu tun ist. Sie nagelten Fenster zu, verpackten alle elektrischen Geräte in Plastik, um sie vor Nässe zu schützen. Sogar die Kokosnüsse wurden von den Palmen geschlagen und alle Liegestühle in den Pool geworfen, damit sie nicht wie Geschosse durch die Luft fliegen.“

Bedrohlich findet Angela Oelschlägel den Klimawandel. Sollte der Meeresspiegel weiter ansteigen, sieht sie die Bahamas vom Untergang bedroht: „Bis auf einen 63 Meter hohen Hügel auf Cat Island liegen die Inseln nur wenige Meter über dem Meeresspiegel. Sie würden verschwinden.“ 

Nichts geht ohne die Frauen

Seit Hurrikan „Irene“ lebt Miriam in ständiger Angst vor Flut und Stürmen: „Unsere Insel ist den Naturgewalten nahezu schutzlos ausgeliefert. Obwohl ich Cat Island liebe, habe ich schon daran gedacht, zu meiner Tochter nach Nassau zu ziehen. Aber ich will sie nicht belasten, nachdem sie ihre Familie schon selbst ernähren muss.“ Miriam ärgert es, dass ihrer Tochter und ihrer Enkelin das Schicksal vieler Frauen widerfahren ist, sich als alleinerziehende Mutter durchschlagen zu müssen. „Aber so ist es eben auf den Bahamas: Die Frauen halten hier alles am Laufen.“

Autorin: Karin Schott
aus: Engagiert 3/2015