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Tiere fürs Herz

Hunde- und Katzennarren wussten es schon immer: Ein Tier ist keine Sache, sondern irgendwie auch ein Mensch. Und so wird das vierbeinige Familienmitglied geliebt, umsorgt und bisweilen kostspielig verhätschelt. Gleichzeitig beginnt sich in Wissenschaft, Pferdestall und Hundeschule ein anderer Blick auf unsere schnurrenden, wiehernden und bellenden Zeitgenossen durchzusetzen. 

Wir haben einen Konflikt, meine beiden Kater und ich. Kurz gesagt geht es um die Rechte an meiner Bettdecke. Unser Konflikt lodert vor allem nachts auf, wenn alles schläft außer mir, weil ich verbissen kämpfe. Meine Waffen: Ich schiebe Fellbündel zur Seite, die sich hartnäckig mitten auf der Decke – und auf mir – zusammenrollen. Ich protestiere, wenn knetende Pfoten meine Hüfte bearbeiten, die Krallen halb ausgefahren. Ich grummle, wenn Schnurrhaare mich unterm Kinn kitzeln. Ich ziehe mir die Bettdecke bis zur Stirn, damit sich Katzenköpfchen nicht nachts um halb drei an meiner Nase reiben. Und, das gebe ich unumwunden zu, gelegentlich habe ich schon mit Kissen geworfen. Die Waffen meiner Kater sind: Besonnenheit und Gleichmut, mit einem Quäntchen Tyrannei. Meine Gegenwehr trifft auf besorgte Blicke aus schmalen Augenschlitzen und wird konstant ignoriert, wie man das Quengeln eines schlecht gelaunten Kindes ignoriert und dabei freundlich-bestimmt bleibt. Wahrscheinlich sind meine Bettgenossen der Meinung, dass sie viel Geduld in unserem Zusammenleben aufbringen müssen. Irgendwann, gegen halb vier, haben sie den Kampf meist gewonnen, und wir schlafen alle ein, sie entspannt mitten auf dem Bett und ich zusammengekauert am Matratzenrand. Und irgendwann ist es bei uns dann doch warm und weich, und alle Katzenbesitzer würden mir zustimmen: Es gibt nichts Gemütlicheres als eine Katze im Bett! Höchstens noch zwei!

Schwimmstunden für Welpen, Sorgerechtsstreit um die Katze

Die Tierliebe bringt seit jeher recht eigentümliche Verhaltensweisen ans Licht, die jedem Tierlosen befremdlich erscheinen müssen. Ebenso befremdlich wie die seit einigen Jahren wachsende Angebotspalette für Haustiere, insbesondere für Hunde. Da gibt es nicht mehr bloß das Wachsmäntelchen, damit der Yorkshireterrier im Regen nicht frieren muss, nicht mehr bloß klingelnde Kügelchen als Spielzeug für den eleganten Heimtiger, sondern es gibt: Welpenschwimmstunden, Hundetagesstätten, Biotierfutter mit hohem Gemüseanteil und angereicherten Spurenelementen. Gurtsysteme fürs Auto und Weihnachtsgeschenke fürs Kaninchen, Feuchttücher in mehreren Duftvarianten fürs schmutzige Hundepfötlein. Es gibt immer öfter Menschennamen für Hund und Katze: Mia, Paul, Florian und Lara. Bello und Mohrle dagegen gibt’s nicht mehr. Es gibt einen wachsenden Gesundheitsmarkt für Heimtiere, und immer öfter Gerichtsurteile, die sich damit beschäftigen, wer nach der Scheidung die Katze behalten darf. 

Böse Zungen sagen: Das Tier ist zum Ersatz für Partner und Kind geworden. Fakt ist jedenfalls: Der Heimtiermarkt wächst, 2013 erreichte er weltweit ein Volumen von 72 Milliarden Euro, wie das Marktforschungsinstitut Euromonitor errechnet hat. 27 Milliarden davon entfielen auf Europa, dicht gefolgt von den USA und Kanada. Tendenz: steigend.

Wer ein Tier streichelt, tut sich selbst etwas Gutes

Tierhalter und -halterinnen ficht das nicht an. Sie wissen, dass das seidige Fell einer schnurrenden Katze auf dem Schoß, eine feuchte Hundenase, die einen anstupst, die samtigen Nüstern eines Pferdes in der Armbeuge, das Schmusen mit Kaninchen, Meerschwein und Papagei guttun und tröstlich sind. Zahlreiche und recht bunte Studienergebnisse belegen schon lange, dass Beziehungen zu tierischen Mitbewohnern Körper und Seele streicheln: Stress baut sich ab, der Blutdruck sinkt, der Herzschlag ebenso, Übergewicht und Diabetes wird vorgebeugt. Therapie- und Begleithunde helfen Menschen mit Schädelverletzungen, unterstützen Blinde im Alltag, warnen vor epileptischen Anfällen, können Türen öffnen, Lichtschalter betätigen und Hilfe holen. Heimtierbesitzer gehen seltener zum Arzt, bei kranken Menschen mildern Tiere Schmerzen und Ängste, senken damit den Medikamentenverbrauch und steigern die Lebensqualität. Tiere lindern Einsamkeit, machen aufgeschlossen und kontaktbereit. 

Der Zauber auf vier Pfoten – wissenschaftlich erforscht

Dabei fällt auf: Tiere können offenbar manches in Bewegung bringen, was menschlichen Begleitern – Ärzten, Familienmitgliedern, Therapeuten – nicht auf gleiche Weise gelingt. Worin steckt also der Zauber auf vier Pfoten? Damit beschäftigt sich seit einigen Jahren ein neuer Wissenschaftszweig systematisch: die Anthrozoologie, eine junge Disziplin, die die Beziehungen zwischen Mensch und Tier untersucht und dazu Brücken von der Psychologie und Biologie zu Tiermedizin, Soziologie, Philosophie und Pädagogik schlägt. Aus den USA kommend, ist die junge Wissenschaft dabei, sich an den Hochschulen zu etablieren: Engagierte Forschungsgruppen haben sich gebildet, in Wien und Berlin, in Hamburg, in Rostock, in München. Seit gut einem Jahr gibt es in den Niederlanden den ersten europäischen Lehrstuhl dazu. 

Es ist ein weites, noch wenig systematisiertes Forschungsfeld: Es geht um Wildtiere und Tierrechte ebenso wie um Tierhaltung, es geht um das Elend der Nutztiere in den überfüllten Ställen und wie die menschliche Gesellschaft darauf reagiert, es geht um die Darstellung von Tieren in Medien und Kunst, um die Wirkung und die therapeutischen Einsatzmöglichkeiten von Hund, Papagei und Goldfisch und um das Zusammenwirken von Mensch und Tier. 

Therapiehunde tun Gelähmten gut

Die habilitierte Erlanger Psychologin Andrea Beetz gehört zur Riege junger Forscherinnen und Forscher, die dabei sind, die Beziehungen zwischen Mensch und Tier zu erfassen. Ihr wissenschaftliches Interesse gilt dem, was Tierliebhaber intuitiv spüren: Wie gut der Kontakt zu Hund, Katz’ und Co. tut. Beetz erforscht, warum das so ist und welche Wirkungsmechanismen eine Rolle spielen, wenn es zum Beispiel durch die Anwesenheit eines Hundes gelingt, dass ein durch Kriegserlebnisse traumatisierter Soldat seinen Alltag leichter bewältigen kann. Oder wenn sich ein spastisch gelähmter Patient beim Besuch seines Therapiehundes besser entspannt als durch krankengymnastische Behandlungen. Oder wenn Kinder sich besser konzentrieren können und etwa leichter Lesen lernen, wenn ein Schulhund im Klassenzimmer döst. Immer mehr deutsche Lehrer berücksichtigen dies.

Kontakt zu Tieren baut Stress ab

Was kann also ein Vierbeiner, was ein Mensch nicht kann? Grundlage für eine Antwort ist die angeborene Hinwendung zur Natur, die tief in die Menschheitsgeschichte zurückreicht. Die sogenannte „Biophilie“ des Menschen, wörtlich übersetzt, die Liebe und das Interesse am Lebendigen, hat sich lange vor Beginn der Geschichtsschreibung ins Menschheitswissen eingeprägt: Menschen waren immer von Tieren umgeben, vor allem auch von Raubtieren – Wölfe, Bären, Luchse strichen umher –, aber auch von deren Beutetieren wie Hasen oder Vögeln. „Wenn diese ruhig waren, dann drohte keine Gefahr. Dann war kein Räuber in der Nähe, kein Erdbeben im Anzug“, erklärt Andrea Beetz. „Das gab ein Gefühl von Sicherheit und war von grundlegender Bedeutung für die Menschen.“ Dieses intuitive Beobachten der Tiere wirkt bis heute fort. „Bei Schulhunden oder in der Therapie ist das jetzt noch so: Auch wenn der Hund nur dabeiliegt und schläft, trägt er trotzdem zu einer ruhigen, sicheren Atmosphäre bei und hilft so, Stress und Angst abzubauen.“ 

Tiere zeigen, wie man eine Bindung eingeht

Doch was Tiere für Menschen zu leisten vermögen, beschränkt sich nicht nur auf Atmosphärisches. Domestizierte Tiere suchen den Anschluss an den Menschen, wenn sie richtig geprägt sind. Dabei werden beim Menschen grundlegende psychologische Strukturen aktiviert, das Bindungsverhalten. Die Erlanger Psychologin erklärt: „Die Fähigkeit, Bindungen aufzubauen, ist unabhängig vom Lebensalter ein grundlegendes Merkmal und Bedürfnis eines psychisch gesunden Menschen.“ Die Basis dafür wird beim Baby gelegt: Schmusen, Streicheln, Berührungen und feinfühlige, prompte Reaktionen der Mutter oder anderer Bezugspersonen auf das Weinen des Babys, auf seine Mimik, später sein Lächeln, seine Kontaktaufnahmen, lassen im Kind das Vertrauen wachsen, dass es in dieser Welt zuverlässig geborgen ist. 

Nicht immer funktioniert dieser Prozess jedoch reibungslos. Erkrankungen oder Defizite bei den Bezugspersonen, zum Beispiel Depressionen, oder Behinderungen beim Kind können ihn stören und ungünstige Bindungsmuster beim Kind begünstigen. Es wird dann vielleicht ängstlicher, misstrauischer, oft auch aggressiver oder verschlossener sein – es erwartet wenig Unterstützung von anderen Menschen. Psychologen wissen, dass diese Muster oft auch noch im Erwachsenenleben soziale Kontakte erschweren, weil sie auf andere Menschen übertragen werden. Nicht jedoch im gleichen Ausmaß auf Tiere, erklärt Psychologin Andrea Beetz: „Tiere sind anders, sie sehen anders aus als Menschen, allein das erleichtert schon manches. Tiere sind nicht so fordernd, sie verzeihen Fehler eher. Sie sind leichter einzuschätzen und in ihrem Verhalten konstanter. Und, ganz wichtig: Der Körperkontakt zu einem Tier ist viel selbstverständlicher und leichter möglich als zu einem Menschen.“ Die Beziehung zum Heimtier ist also häufig, wenn auch nicht immer, deutlich unproblematischer als zum Beispiel eine Partnerschaft. 

Vierbeiner haben keine Vorurteile

Dazu kommt das, was die Psychologin den Aschenputteleffekt nennt: Hund und Vogel folgen nicht den menschlichen Normen und Vorurteilen – für sie kann jeder Prinz oder Prinzessin sein, ganz egal wie er aussieht, wie alt er ist und (fast) egal welche Einschränkungen er hat. Wenn sich der Mensch freundlich benimmt, wird das Tier ihn vorbehaltlos mögen. 

Welch wesentliche Rolle der Körperkontakt unter Menschen spielt, wie gut es tut, zu streicheln und zu schmusen, das lässt sich an der Höhe eines Stoffes im Blut messen, der als Bindungs- und Liebeshormon gilt: Oxytocin. „Das Kuschelhormon“ haben die Medien es getauft, denn es macht zugewandt, freundlich und vermindert Stress und Aggressivität. Studien haben ergeben, dass es sogar hilft, die Mimik anderer Menschen besser zu lesen und zu verstehen. Kurz: Es sorgt dafür, besser mit anderen Menschen klarzukommen. 

Verschlossene Patienten öffnen sich dank Hund und Katz

Oxytocin wird auch beim Körperkontakt mit einem Tier freigesetzt. Und mit einem Tier zu schmusen, fällt vielen Menschen unter Stress leichter, als von einem anderen Menschen, selbst wenn er vertraut genug ist, eine Umarmung anzunehmen. Bei einem freundlichen Hund gelingt es den meisten, Berührungen zu suchen und zuzulassen. Während sich also der Hund genüsslich kraulen lässt, setzt das menschliche Gehirn das Bindungshormon frei, puffert so Stress und Ärger ab und schafft eine offene Gesprächsatmosphäre. Das nützt in Psychotherapien, wenn Patienten sehr verschlossen sind. Das nützt kranken Menschen, wenn sie sich so entspannen können. Das schätzen aber auch Herrchen und Frauchen, wenn sie beim Gassigehen schnell mit Passanten in Kontakt kommen. Psychologin Andrea Beetz sagt: „Man findet schneller Zugang, hat gleich ein unverfängliches Thema, man kommt ins Gespräch. Der Hund trägt dazu bei, dass ein Vertrauensverhältnis entstehen kann.“ 

Gründe genug also, um Tiere als vollwertige Sozialpartner zu respektieren und zu lieben. Und sich weiter nachts tyrannisieren zu lassen, wie ich mich von meinen Katern. Und nein, es ist keine Lösung, wenn ich die Schlafzimmertür schließe. Denn dann kratzen sie nachts um halb drei. Gleichmütig, hartnäckig und siegesgewiss. Sie wissen ja, was ich an ihnen habe.

 

Susanne Zehetbauer