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Wald in Frauenhand

Zunehmend mehr Frauen behaupten sich in der Männerdomäne Wald. Eine von ihnen ist Försterin Silke Hartmann. In ihrem Berufsalltag berät sie Waldbesitzer, engagiert sich für nachhaltige Forstwirtschaft und sucht mit ihrem Hund nach gefährlichen Käfern.

Motorsägen laufen auf vollen Touren, Baumstämme krachen zu Boden. Aufgeregt schnüffeln Spürhunde am gefällten Holz. Sie jagen einen gefährlichen Feind der Bäume: den Asiatischen Laubholzbockkäfer. 

Murnau am Staffelsee ist heute Einsatzort für Forstrevierleiterin Silke Hartmann und Hündin Brezel. An der örtlichen Unfallklinik muss für die Einflugschneise des Rettungshubschraubers der komplette Bauämbestand zur Straße hin gefällt werden. Gleichzeitig wird das gefällte Holz von speziell geschulten Hunden auf den gefährlichen Käfer hin untersucht. 

Die Kleinstadt im Landkreis Garmisch-Partenkirchen liegt seit zwei Jahren in einer Quarantänezone. Ein Urlauber hatte damals am Volksfestplatz einen exotisch anmutenden schwarzen Käfer mit weißen Tupfen und langen schwarz-weiß ge­streiften Fühlern entdeckt. Das Tier wurde als Asiatischer Laubholzbockkäfer identifiziert, bei Fachleuten kurz ALB genannt. Sofort begann ein Notfallplan zu greifen: Alles Holz im Umkreis von hundert Metern rund um den Befall musste gefällt und verbrannt werden. Denn das mit Verpackungsholz aus Asien eingeschleppte Insekt ist für fast alle heimischen Laubbaumarten hochgefährlich und kann sie innerhalb weniger Jahre zum Absterben bringen. Für Murnau und Umgebung wurde für vier Jahre eine Quarantänezone errichtet, aus der kein Laubholz herausgebracht werden darf – außer es ist untersucht und mit einem Pflanzenpass zertifiziert worden. 

Vierbeinige Kollegen mit feinen Nasen

Plötzlich ein lautes Bellen. Spürhund „Mia“ ist fündig geworden. Seine Besitzerin, Silke Hartmanns Kollegin Ruth Haag, zieht ein kleines Stück Holz mit einem Käfer-Bohrloch zwischen den gefällten Bäumen heraus. „Zum Glück! Das ist nur ein Übungshölzchen, an dem vor Jahren mal eine Larve des gefährlichen Käfers geknabbert hat. Die Hunde haben wirklich eine unglaublich feine Nase“, lobt Haag. 

Neben den beiden Försterinnen der Bayerischen Forstverwaltung sind heute auch Mitarbeiter der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft samt Spürhunden angereist. Sie sind bei vielen Fällungen in der Quarantänezone dabei und stellen bei Bedarf auch einen Pflanzenpass aus. Die Bäume werden nicht nur von Spürhunden kontrolliert, sondern auch von Kletterern, die bis in die Baumkronen hinaufsteigen. Zudem überprüft Ruth Haag, die zur ALB-Beauftragten ernannt wurde, Waldflächen und Käferfallen. 

Jeder Grundstücks- und Waldbesitzer in einem Quarantänegebiet ist verpflichtet, seine Bäume auf Käferbefall zu untersuchen. „Hier ist eine Beratung von unserer Seite nötig. Wir sind Ansprechpartner für die privaten und kommunalen Waldbesitzer und Waldbesitzerinnen, auch wenn es um Waldpflege, staatliche Fördermöglichkeiten oder die Aufforstung mit standortgerechten Baumarten geht. Aber natürlich hält uns nicht nur der ALB auf Trab, sondern nach der extremen Dürre des vergangenen Sommers auch der Borkenkäfer“, erklärt Silke Hartmann. Sie ist nicht nur Försterin aus Leidenschaft, sondern manchmal auch Seelsorgerin. Dann nämlich, wenn Waldbesitzer mit Tränen in den Augen vor ihr stehen, weil ein ganzes Waldstück gefällt werden muss, da es vom Borkenkäfer befallen ist. In diesen Fällen leidet Silke Hartmann mit. Geboren im schwäbischen Welzheim, arbeitet sie seit vierzehn Jahren in Murnau für die Bayerische Forstverwaltung beim Amt für Landwirtschaft und Forsten Weilheim. Unweit davon, in Eglfing, hat sich die 44-Jährige ein Holzhaus gebaut, das sie mit ihrem Lebensgefährten und Hündin Brezel bewohnt. 

Die Forstrevierleiterin liebt ihre Aufgaben im Wald, ihn zu schützen und zu nutzen. Und sie schätzt den Kontakt zu den Waldbesitzern. Zu ihrem Arbeitsbereich zählt auch die Waldpädagogik. „Wir haben einen forstlichen Bildungsauftrag“, erklärt sie. „Mit Kindern der dritten Klassen gehen wir in den Wald und erklären ihnen seine vielfältigen Funktionen, die nachhaltige Nutzung, geben Einblick in das Leben der Tiere und Bäume. Unsere Walderlebnisspiele kommen dabei besonders gut an.“ 

Den Wald für kommende Generationen erhalten

Herzstück ihrer Arbeit ist die nachhaltige Forstwirtschaft: Der Wald soll für kommende Generationen in seiner Vielfalt erhalten bleiben. Dieses Ziel erfordert einen Umbau des Waldes in ganz Deutschland, so Silke Hartmann: „Weg von den Monokulturen, hin zum Mischbestand! Gerade in Zeiten des Klimawandels muss der Wald für alle Eventualitäten wie Dürren, Stürme, übermäßige Schneemengen und Käferplagen bestmöglich aufgebaut sein.“

Moderne Forstwirtschaft und Waldpflege sei naturnah und nutze die natürliche Verjüngung des Waldes, betont Hartmann. Bei der Holzernte werden bodenschonende Maschinen eingesetzt, um einzelne Bäume zu entnehmen. Der alte Waldbestand bekomme somit mehr Licht ab, kleine, wild angeflogene Bäumchen können besser gedeihen. Baumarten, die für einen Mischwald fehlen, werden angepflanzt. 

Die Forstbeamtin stellt klar: Der Waldumbau muss an die Region angepasst sein. „Hier bei uns darf die Fichte ruhig bleiben, sie ist als ,Brotbaum‘ für die Waldbesitzer wichtig. Aber es sollte auf jeden Fall ein gewisser Laubanteil in den Waldbeständen garantiert sein, wie zum Beispiel Buche oder Ahorn.“ Für Dürreperioden sei die Tanne gut gerüstet. Sie hat als Pfahlwurzler die Eigenschaft, tiefere Bodenschichten zu erreichen, aus denen sie Wasser ziehen kann. „Leider sind ihre feinen Triebe beim Wild als Leckerbissen sehr beliebt und müssen gut geschützt werden“, sagt die Försterin, die schon während des Studiums einen Jagdschein erworben hat. „Für mich ist die Jagd eine Notwendigkeit für die Forstwirtschaft“, sagt sie. 

Um den Umbau des Waldes voranzutreiben, sind die privaten Waldbesitzer und Waldbesitzerinnen, denen ein Drittel des deutschen Waldes gehört, wichtige Partner. „Besonders den Frauen, die bei mir einen Anteil von rund 40 Prozent der Waldmiteigentümer ausmachen, liegt das Thema Nachhaltigkeit sehr am Herzen“, verrät Silke Hartmann. „Für sie steht der Wald als Lebensraum stärker im Vordergrund als bei den Männern, die eher rein wirtschaftlich denken.“

Der Wald wird weiblicher 

Frauen und Wald – diese Beziehung scheint intensiver zu werden, ist Silke Hartmanns Eindruck: „Der Wald wird weiblicher. Es gibt nicht nur immer mehr Waldbesitzerinnen, sondern auch mehr Jägerinnen und Försterinnen.“ 

Derzeit werden bundesweit neun Prozent der Forstreviere von Frauen geleitet. Bis in die 1970er-Jahre waren Frauen noch gesetzlich von diesem Beruf ausgeschlossen. Erst in den 1980er-Jahren gab es die ersten Försterinnen. „Selbst zu Beginn meines Forstwirtschaftsstudiums 1996 waren wir nur acht Frauen unter 120 Männern. Dennoch gibt es in meinem Beruf keine Tätigkeit, die ich als Frau nicht genauso ausführen könnte wie ein Mann. Im Gegenteil, manchmal habe ich das Gefühl, bei raueren Waldlern eher Gehör zu finden“, lacht die Försterin. Auch mit der Motorsäge geht Hartmann souverän um. Sie bietet sogar Kurse an, manche speziell für Frauen. Außerdem hat sie in ihrem Amt die Funktion der Gleichstellungsbeauftragten übernommen und sitzt im Personalrat. 

Sie selbst, das betont sie, hat als Frau im Forstberuf noch nie negative Erfahrungen erlebt, jedenfalls nicht in Deutschland. Anders während eines Praktikums in der Schweiz. „Die Kollegen in Graubünden haben mich als Försterin zunächst kritisch beäugt und sich kaum Mühe gegeben, dass ich ihr Schwyzerdütsch verstehe. Aber als Schwäbin habe ich mich nicht unterkriegen lassen, denn da gibt es sprachliche Ähnlichkeiten. Nach einer Woche konnte ich mithalten und wurde akzeptiert.“

Schon als Kind hat Silke Hartmann davon geträumt, Försterin zu werden. „Der Wald hat mich immer fasziniert. Ich liebe die Gerüche, die Stille, die Geräusche. Wenn ich im Wald bin, fühle ich mich wohl und geborgen“, schwärmt sie. „Und ich will, dass es ihm gutgeht.“ ​

Autorin: Karin Schott

aus: KDFB  Engagiert 4/2019