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Vom Glauben und Zweifeln

Pater Anselm Grün OSB wird am 14. Januar 2020 75 Jahre alt. Die Bücher des promovierten Theologen aus der Benediktinerabtei Münsterschwarzach sind weltweit Bestseller. Foto: Julia Martin/Abtei Münsterschwarzach

Führt ein frommes Klosterleben dazu, dass ein Mensch alle Glaubenszweifel verliert? In seinem Gastbeitrag spricht der bekannte spirituelle Autor Pater Anselm Grün über das Zweifeln am Glauben und wie er damit umgeht.

In Beichtgesprächen höre ich oft, dass sich Menschen anklagen: Ich habe am Glauben gezweifelt. Manche meinen damit, dass sie an Gottes Existenz zweifeln. Gibt es überhaupt Gott, oder ist das nur eine Einbildung? Andere zweifeln an Inhalten des Glaubens. Sie sagen: Was im Glaubensbekenntnis steht, das kann ich nicht glauben.

Der Zweifel gehört wesentlich zum Glauben. Es geht darum, den Zweifel zu umarmen. Dann befruchtet der Zweifel den Glauben. Denn der Zweifel zwingt mich zu fragen: Was heißt es: Gott existiert? Christus hat mich erlöst? Was bedeutet die Auferstehung oder das Leben nach dem Tod? Wir zweifeln oft, weil wir zu enge Vorstellungen von bestimmten Glaubensaussagen haben. Dann lädt mich der Zweifel ein, genauer zu fragen: Was meint diese Aussage? Der Zweifel fordert unseren Verstand heraus. Wir wollen unseren Glauben mit unserem Verstand in Einklang bringen.

Gott ist jenseits aller Bilder

Wenn jemand sagt: Ich zweifle daran, dass Gott existiert, dann frage ich: Welches Bild hast du von Gott? An welchem Gott zweifelst du? Oft haben die Menschen ein zu enges Gottesbild. Sie legen Gott fest auf einen himmlischen Vater. Und mit dem können sie nichts anfangen. Wir brauchen Bilder von Gott. Aber Gott ist jenseits aller Bilder.

Ein Freund meinte, er könne das Glaubensbekenntnis nicht mehr sprechen. Das seien für ihn leere Worte. Daraufhin habe ich ein Buch über das Glaubensbekenntnis geschrieben. Ich habe versucht, die Aussagen so zu deuten, dass sie für mich eine existenzielle Bedeutung haben. Für mich sind die Aussagen des Glaubens wie die ganze christliche Dogmatik der Versuch, das Geheimnis offenzuhalten. Es geht nicht um eine Fixierung auf bestimmte Aussagen, sondern darum, das Geheimnis meines eigenen Menschseins und das Geheimnis Gottes zu erahnen.

Wenn ich bete, taucht manchmal der Zweifel auf: Ist das alles Einbildung? Betest du nur, damit es dir besser geht, damit du dich geborgen fühlst? Ich lasse diese Zweifel zu und denke sie zu Ende. Wenn alles nur Einbildung ist, worauf kann ich dann bauen? Sind dann nicht auch unsere naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nur Einbildung? Ist dann alles absurd? Indem ich die Zweifel zu Ende denke, kommt in mir ein starkes Gefühl hoch: Ich vertraue der Bibel. Ich vertraue einem heiligen Augustinus, einem heiligen Franziskus, einer heiligen Teresa von Avila. Ich setze auf diese Karte. Dann bete ich voll Vertrauen weiter.

Mehr in: Anselm Grün: Den Zweifel umarmen, Kösel, 2019, 18 Euro.

 

aus: KDFB engagiert 1+2/2020