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Was uns ausmacht: Angst

Altabt Notker Wolf, Foto: privat

Altabt Notker Wolf war Chef aller Benediktiner weltweit. Zur aktuellen Situation hat er das Buch „Schluss mit der Angst – Deutschland schafft sich nicht ab“ veröffentlicht. 

KDFB Engagiert: Was hat Sie veranlasst, das Buch zu schreiben? 

Notker Wolf: Ich bin vor einem Jahr aus Rom zurückgekehrt. Schon dort und nach meiner Rückkehr habe ich festgestellt, dass der größte Unterschied nach 16 Jahren im Ausland die Angst ist, die nun in Deutschland zu herrschen scheint. Angst vor der Zukunft. Angst, dass der Wohlstand nicht gehalten wird. Angst vor den Flüchtlingen. Angst vor dem Islam... 

Was braucht unsere Gesellschaft, um mit der Situation umgehen zu können? 

Notker Wolf: Zunächst brauchen wir Gelassenheit. Wir haben in der Vergangenheit viele Probleme bewältigt. Der Wiederaufbau in der Nachkriegszeit, die Studentenrevolte mit ihren gesellschaftlichen Umbrüchen, die Ölkrise... Wir sind damit fertig geworden. Aber heute sind wir in einem Absicherungswahn und meinen, schon jetzt die Probleme der nächsten Jahre lösen zu können. 

Angst lähmt. Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

Notker Wolf: Wir blockieren. Wir sehen nicht mehr nach vorne. Wir sind nicht mehr gelassen genug, um zu sagen: Jetzt setzen wir uns alle an einen Tisch und suchen nach einer Lösung. Wir meinen, wir seien tolerant. Aber ich habe den Eindruck, wir sind stattdessen politisch korrekt und nicht mehr kompromissbereit. 

Gibt es noch einen Konsens, was unsere Werte betrifft?

Notker Wolf: Das ist schwer auszumachen. Ein Konsens besteht, denke ich, hinsichtlich der individuellen Freiheit, der Freiheit der Medien und der rechtsstaatlichen Demokratie. Aber was die einzelnen kulturellen Werte angeht, zum Beispiel in Ehe und Familie, da hat sich vieles gewandelt und es besteht wenig Konsens.  

Was halten Sie davon, wenn wir unsere eigenen Feste sinnentleeren und zum Beispiel das Martinsfest zum Lichterfest werden lassen?

Notker Wolf: Damit geben wir uns selber auf. Das gehört mit zu unserer Tradition. Ich bin keiner, der sagt, wir müssen Tradition um der Tradition willen aufrechterhalten – sondern die Tradition gibt uns Orientierung und Halt. Es ist gut, wenn Kinder nicht einfach ein Lampenfest feiern, sondern erfahren, dass der heilige Martin seinen Mantel geteilt hat. Diese Bereitschaft, mit anderen zu teilen, muss in unserer Gesellschaft erhalten bleiben. Das zeigt sich in größerem Stil dann bei der sozialen Marktwirtschaft. 

Begegnung ist für Sie Bürgerpflicht. Warum?

Notker Wolf: Wir müssen aufeinander zugehen. Es gibt unterschiedliche Meinungen, aber wir brauchen sie nicht mit Fäusten austragen, sondern wir müssen diskutieren. Wir haben immer noch eines gemeinsam, und das ist die Vernunft. Der Dialog zwischen den Religionen ist sehr wichtig, und das ist nicht nur ein intellektueller Dialog. In dem Moment, wo ich den anderen wirklich als Menschen kennenlerne, lerne ich ihn auch schätzen. Nur dort, wo Fundamentalisten zusammenkommen, ist fast nichts mehr möglich. Aber so wie jede Religion ihr Konfliktpotenzial in sich trägt, sobald es in Richtung Fundamentalismus geht, so trägt auch jede Religion ein Friedenspotenzial in sich. Ich meine, das müsste man bei politischen Friedensbemühungen berücksichtigen. 

Lassen Muslime Andersgläubige als ebenbürtig gelten?

Notker Wolf: Das ist eine ganz schwierige Frage, die ich auch den Muslimen immer wieder stelle, und eine Haltung, die ich einfordere. Soweit wir im Dialog stehen, erlebe ich es so, dass sie uns gelten lassen. Denn sie respektieren uns, wenn sie uns als religiöse Menschen erfahren. Was anderes ist es, wenn sie uns im Kontext mit Pornografie oder Lächerlichmachen der Religion wahrnehmen. Ich kann nicht in den Schmutz ziehen, was dem anderen heilig ist. Aber welche Grenzen das hat, darüber muss man diskutieren. Wenn ich eine Papstkarikatur sehe, kann ich sagen, das kratzt mich nicht. Das geht auf diesen einen Karikaturisten zurück. Das ist bei den Muslimen anders. 

Was kann man tun, um die Ängste weniger werden zu lassen?

Notker Wolf: Aufklärung und menschliche Begegnung. In dem Moment, wo ich beginne, mit dem anderen zu reden, fallen Vorurteile und unausgesprochene Verdächtigungen weg. Wir müssen uns mit der Angst konfrontieren. Es bringt nichts, sich zurückzuziehen. Die Zukunft wird anders sein, Angst besteht oft darin, die Gegenwart festhalten zu wollen. Wir fühlen uns unsicher, wenn etwas Neues auf uns zukommt. Das heißt, dass ich mich ändern muss. Davor haben viele Angst. Ich bin neugierig auf die Zukunft. Das sind unterschiedliche Grundeinstellungen. 

Sie finden, dass wir manchmal strenger sein müssen in der Beurteilung derer, die bei uns bleiben wollen.

Notker Wolf: Wir müssen lernen, die andere Kultur zu akzeptieren, wenn wir dort sind. Wenn ich ins Ausland gehe, richte ich mich nach den Gepflogenheiten, die dort üblich sind. Das ist eine Frage des Respekts vor dem anderen. Und genauso möchte ich auch respektiert werden. Toleranz ist nicht einseitig, sondern gegenseitig. Ich fordere von den Flüchtlingen, die zu uns kommen, dass sie sich an unsere Gepflogenheiten halten. Die müssen sie zum Teil erst lernen. Das ist mühsam. Aber wenn diese Bereitschaft nicht da ist, sollte man das Land wieder verlassen.

Warum sind Sie sicher, dass wir uns nicht abschaffen?

Notker Wolf: Dafür haben wir zu viele Stärken. Was unseren Wohlstand angeht, so müssen wir vielleicht mehr mit anderen teilen. Aber wir profitieren ja auch von den anderen, ohne die Exportwirtschaft wären wir wesentlich ärmer. Wir haben eine große technische Kraft und viel Erfindergeist. Wir haben noch andere Stärken, Fleiß, Arbeitseinsatz. Die Italiener respektieren die Deutschen wegen ihrer Durchsetzungsfähigkeit. Aber sie haben auch Angst vor unserer Schulmeisterei. Kulturelle Verschiedenheit ist für mich keine Quelle der Angst, sondern der Bereicherung. Das war in meinem Leben immer enorm wichtig.

Interview: Claudia Klement-Rückel
aus: KDFB Engagiert 1+2/2018

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