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Was euch ausmacht: Regeln und Freiheit

Lillian Ikulumet, Foto: privat

Die Journalistin Lillian Ikulumet, 37, floh aus Uganda, weil sie über die Rechte von Homosexuellen geschrieben hatte. Heute arbeitet sie für deutsche Medien. Und richtet ihren Blick regelmäßig auch auf die neue Heimat. 

„Den Deutschen eilt der Ruf voraus, ordentlich zu sein und sich an die Gesetzesbücher zu halten. Aber einiges davon kommt mir seltsam vor, und ich frage mich, wie ich damit umgehen soll.

Manchmal ist die Kunst, sich an die Regeln zu halten, in diesem Land ebenso unfassbar ausgeklügelt wie „made in Germany“ gefertigte Maschinen. Sollte man jedoch die Gesetze stören, wird man endlose Rechnungen und Mahnungen von Behörden bekommen. Sei es, dass man falsch geparkt hat, die Waschmaschine nach 21 Uhr laufen lässt oder mit zu lauter Stimme in der Nacht redet. Trotzdem habe ich festgestellt, dass viele meiner deutschen Freunde die Regeln ohne Probleme befolgen. Auch wenn die rote Ampel bedeutet, den Bus auf der anderen Straßenseite zu verpassen. Das funktioniert bei mir nicht: Ich versuche, meine Chance zu nutzen, bei Rot über die Ampel zu manövrieren, um den Bus noch zu erwischen.

Sogar die Busse und Züge halten sich hier meist an die Regeln, also an den Fahrplan. Bei Verspätungen maulen die Passagiere. Ich bin gewohnt, dass ich mich verspäte, weil es in Uganda keine festgelegten Zeiten für den öffentlichen Verkehr gibt. Der Bus fährt nur dann, wenn er voll ist.

Obwohl ich die Bayern als ausländerfreundlich kennengelernt habe, brauchen die Menschen hier Zeit, um jemanden wirklich kennenzulernen. In einigen Teilen der Welt kann jeder mit jedem im Bus oder im Restaurant ein Gespräch führen. Hier scheue ich mich oft davor, eine Konversation zu beginnen, weil es wahrscheinlich ist, dass man mir die kalte Schulter zeigt. Aber was ist verkehrt daran, mit jemandem, der neben dir in der U-Bahn sitzt, zu sprechen? Dies wäre die einzige Gelegenheit, sich über Dinge, die in unserer Gesellschaft geschehen, zu unterhalten. In Uganda lassen die Leute keine Chance ungenutzt, sich zu unterhalten. Leider habe ich mich der deutschen Art des Lebens angepasst, lehne mich zurück und schaue auf mein Handy, statt ein Gespräch zu beginnen. 

Eine der besten Seiten dieses Landes ist zweifelsohne die Freiheit.

Dazu gehört auch, dass man seine Sexualität offen leben kann. Das wäre ein wahr gewordener Traum in Uganda. Denn dort sitzen Sie lebenslang im Knast, wenn Sie als Homosexuelle/r bekannt sind, oder werden von einem wütenden Mob getötet oder von der Familie abgelehnt. Auch für Frauen gibt es hier deutlich mehr Freiheiten. Familienfrauen in Uganda erledigen die häuslichen Arbeiten komplett alleine, die Männer tragen dazu gar nichts bei. Von den Frauen wird außerdem erwartet, dass sie zu Hause bleiben. 

Für eine afrikanische Frau wie mich, die in ihrer kleinen Wohnung noch immer Mühe hat, den Müll richtig zu sortieren, ist es kein leichtes Unterfangen, die deutsche Kultur frei zu leben und zu erleben. Es scheint, dass hier alles sehr geregelt ist und die Entschlossenheit, die Regeln zu halten, überwiegt. Jedoch mein einziger Trost ist: „Ich schaffe das.“

aus: KDFB Engagiert 1+2/2018

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