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Technik als Chance

Sie scheuen keine kniffligen Aufgaben, sie hantieren gekonnt mit Werkzeug und mathematischen Formeln. Frauen in technischen Berufen zeigen, wie das geht: schon früh die Weichen für eine berufliche Laufbahn stellen, die gute Chancen bietet.

Der richtige Beruf, das ist etwas Wunderbares. Er ist nicht nur ein Freund, er ist ein Lebensgefährte“, sagt Maren Heinzerling. „Ein technischer Beruf führt Sie ins Kampfgetümmel, in Stress, bringt Sie in unerwartete Situationen, aber er ist vermutlich der zuverlässigste Lebensgefährte, den Sie haben können“, schwärmt die Eisenbahningenieurin. Seit Jahren setzt sich die heute 75-Jährige dafür ein, dass mehr Frauen einen naturwissenschaftlich-technischen Beruf er­greifen. So hat sie beispielsweise 1990 den „1. Münchner-Mädchen-Technik-Tag“ – den Vorläufer des „Girl’s Day“ – ins Leben gerufen, der Schülerinnen Einblick in Arbeitsfelder gibt, die sie bei der Berufsorientierung nur selten in Betracht ziehen. 
Sie selbst war 1958 die einzige Frau unter 300 Maschinenbaustudenten an der Technischen Universität München. Da hatte Maren Heinzerling schon ein sechsmonatiges Praktikum bei der Lokomotivfabrik Krauss-Maffei ab­solviert. „Das war schwer zu bekommen, weil es keine Arbeiterinnen gab, somit auch keine Damentoiletten, keine Duschen, keine Damenumkleideräume.“ Nach vier Wo­chen in der Lehrschlosserei wurde sie – mitten im heißen Juli – in die Gießerei und Formerei versetzt. „Das war sehr anstrengend, aber mir hat das viel Spaß gemacht. Ich denke, ich konnte sogar die Anerkennung der zunächst recht skeptischen bayerischen Ar­beiter gewinnen.“ Dass sie aktive Leistungssportlerin war und einen zehn Jahre älteren Bruder hatte, habe ihr geholfen, sich in der männerdominierten Ar­beitswelt zu behaupten, sagt sie schmunzelnd.

Teamgeist ist wichtiger als eine Bestnote in Mathe

Noch während sie ihre Diplomarbeit schreibt, wird ihr Sohn geboren. Als sie für den Jungen eine Ta­gesmutter findet, beginnt sie eine Teilzeittätigkeit bei Krauss-Maffei in der Zentralen Berechnungsabteilung. „Das ging ein Jahr gut. Doch als mein Mann für Windkanal-Messungen längere Zeit verreisen musste, begann unser Sohn morgens bitterlich zu weinen, wenn ich aus dem Haus gehen wollte.“ Maren Heinzerling kündigt – et­was anderes kommt für sie da­mals nicht infrage, „obwohl mein Chef mich ermutigt hat zu bleiben, er sagte: ,Aber Frau Heinzerling, ich kann doch auch nicht kündigen, weil mein Kind weint.‘“ Sie bleibt dennoch zu Hause, 1969 wird ihre Tochter geboren, 1974 steigt sie wieder bei Krauss-Maffei ein. Es folgen bewegte Jahre bei verschiedenen Großunternehmen in München, Berlin und Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia. 
„Mein Beruf hat mich nicht nur wirtschaftlich unabhängig gemacht, ich habe auch viel gelernt, viel gesehen, ha­be Freundschaften geknüpft und bin weit herumgekommen“, sagt Maren Heinzerling. Seit 2001 ist sie im Ruhestand – und sprüht noch im­mer vor Ideen. So hat sie 2007 zusammen mit der Bürgerstiftung Berlin das Projekt „Zauberhafte Physik in Grundschulen“ auf den Weg ge­bracht. „Ich möchte Mädchen und jungen Frauen vermitteln, dass der Ingenieursberuf viel ab­wechslungsreicher ist, als man denkt“, sagt sie. „Bei Frauen seien wenn überhaupt eher Sparten wie Umwelt- oder Medizintechnik beliebt, aber: „Es gibt so vielseitige Arbeitsbereiche, man hat mit sehr un­terschiedlichen Menschen zu tun. Ingenieursarbeit ist fast immer Teamarbeit. Man sitzt nicht einsam am Computer, das ist vielen gar nicht be­wusst.“ Noch viel wichtiger als gute Mathe-Kenntnisse seien „strukturiertes Denken, Selbstvertrauen, Sozialkompetenz – und Stehvermögen“. Diese Fähigkeiten gelte es schon in der Schule zu fördern.
Maren Heinzerling selbst wurde durch ihren Vater, einen Eisenbahningenieur, gefördert: „Er war mein großes Vorbild. Ich wollte dasselbe machen wie er. Als ich 1958 mein Studium be­gann, war mir gar nicht klar, dass das damals für eine Frau ungewöhnlich war“, sagt sie.

Nur jeder fünfte Beschäftigte in technischen Berufen ist eine Frau

Ein halbes Jahrhundert später bietet sich in Hörsälen und Labors ein anderes Bild: Jede vierte Studienanfängerin entscheidet sich in­zwischen für ein technisch-naturwissenschaftliches Studienfach. In den Ingenieurwissenschaften hat sich ihr Anteil laut Statistischem Bundesamt zwischen 2008 bis 2012 mehr als verdoppelt und liegt heute bei 23 Prozent. Ein Trend, der wohl auch dem „Nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen“ zu verdanken ist, der 2008 an den Start ging – nicht zuletzt mit Blick auf einen drohenden Fachkräftemangel. Ziel ist, Mädchen und Frauen für eine Ausbildung oder ein Studium im naturwissenschaftlich-technischen Be­reich zu motivieren und ihnen in Unternehmen und Hochschulen Karrierewege zu fördern, die mit vielfältigen Lebensentwürfen vereinbar sind. Derzeit ist in den MINT-Berufen (also im Bereich Mathematik, In­formatik, Naturwissenschaft, Technik) nur knapp jeder fünfte Beschäftigte eine Frau.
Auch Bayern setzt Zeichen: Das Wissenschaftsministerium un­terstützt Hochschulen, die den Anteil der Frauen in den MINT-Fächern erhöhen und ihren Studienerfolg sichern wollen. Elf Hochschulen haben sich bereits erfolgreich um Mittel beworben. Weil technischen Be­rufen auch heute noch Rollenklischees anhaften, kooperieren zum Beispiel Universitäten mit Schulen: Mädchen sollen MINT-Themen in Seminaren, Workshops und Schnupperstudien positiv erleben, um Berührungsängste und Vorurteile abzubauen. Die Hochschule Coburg geht mit dem Programm „MUT – Mädchen und Technik“ in Kindergärten und Grundschulen. Unter dem Motto „Wohin mit MINT?“ gaben an der Universität Bayreuth Referentinnen aus Wissenschaft und Wirtschaft Einblick in ihre Berufslaufbahn. An der Universität Augsburg stehen Studentinnen aus höheren Semestern den Studienanfängerinnen als MINT-Mentorinnen zur Seite.

Auszubildende und Quereinsteiger haben gute Chancen im Technikbereich

Nicht immer ist ein Studium erforderlich – es gibt auch Ausbildungsberufe im technischen Bereich. Und es gibt Quereinsteigerinnen wie Sandra Hoenke-Eder: Die 45-Jährige ist Fach-/Betriebswirtin für kaufmännische Be­triebsführung im Handwerk und hat die praktische Meisterprüfung für Kälteanlagenbaumeister in der Tasche. Im Alter von 37 Jahren übernahm sie den elterlichen Betrieb im Chiemgau: Das Familienunternehmen installierte und wartete Klimaanlagen, Kühlregale in Lebensmittelläden und in der In­dustrie. „Ich war schon als Kind oft in der Werkstatt und ha­be ge­holfen – trotzdem waren meine Eltern dagegen, dass ich eine handwerkliche Ausbildung mache, zu anstrengend für eine Frau …“, erinnert sie sich. Sie lernte zu­nächst Bürokauffrau und wollte dann, als Jungunternehmerin, einen ihrer Ge­sellen auf die Meisterschule schicken: „Er hat sich das nicht recht zugetraut, so bin ich gegangen“, sagt die Mutter dreier in­zwischen er­wachsener Kinder schmunzelnd. Sie beschäftigte meist bis zu drei Auszubildende. „Ich hätte auch gerne Mädchen im technischen Bereich eingestellt, es hat sich leider keine gefunden“, sagt sie. 2011 verkaufte sie das Unternehmen und arbeitet heute im Großhandel der Kälte-Klima­branche als technischer Außendienst bei der Frigotechnik GmbH. „Ich habe es nie bereut, in einen technischen Bereich ge­gangen zu sein – das ist unglaublich vielseitig und die Karrierechancen sind sehr gut. Das sollten sich junge Frauen bei der Be­rufswahl klarmachen.“
„Man sollte sich nicht verunsichern lassen und einfach ausprobieren – wechseln kann man immer noch“, rät die promovierte Ingenieurin Agnes Swadzba. Die 31-Jährige hat Informatik an der Universität Erlangen-Nürnberg studiert und war Stipendiatin des Cusanuswerks, dem Begabtenförderungswerk der katholischen Kirche. Nach Studium und Promotion ar­beitete sie in der Roboterforschung an der Universität Bielefeld – inzwischen ist sie bei Bosch in Stuttgart als Entwicklungsingenieurin für Fahrerassistenzsysteme tätig: „Ich arbeite in einem Team, das Parkpiloten für Autos entwickelt“, erklärt sie. Eigentlich hatte sie Elektrotechnik studieren wollen, besuchte dann aber eine Informationsveranstaltung zur Informatik und war fasziniert: „In der In­formatik geht es nicht darum, eine be­stimmte Programmiersprache möglichst gut zu be­herrschen, sondern Konzepte zu erlernen, mit deren Hilfe man Handlungsvorschriften, sogenannte Algorithmen, für verschiedene Probleme entwickeln kann. Das konnte uns der Referent da­mals so anschaulich er­klären, dass das letztlich den Ausschlag für mein Studium ge­geben hat.“

Mädchen Mut machen für die Wahl naturwissenschaftlicher Fächer

„Mädchen und junge Frauen werden häufig nicht genügend ermuntert, sich naturwissenschaftliche und mathematische Fächer zuzutrauen“, findet Birgit Spanner-Ulmer. „Gerne entschuldigen auch die Eltern eine schlechte Note in Mathematik. Mädchen zu vermitteln, dass sie durchaus in der Lage sind, auch schwierige und komplexe Aufgabenstellungen zu bewältigen, ist die bessere Strategie“, meint die erste Produktions- und Technikdirektorin beim Bayerischen Rundfunk. Die 51-Jährige studierte Wirtschaftsingenieurwesen, promovierte an der Technischen Universität München und wurde an der Katholischen Universität Eichstätt habilitiert. Sie arbeitete bei Audi in der Produktionsplanung und der technischen Entwicklung, wurde Professorin für Arbeitswissenschaft an der Technischen Universität Chemnitz – bis sie 2012 zum BR wechselte. Heute trägt sie den imposanten Titel Prof. Dr. Dr.
Eine Bilderbuchkarriere – doch noch kommen Frauen in den Führungsetagen nur selten an, das zeigt eine aktuelle Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes: So sind beispielsweise nur 3,7 Prozent aller Ingenieurwissenschaftler im Ma­nagement Frauen. 11,2 Prozent Frauen sind im Top-Management der Kfz-Branche vertreten, sieben Prozent im Top-Management von IT-Unternehmen. Die Studie zeigt weitere Probleme auf: Frauen in MINT-Berufen verdienen schon beim Berufseinstieg zehn Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Im Laufe des Berufslebens vergrößert sich der Abstand auf knapp 20 Prozent. Und zwei Drittel aller be­rufstätigen Akademikerinnen im MINT-Bereich berichten über Schwierigkeiten, Familie und Job unter einen Hut zu bekommen.
„Eine breitere Palette an Möglichkeiten zur Unterstützung junger Familien wäre gerade in technischen Disziplinen wün­schenswert“, sagt Spanner-Ulmer. Sie plädiert nicht nur für mehr Angebote zur Kinderbetreuung, sondern auch für die Möglichkeit, in Teilzeit Führungskraft zu sein: „Das sind Modelle, die noch ausgebaut werden können“, so die BR-Direktorin.

"Frauen schauen bei kniffligen Fragen eher über den Tellerrand"

Dass es auch anders geht, zeigt beispielsweise die ISIOS GmbH in Osnabrück. Das IT-Dienstleistungs- und Softwareentwicklungsunternehmen, in dem zwölf der 49 Beschäftigten Frauen sind, trägt das Prädikat „familienfreundlicher Betrieb“. Es gibt flexible Arbeitszeiten, einen Zuschuss zur Betreuung von Kindern unter sechs Jahren und die Möglichkeit, in Teilzeit zu ar­beiten. „Wir haben zu­sammen 34 Kinder“, verrät Franziska Thiesing. Die Mutter zweier Söhne im Alter von vier und zwei Jahren hatte Mathematik als Leistungskurs in der Schule, studierte Wirtschaftsinformatik und arbeitet nun als Software-Entwicklerin: „Dafür muss man kein Computerspezialist sein“, erklärt die 30-Jährige. „Man muss abstrakt und analytisch denken können. Man hat immer etwas zum Knobeln – das gefällt mir.“ Der vergleichsweise hohe Frauenanteil bei ihrem Arbeitgeber hat Vorteile: „Frauen haben einen anderen Blick als Männer, sie schauen bei kniffligen Fragen eher über den Tellerrand und ziehen verschiedene Lösungen für ein Problem in Betracht.“
Müssen Frauen in Berufen, in denen Männer dominieren, mehr Leistung bringen als Männer? „Aus eigener Erfahrung, aber auch aus vielen Äußerungen von Kolleginnen kann ich das bestätigen“, sagt Spanner-Ulmer. „Äußerungen zu Fachthemen werden ganz gerne kritischer beäugt als bei männlichen Kollegen.“ Agnes Swadsba sieht das anders: „Viele jüngere Frauen nehmen das nicht mehr so wahr, da hat sich etwas verändert“, meint die 31-Jährige. Frauen könnten häufig überzeugen, weil sie sich sehr intensiv mit bestimmten Fragen oder Problemen beschäftigen und gut vorbereiten, sagt Spanner-Ul­mer: „Dann werden sie als Fachfrau oder Expertin anerkannt.“ Ihr Rat an Mädchen und Frauen, die vor der Berufswahl stehen: „Die Entscheidung sollte nicht allein vom Verdienst oder den Anstellungsmöglichkeiten abhängig gemacht werden, sondern vor allem von den Aufgaben und dem Spaß, den man da­bei hat. Menschen, die in der Arbeit ihre Erfüllung finden, sind in der Re­gel erfolgreich und werden durch An­erkennung in ihrem Handeln be­stätigt. Arbeit macht Spaß, wenn man den Beruf oder die Ar­beit ge­funden hat, die den eigenen Fähigkeiten und Erwartungen entspricht.“
   
Gundula Zeitz

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 1+2/2014

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