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Trauer ohne Rituale

Abschied ohne Gemeinschaft. Für viele Trauernde eine sehr schwierige Situation. Foto: AdobeStock/Syda Productions

Menschen, die während der Corona-Pandemie einen Angehörigen beerdigt haben, mussten auf den Trost bewährter Trauerrituale verzichten. Wie wirkt sich das auf die Betroffenen aus? Kann Trauerbegleitung helfen?

 

Urnenbestattung Mitte März auf dem Hermanfriedhof in Augsburg. Die Aussegnung darf nur im Vorraum der Friedhofskirche stattfinden. Von den zehn Trauergästen passt die Hälfte in den Raum, in dem die Urne aufgestellt ist. Nach einer kurzen Zeremonie im Stehen geht es zur Beisetzung. Den letzten Weg der 88-jährig Verstorbenen begleiten ihre drei Kinder mit Partnern und vier Enkelkindern. Am Grab stellen sich die Kleinfamilien in gehörigem Abstand zueinander auf. Es ist ein schöner Tag, die Vögel zwitschern, und die Runde singt gemeinsam. Der Diakon hat die Trauernden darauf vorbereitet, dass es nicht erlaubt ist, die Urne ein letztes Mal zu berühren. Stattdessen verbeugen sich die Teilnehmer*innen einzeln vor dem Aschebehältnis. Auch Erde darf nicht nachgeworfen werden. Doch da steht der Kessel mit Weihwasser. Der Diakon segnet ihn. Aber noch bevor jemand aus der Trauerrunde die Tote ein letztes Mal segnen kann, schnappt sich ein Friedhofsangestellter den Kessel und trägt ihn fort. „Das war für mich ein wirklich schmerzlicher Moment“, sagt Iris Lichtinger. So sehr sie der entschwundene Weihwasserkessel irritiert hat, die letzte Verbeugung war für sie ein wichtiger Ausgleich. „Ich konnte in diese Geste noch einmal all meinen Dank legen für das, was meine Mutter für mich getan hat.“ Danach verstreuen sich die Grüppchen, und Iris Lichtinger ist froh, nicht ganz alleine zu sein und den Tag der Beerdigung ihrer Mutter gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn verbringen zu können.

 

Anteilnahme über soziale Medien

 

Zu Hause schreibt sie über diese Beisetzung auf ihrer privaten Facebook-Seite und erzählt den etwa 1000 mit ihr verlinkten Freund*innen von ihrer Trauer. Ein Foto ihrer Mutter, als sie noch jung war, begleitet die Mitteilung. „Man meldet auf Facebook ja meistens nur die Erfolge. Aber warum sollte man nicht auch mitteilen können, dass man zurzeit traurig ist?“, hatte sich Iris Lichtinger vorab überlegt. Und die Resonanz ist sehr stark. „Die Anteilnahme auch von entfernteren Menschen hat mir gutgetan.“

Mit dem Eintrag bei Facebook konnte sich Iris Lichtinger einen kleinen Ersatz dafür schaffen, was für die meisten Menschen bei einem letzten Abschied elementar wichtig ist: Gemeinschaft. Die Nähe der anderen lässt den tief in seiner Trauer eingekapselten Menschen spüren: Ich bin nicht allein. Ich muss zwar einen lieben Menschen aus meinem Kreis der Lebenden verabschieden, aber da sind noch viele andere. Und sie sind immer noch da, und sie tragen die Erinnerung an ihn mit und weiter. Den Teilnehmenden ist es wichtig, durch ihre Anwesenheit zu zeigen, dass sie die Verstorbene oder den Verstorbenen geschätzt haben und dass sie oder er einen Platz hatte in der Gemeinschaft.

 

Gemeinsam Erinnerungen zu teilen, ist tröstend

 

Die Projektleiterin der KDFB-Schulungen zur Trauerbegleitung Gertrud Ströbele weiß, wie die über Generationen überlieferten Rituale helfen, Trauer durchzustehen. „Das eine ist die Anteilnahme der Gemeinschaft bei der Beerdigung“, sagt sie. „Genauso hilfreich ist das Zusammensein danach.“ Beim Leichenschmaus steht die Erinnerung an die Verstorbenen im Mittelpunkt der Gespräche. Man erzählt sich Geschichten aus ihrem Leben, man tauscht sich aus. Es werden ganz viele kleine Verbindungspunkte zu den verstorbenen Menschen hergestellt, die für die Familien trostreich sind, weil sie sehen, auch andere Menschen haben eine Verbindung zu den gerade Verblichenen. „Viele tröstet der Gedanke, dass der oder die geliebte Verstorbene wohl nicht so schnell in Vergessenheit geraten wird“, so Ströbele. Und die Geschichten, die man vielleicht noch gar nicht kannte oder schon wieder vergessen hatte, sind wertvolle Stücke für das innere Fotoalbum. Es ist die Grundlage für die weitere Gestaltung der inneren Beziehung zu dem Verstorbenen. „Eine große Aufgabe auf dem Weg durch die Trauer ist ja, dem verstorbenen Menschen einen neuen Platz zu geben im eigenen Leben. Die Verbindung, die man zum lebendigen Menschen hatte, auf eine andere Art lebendig zu bewahren. Das muss man jetzt mit sich selber ausmachen, denn der Tote macht das von sich aus nicht mehr.“ Dass die neue Art der Beziehung zu dem Verstorbenen gelingt, hängt neben den Beerdigungsritualen auch daran, dass zuvor ein guter Abschied stattfinden konnte.

 

Ein schlechter Abschied hinterlässt Wunden in der Seele

 

„Ich habe Glück gehabt, trotz der Corona-Einschränkungen“, sagt Charlotte Rümelin aus Nürnberg. Ihr Mann starb 80-jährig im Krankenhaus, gerade als die Regelungen verkündet wurden. Und plötzlich wollte man sie nicht mehr zu dem Sterbenden lassen. Nach Rücksprache mit den Krankenschwestern und Ärzten durfte sie doch kommen und täglich bei ihm sein – bis zum Tod, so wie sie es sieben Jahre lang im Pflegeheim gehandhabt hatte. Dort war ihr Mann nach mehreren Schlaganfällen ans Bett gefesselt gewesen. Die Trauer um den Verlust konnte sie in der langen Zeit der Krankheit zum großen Teil bewältigen. Was die hochbetagte Witwe Anfang Mai allerdings sehr unruhig machte, war der Beerdigungsstopp. Auch nach sechs Wochen hatte sie nicht in Erfahrung bringen können, wann die Urnenbestattung ihres Mannes möglich sein würde.

 

Den Weg durch die Trauer muss man nicht alleine bewältigen

 

Gertrud Ströbele ist überzeugt, dass ein schlechter Abschied Wunden in der Seele hinterlässt ebenso wie die Einschränkung bewährter Trauerrituale. Denn im Kopf der Hinterbliebenen bleiben Gedanken, mit denen es schwer wird, gut weiterzuleben. Viele bedauern, dass sie gar nicht Abschied nehmen konnten und den Verstorbenen alleine lassen mussten. Oder sie stellen sich Fragen wie: Vielleicht hat sich mein Verstorbener im Sterben von mir verlassen gefühlt? Er hätte sich vielleicht danach gesehnt, dass jemand bei ihm ist, dass ihm jemand die Hand hält, und ich war nicht da? „Über solche inneren Vorwürfe kommen viele nur schwer hinweg. Wir werden erst später sehen, wie stark Menschen davon belastet sind“, ist Gertrud Ströbele überzeugt. „Selbst wenn der Verstand schon weiß, dass man nicht anders handeln konnte, ist da die innere Stimme, die sagt: und trotzdem!“ Im Wissen um die positive Wirkung eines gelungenen Abschieds gab es in der Trauerbegleitung in den vergangenen Jahren viele neue Entwicklungen. Angehörige dürfen den Leichnam liebevoll verabschieden, noch mal über seine Wange streichen, das Kleid für die Beerdigung aussuchen und vielleicht sogar helfen, es anzuziehen. Enkel schreiben einen letzten Brief an die Oma oder legen ein Kuscheltier mit in den Sarg. „Man weiß, dass diese letzten Dienste, diese letzten Liebesbezeugungen für einen gelingenden Weg durch die Trauer sehr viel bedeuten “, sagt Gertrud Ströbele. Den Weg durch die Trauer muss man nicht alleine bewältigen. Der KDFB hat zahlreiche ehrenamtliche Trauerbegleiter*innen geschult. Allerdings nehmen Betroffene Trauergruppen oder Trauercafés in der Regel erst etwa ein halbes Jahr nach dem Trauerfall in Anspruch. Im Diözesanverband des KDFB Passau hatte man trotz der Corona-Beschränkungen eine Möglichkeit für Trauergespräche eingerichtet. „Das Angebot wurde bis Ende April noch nicht angenommen“, sagt Trauerbegleiterin Ulrike König aus Salzweg bei Passau. „Allerdings ist es sehr wahrscheinlich, dass der doppelte Verlust, den Trauernde während der Beschränkungen erfahren haben, die Nachfrage in Kürze sehr verstärken wird.“

Inzwischen sind die Corona-Einschränkungen gelockert – Zeit, um Versäumtes nachzuholen? Gertrud Ströbele ist skeptisch. „Trauerkultur braucht das Ritual zu dem Zeitpunkt, an dem der Trauerfall eintritt, oder kurz danach, sonst fehlt die Betroffenheit der Gemeinschaft. Man kann das nicht identisch nachholen, sondern braucht dann neue Ritual-Formen.“

 

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB engagiert 6/2020

 

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