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Warten auf den Arzt

Medizinermangel auf dem Land: Es fehlen rund 3.000 Hausärzte

 

Immer weniger Ärztinnen und Ärzte lassen sich auf dem Land nieder. Für Patienten bedeutet das lange Wege und volle Wartezimmer.Die enorme Arbeitsbelastung auf dem Land schreckt junge Ärzte ab. Die Bundesregierung will die ärztliche Versorgung auf dem Land per Gesetz stärken – und steht in der Kritik. Denn ein Vorschlag heißt: Praxen in überversorgten Regionen zu schließen.

Schweren Herzens hat Franz-Josef Ochsenfeld im vergangenen Jahr seine Hausarztpraxis aufgegeben. Aus Altersgründen. Fünf Jahre lang hatte er vergeblich nach einem Nachfolger gesucht. Er schaltete Anzeigen in Ärztezeitungen und im Internet, beauftragte Makler, die in anderen Bundesländern und sogar im Ausland nach Ärzten suchten. Am Ende wollte er seine Praxis in dem kleinen Ort Schmallenberg-Bödefeld im Sauerland sogar verschenken. Aber niemand wollte sie haben. Dass er seine langjährigen Patientinnen und Patienten im Stich lassen musste, schmerzt ihn besonders. Doch jetzt gibt es wieder Hoffnung. Die Kassenärztliche Vereinigung hat einen Interessenten gefunden, der zum 1. Juli 2015neine Zweigstelle einrichten will. Sie hat angeboten, ihn mit bis zu 50.000 Euro zu unterstützen. 

Einige Regionen in Deutschland gelten als unterversorgt

Bödefeld ist kein Einzelfall. Immer mehr Hausärzte, aber auch sogenannte allgemeine Fachärzte wie zum Beispiel Gynäkologen, Kinder- oder Augenärzte arbeiten weit über das Rentenalter hinaus oder müssen ihre Praxis schließen, weil sie keinen Nachfolger finden. Und das nicht nur im ländlichen Raum, sondern zunehmend auch in sozialen Brennpunkten der Städte. Nach dem 2013 überarbeiteten Bedarfsplan fehlen derzeit rund 3.000 Hausärzte. Schon heute gelten einige Regionen in Deutschland als unterversorgt. Vor allem in Ostdeutschland, aber auch im Saarland oder im Bayerischen Wald. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung geht davon aus, dass bis zum Jahr 2021 bundesweit rund 51.000 Haus- und Fachärzte in den Ruhestand gehen werden. Und das bei einer älter werdenden Bevölkerung, die eigentlich mehr Allgemeinmediziner braucht als bisher. 

Patienten hören in den Praxen: "Wir sind leider voll."

Für PatientInnen und auch Ärzte hat diese Entwicklung weitreichende Folgen. Auf der Suche nach einem neuen Arzt müssen PatientInnen weite Wege in Kauf nehmen und lange auf einen Termin warten. Schwierig wird das vor allem für jene alten Menschen, die nicht mehr mobil, schwer krank oder bettlägerig sind. Sie tun sich meist auch schwer, sich nach vielen Jahren auf einen neuen Arzt einzustellen. Bereits jetzt schon überlastete Ärztinnen und Ärzte in den Nachbarorten sind mit der Annahme weiterer PatientInnen überfordert. Mit Grausen erinnert sich Karin S. an ihre Suche nach einem neuen Hausarzt. „Es war wirklich wie in einem Film und lief immer gleich ab. ‚Nein, wir sind leider voll, ausgebucht, es tut uns leid.‘“ In ihrer Not wenden sich Erkrankte an Notarzteinrichtungen der Krankenhäuser. Diese klagen darüber, dass sie immer mehr zum Lückenbüßer für die eigentlich zuständigen Kassenärzte werden und sich um Fälle kümmern müssen, die von einem Hausarzt behandelt werden könnten. Mehr als ein Drittel der teuren Notarzteinsätze sind nicht gerechtfertigt, berichten Notärzte. 

Werden zu wenig Ärzte ausgebildet?

Woran liegt es? Werden in Deutschland zu wenig Ärzte ausgebildet? Nein, sagen die Kassen. In Deutschland herrscht kein Ärztemangel. Im Gegenteil: Es gibt so viele Mediziner wie nie zuvor. Im Vergleich zu anderen Ländern gilt Deutschland als überversorgt. Aber es gibt ein Verteilungsproblem: zwischen Ost und West, zwischen Stadt und Land und zwischen Fach- und Hausärzten. Eine Rolle spielt auch die Zahl der Privatversicherten in einem Gebiet, das hat eine 2013 veröffentlichte wissenschaftliche Studie ergeben. Leonie Sundmacher, Professorin für Health Services Management an der Ludwig-Maximilian-Universität in München, und die Wissenschaftlerin Susanne Ozegowski konnten nachweisen, dass sich Ärztinnen und Ärzte vermehrt da niederlassen, wo mehr Privatversicherte leben. Und das ist eher in attraktiven Wohnlagen der Fall.

Stiefkind Allgemeinmedizin

Dass sich so wenige MedizinstudentInnen für die Ausbildung zum Hausarzt entscheiden, hat zum einen mit der Ausbildung selbst zu tun. Die Allgemeinmedizin ist an vielen Universitäten vernachlässigt worden. So gibt es zum Beispiel in Bayern nur zwei Lehrstühle für Allgemeinmedizin, wie die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) kürzlich monierte. Statt dessen setzt die Lehre auf Spezialisierungen und High-Tech-Medizin und bildet damit am Bedarf vorbei aus. „Wir brauchen endlich wieder ein vernünftiges Verhältnis zwischen Spitzenmedizin, Forschung und Basisversorgung. Vor allem brauchen wir Ärzte für die Menschen vor Ort“, sagt auch Regina Feldmann, die im Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung für den hausärztlichen Versorgungsbereich zuständig ist. In Frage gestellt werden müsse auch, ob der Numerus clausus als Auswahlverfahren für das Medizinstudium geeignet ist. „Was sagt die Tatsache, dass ein Schulabgänger einen Abiturdurchschnitt von 1,0 hat, eigentlich darüber aus, ob er oder sie ein guter Arzt werden wird?“, fragt Regina Feldmann, die in Thüringen als Hausärztin tätig ist. „Wollen wir es uns noch länger leisten, junge Menschen, die wirklich für den Arztberuf brennen und sich beispielsweise durch soziales Engagement auszeichnen, nicht zum Medizinstudium zuzulassen, nur weil sie eben keine Eins vor dem Komma haben?“ 

Die "sprechende" Medizin wird schlecht honoriert

Es sind aber auch die Honorierung und die Arbeitsbedingungen, die junge Mediziner davon abhalten, sich überhaupt als Hausarzt und dazu auch noch auf dem Land niederzulassen. Die Anwendung technischer Gerätschaften wird deutlich besser honoriert als die sogenannte sprechende Medizin, in der der einzelne Mensch im Mittelpunkt steht. Hinzu kommen lange Arbeitszeiten, Bereitschaftsdienste in der Nacht und am Wo­chenende, rigide Vorgaben der Krankenkassen, Budgetierung der Leistungen, überbordende Bürokratie – all das schreckt junge Ärztinnen und Ärzte ab. Sie wollen lieber im Team arbeiten, statt Einzelkämpfer zu sein. Sie gehen eher in große Städte als Facharzt mit geregelten Arbeitszeiten und sicherem Einkommen. Eher als angestellte Ärztinnen und Ärzte in große Kliniken, in Medizinische Zentren, in die Forschung. Hinzu kommt ein anderes Lebensgefühl der jüngeren Generation. Work-Life-Balance ist das Stichwort. Junge Ärzte und Ärztinnen wollen neben ihrem Beruf Zeit für Familie und Freizeit haben. Sie wollen phasenweise Teilzeit arbeiten können. Sie wollen eine Infrastruktur mit Kinderbetreuungseinrichtungen, Schulen, Freizeitangeboten, guter Verkehrsanbindung, schnellem Internet. Mit Berufsmöglichkeiten auch für den Partner oder die Partnerin. Genau das können strukturschwache Regionen aber nicht bieten. 

Nur elf Prozent der Medizinstudenten werden Hausarzt

All diese Gründe führen dazu, dass sich derzeit nur elf Prozent der rund 11.000 StudentInnen, die jährlich ihr Medizinstudium abschließen, für eine Ausbildung zum Hausarzt entscheiden. Nötig wären aber 40 Prozent. Dabei kann dieser Beruf sehr erfüllend sein, erzählen Mediziner, die sich zu diesem Schritt entschieden haben. Weil sie eine persönliche Beziehung zu ihren PatientInnen haben, ihre Lebensgeschichten und die ihrer Familien kennen. Weil sie oft nicht nur Arzt oder Ärztin sind, sondern auch SozialarbeiterIn, HelferIn, TrösterIn. 

Das neue Gesetz soll Mediziner aufs Land locken

Um medizinische Versorgungslücken im ländlichen Raum zu schließen und die Arbeitsbedingungen für Allgemeinmediziner zu verbessern, hat die Bundesregierung im März 2015 das von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) erarbeitete „Gesetz zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung“ in den Bundestag eingebracht. 

Es führt fort, was schon vor zwei Jahren mit dem Versorgungsstrukturgesetz – dem sogenannten „Landärztegesetz“ – begonnen wurde. Seither sind Budgetgrenzen für Ärztinnen und Ärzte gefallen, die sich auf dem Land niederlassen. Sie erhalten zum Teil ein höheres Honorar als ihre KollegInnen in der Stadt. Die Residenzpflicht wurde aufgehoben, also die Pflicht, in dem Ort zu wohnen, wo die Praxis liegt. Ärztinnen und Ärzte haben somit die Möglichkeit, auf dem Land tätig zu sein, aber in der Stadt zu wohnen. Zahlreiche Projekte werden gefördert, um MedizinstudentInnen über studienbegleitende Praktika und Mentoringprogramme an die Tätigkeit als Landarzt heranzuführen. In einigen Bundesländern er­halten MedizinstudentInnen Stipendien, wenn sie sich verpflichten, nach ihrer Ausbildung einige Jahre auf dem Land tätig zu werden. Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigungen, Länder und Kommunen beraten und unterstützen junge Ärzte und Ärztinnen bei der Suche und der Finanzierung einer Praxis. So werden mancherorts Praxisgründungen auf dem Land mit bis zu 50.000 Euro pro Praxis gefördert. Die bayerische Staatsregierung zum Beispiel hat in den vergangenen drei Jahren 15,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um Ärztinnen und Ärzte aufs Land zu locken. Um Ärzte zu entlasten, werden Arzthelferinnen zu Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis ausgebildet und übernehmen Aufgaben wie zum Beispiel Hausbesuche bei chronisch kranken Menschen. 

Noch ist kein wirklicher Durchbruch in Sicht

Einen wirklichen Durchbruch hin zu einer besseren regionalen Aufteilung der Mediziner haben diese Maßnahmen aber bisher nicht gebracht. Der neue Gesetzentwurf geht daher noch weiter. Er sieht als wichtige Stellschraube vor, dass Arztpraxen in überversorgten Gebieten nicht nur geschlossen werden können, sondern dass sie geschlossen werden sollen. Er nimmt so­mit die Kassenärztlichen Vereinigungen in die Pflicht, die die Verträge mit den Krankenkassen aushandeln und für die Zulassung von Ärzten und deren Honorierung zuständig sind. Außerdem sollen Kliniken für die ambulante Versorgung geöffnet, Medizinische Versorgungszentren gefördert und zentrale Terminevergabestellen eingerichtet werden, um die teilweise sehr langen Wartezeiten auf einen Facharzttermin zu verkürzen. 

Doch genau diese Punkte stoßen bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) auf herbe Kritik. KBV-Funktionäre sprechen von 25.000 Praxen, die geschlossen werden sollen. Von einem Angriff auf die Freiberuflichkeit. Vom Wohl der Patienten, das durch ein staatlich reguliertes Gesundheitssystem gefährdet sei. Um ihrer Kritik Nachdruck zu verleihen, hat die KBV im Februar eine Aktion gestartet mit Anzeigen, Plakaten und Kinospots, in denen es heißt: „Stellen Sie sich vor, Sie gehen zum Arzt und der ist nicht mehr da“ oder: „Wir arbeiten für Ihr Leben gern. Solange die Politik uns lässt.“

"Blanker Unsinn" 

Als „blanken Unsinn“ bezeichnet Annette Widmann-Mauz, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, das Schreckensszenario, das die KBV entwirft. In der ersten Lesung zum Gesetz im Bundestag Anfang März forderte sie Ärztinnen und Ärzte auf, mit der Politik gemeinsam nach guten Lösungen zu suchen und nicht in „Fundamentalopposition“ zu verfallen. Das Ziel sei nicht, bestehende Praxen zu schließen. Es gehe um frei werdende Praxen, die je nach örtlicher Versorgung dann nicht wieder nachbesetzt werden sollen. Wobei es der Ärzteschaft selbst überlassen werde, die Versorgungslage zu beurteilen. Die Maßnahmen seien nicht als Abkehr von der Niederlassung in eigener Praxis zu verstehen. Im Gegenteil: Die Hausarztpraxis bleibe „das Rückgrat“ der ambulanten Versorgung und für viele Familien wichtiger Lebensbegleiter. 

Gute medizinische Versorgung darf keine Frage des Wohnorts sein

Unterstützung findet das Gesetzesvorhaben bei dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, der im Sommer 2014 seinen Jahresbericht vorgelegt hat. Darin schlagen die „Gesundheitsweisen“ unter anderem die Maßnahmen vor, die jetzt in dem neuen Gesetz vorgesehen sind. Dazu zählt sowohl das Schließen von Praxen in überversorgten Gebieten als auch die bessere Verzahnung von ambulanten und stationären Leistungen und die Förderung von Praxisnetzen oder Medizinischen Versorgungszentren, die den Wünschen junger Ärztinnen und Ärzte entgegenkomme. In Frage stellt der Sachverständigenrat aber auch das Nebeneinander von Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung, das zur ungleichen Verteilung beitrage.

Das Bündel von Maßnahmen kann letztlich aber nur fruchten, wenn es gelingt, das Leben auf dem Land attraktiver zu gestalten. „Dazu sind verstärkte Anstrengungen nötig, das ist eine Gemeinschaftsaufgabe“, so Bundesgesundheitsminister Gröhe. Damit gute medizinische Versorgung auch in Zukunft keine Frage des Wohnorts ist. 

Gabriele Klöckner
KDFB Engagiert 4/2015