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Stopp mit der Zerreißprobe zwischen Job und Familie!

Es reicht! Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf funktioniert nicht, ohne dass Mütter, Väter und Kinder einen viel zu hohen Preis bezahlen. Andere Lebensmodelle müssen her, um die dramatische Überforderung zu beenden.

Nein, niemand außer ein paar unbelehrbaren Traditionalisten will Frauen wieder an den Herd schicken. Dass Frauen berufstätig sind und ihre Ausbildungen und Talente einbringen, dass auch Männer ihren Anteil an der Kindererziehung und am Haushalt erbringen wollen und sollen – darüber sind sich weite Teile der Gesellschaft einig. Davon profitieren alle, Unternehmen wie Familien.

Aber: „Ich komme keine Nacht vor halb zwölf ins Bett“, seufzt Carolin W., Rechtsanwältin aus Nürnberg. Ihre Söhne sind vier und sechs Jahre alt. „Morgens um Viertel vor sechs klingelt der Wecker, aber die paar Stunden Schlaf reichen mir einfach nicht. Ich bin dauernd übermüdet. Jeden Tag nehme ich mir vor, dass ich früher schlafen gehe. Aber wenn die Kinder endlich im Bett sind, ist noch so viel zu tun: Küche aufräumen, Wäsche aufhängen, Mails beantworten, Überweisungen schreiben, Frühstückstisch decken, mal meine Mutter anrufen. Oft auch noch Vorbereitungen für einen Gerichtstermin am nächsten Tag. Manchmal weint zwischendurch eines meiner Kinder, muss aufs Klo oder hat schlecht geträumt. Und schon ist der Abend vorbei, und ich hab’ es wieder nicht geschafft, früher schlafen zu gehen.“

Keine Zeit für die Kür: Alltag als Kraftakt

Wie kriegt man Familie und Job unter einen Hut? Die Frage ist ein Dauerbrenner, wenn junge Familien ins Gespräch kommen. Habt ihr eine Putzfrau? Ein Au-pair? Eine Kinderfrau oder eine Großmutter in der Nähe? Gebt ihr die Hemden zum Bügeln weg? Was macht ihr, wenn die Kinder krank sind? Wie viele Wochen im Jahr schließt euer Kindergarten? 

Seit immer mehr Frauen berufstätig sind, inzwischen sind es knapp 70 Prozent, ist der Alltag für viele ein andauernder Kraftakt. Nichts darf schiefgehen, für unvorhergesehene Ereignisse gibt es keinen Puffer. Aufgerieben zwischen Familie und Beruf sind Eltern heute froh, wenn sie das Pflichtprogramm Tag für Tag stemmen. Für die Kür hat die gehetzte Generation keine Reserven: Zeit als Paar? Zeit für Freunde? Zeit für die eigenen Eltern? Zeit für sich selbst? Zeit, einen Nachmittag mit den Kindern zu vertrödeln und den Gänseblümchen beim Wachsen zuzusehen? Fehlanzeige.

Stress und Hetze als Normalität

Stress und Hetze werden immer noch von vielen als normal angesehen und als persönliches Problem, das durch besseres Zeitmanagement zu lösen ist. „Da heißt es: Es ist alles eine Frage der Organisation“, sagt die Familiensoziologin Johanna Possinger, die am Deutschen Jugendinstitut in München die Fachgruppe „Familienpolitik und Familienförderung“ leitet. „Da werden als Rollenvorbilder weibliche Dax-Vorstände mit mehreren Kindern präsentiert, ohne zu sagen, dass diese Frauen genug Geld haben, um sich auch fünf Kindertagespflegepersonen zu leisten, wenn sie das möchten. Da heißt es: Man muss die Familie nach betrieblichem Vorbild organisieren – früh aufstehen, klare, durchstrukturierte Arbeitsteilung zwischen Mutter und Va­ter, die sich zu Hause die Klinke in die Hand geben. Im Alltag merkt man aber, und darüber wird jetzt endlich auch öffentlich geredet: Das ist Humbug, das klappt alles überhaupt nicht!“ 

Der wirtschaftliche Druck ist gestiegen

Eltern sind an der Belastungsgrenze. Sie müssen in einer relativ kurzen Zeitspanne zwischen 30 und plusminus 50 Jahren alle wichtigen Weichen stellen. Sie müssen: beruflich Fuß fassen. Eine Familie gründen. Kinder aufziehen. Sich um alte Eltern kümmern. Feste Fundamente schaffen, um drei Generationen – sich selbst, die Kinder, die Rentner – finanziell und emotional zu begleiten. Soziologen nennen diese Phase die Rushhour, die Stoßzeit, des Lebens. Und sie beschleunigt sich immer mehr. 

Vereinbarkeit von Familie und Beruf galt lange Zeit als Frage der Organisation und der Rahmenbedingungen. Es ging um genügend Kindertagesstätten, einigermaßen familienfreundliche Arbeitsplätze und gesetzlichen Schutz für Mütter und Väter. Viele der damaligen Forderungen wurden in den vergangenen Jahren umgesetzt und werden weiter ausgebaut. Es gibt: Rechtsansprüche auf Krippen- und Kindergartenplätze, auf Teilzeit, auf Elterngeld, auf Elternzeit. Es gibt mehr Ganztagsschulen und das Recht, nach einer familienbedingten Pause in den ersten Lebensjahren eines Kindes an den Arbeitsplatz zurückzukehren. 

Ideale Rahmenbedingungen also? Nein.

Denn zur gleichen Zeit ist der wirtschaftliche Druck massiv gestiegen: Ein Einkommen reicht meist nicht mehr aus, um eine Familie zu ernähren – 16 Prozent der Familien leben in Deutschland an oder unter der Armutsgrenze. Viele können sich be­sonders in den Großstädten keine Wohnung mehr leisten. Das zwingt viele Frauen dazu, schon sehr bald nach der Geburt eines Kindes wieder in den Job zu­rückzukehren. Besonders prekär ist die Lage der Alleinerziehenden.

Das Signal des Unterhaltsrechts: bleibt finanziell unabhängig

Frauen wissen: Ihre Rentenansprüche sind gering, wenn sie zu lange Pausen einlegen, ihre Karrierechancen sowieso. Das Unterhaltsrecht, das im Jahr 2008 reformiert wurde, sendet ein klares Signal an Frauen, unbedingt wirtschaftlich unabhängig von ihren Ehemännern zu bleiben. Denn nach einer Scheidung – immerhin scheitert jede dritte Ehe in Deutschland – haben sie nur noch recht geringe Unterhaltsansprüche, wenn die Kinder älter sind als drei Jahre. Auch deshalb richten junge Frauen heute ihr Leben nach dem Beruf aus, wie eine Studie am Wissenschaftszentrums Berlin ergab, die im Auftrag der Frauenzeitschrift Brigitte erstellt wurde. Und auch Männer haben das Signal erkannt: Eine große Mehrheit, 76 Prozent der jungen Männer, drängen darauf, dass ihre Partnerin selbst für ihren Lebensunterhalt sorgt. 

Mails am Wochenende: die Berufstätigkeit greift ins Private über 

Früher wurden Arbeitsverträge meistens unbefristet geschlossen. Inzwischen ist das anders, und Jobs auf Zeit nehmen zu. Ihre Zahl hat sich in den Jahren zwischen 2001 und 2013 auf 1,3 Millionen mehr als verdoppelt. Für Eltern bedeuten solche Arbeitsverhältnisse Unsicherheit und Druck; sie wissen oft nicht, wie es nach dem Auslaufen des Vertrages finanziell weitergehen wird. 

Und schließlich die Arbeit selbst: Sie hat sich – wie vielfach soziologisch nachgewiesen – beschleunigt, verdichtet und intensiviert. „Die Erwerbsarbeit zerrt zu sehr an den Eltern“, sagt Familiensoziologin Johanna Possinger: „Überstunden sind an der Tagesordnung, die Arbeit greift immer öfter ins Private über, zum Beispiel durch die neuen Kommunikationstechniken, die es erlauben, auch zu Hause Mails zu beantworten oder rund um die Uhr erreichbar zu sein.“

Und auch zu Hause hakt es an allen Enden. Da holen Eltern abends abgehetzt ihre Kinder aus der Tagesstätte und stopfen in die verbliebenen ein oder zwei Stunden, bis die Kinder ins Bett müssen, alles, was den Tag über an Familienleben nicht stattfinden konnte. Qualitätszeit nannten Soziologen früher diese kurzen Häppchen am Tag, wenn Eltern sich ganz bewusst Zeit für ihre Kinder nahmen und sich ihnen intensiv zuwandten. Es hieß: Nicht die Dauer der Zeit mit den Kindern ist entscheidend, sondern die Qualität. 

Kinder richten sich nicht nach dem Terminplaner

Possinger: „Das Konzept der Qualitätszeit war jahrelang eine heilige Kuh. Doch davon kommt man jetzt weg, weil man inzwischen weiß: Sie allein reicht nicht aus. Die Beziehung zwischen Eltern und Kind besteht eben auch aus „Stand-by-Zeiten“, also beiläufigen Zeiten, in denen das Kind zum Beispiel im Kinderzimmer spielt, während Papa oder Mama in der Küche das Essen vorbereiten, aber auf Abruf zur Verfügung stehen. Diese beiläufigen Zeiten kann man nicht aus dem Alltag entfernen, ohne dass et­was verloren geht.“ Aus Studien weiß man zudem, dass das Konzept der Qualitätszeit einen hohen Erwartungsdruck mit sich bringt, sagt Possinger, „nach dem Motto: ‚Jetzt ist Zeit, jetzt beschäftigen wir uns miteinander, und dann muss es auch schön sein.‘ Kinder lassen sich aber nicht komplett in vororganisierte Zeitfenster drängen: Auch wenn die Qualitätszeit vorbei ist, haben Kinder noch Bedürfnisse, die sich nicht nach dem Terminplaner richten.“

Ist Vereinbarkeit eine Lüge?

Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Stellt sich nun, nach vielen Jahren, in denen Frauen um ihre gesellschaftliche Gleichstellung gekämpft haben, heraus, dass es nicht klappt? Auch nicht bei guten Rahmenbedingungen, auch nicht bei perfektem Zeitmanagement und erstklassiger Organisation? Auch dann nicht, wenn sich die Väter an der Hausarbeit und der Kindererziehung beteiligen? Wenn selbst Männer mittlerweile über Übermüdung, Erschöpfung und den alltäglichen Wahnsinn zwischen Kindern und Job klagen und erzählen, was Frauen längst wissen – wie jüngst die beiden Väter und Journalisten der Wochenzeitung Die Zeit, Marc Brost und Heinrich Wefing? Ihr eben erschienenes Buch trägt den Titel „Geht alles gar nicht. Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können.“ Und es beginnt mit den Worten: „Dass sich Kinder und Karriere vereinbaren lassen, ist eine Lüge.“ Das Gleiche sa­gen die Journalistinnen Susanne Garsoffky und Britta Sembach in ihrem Buch: „Die Alles-ist-möglich-Lüge. Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind.“ Sie schreiben: „Familie und Be­ruf passen noch immer nicht zusammen, jedenfalls nicht, wenn man beides gleichzeitig, gut und intensiv erleben und erledigen möchte.“ 

Und wenn man dabei gesund bleiben möchte! Im vergangenen Herbst schlug das Müttergenesungswerk einmal mehr Alarm: Die Zahl der Mütter mit Erschöpfungssyndrom bis hin zum Burnout ist in den letzten zehn Jahren um 37 Prozent gestiegen. Angstzustände, Schlafstörungen und Rückenbeschwerden nehmen dramatisch zu, auch bei Vätern. Doch nicht nur Eltern leiden: Der Kinder- und Ju­gendpsychiater Michael Schulte-Markwort, ärztlicher Direktor der Universitätsklinik Hamburg, vermutet, dass mittlerweile jedes fünfte Schulkind eine psychische Erkrankung hat. Bei immer mehr Kindern und Jugendlichen wird eine Depression diagnostiziert, und der Hamburger Professor sieht immer öfter Patienten unter 18 mit Burnout. Es sind Kinder, auf denen die „alles durchdringende leistungsorientierte Ökonomisierung unserer Gesellschaft“ schwer lastet und die den Stress ihrer Eltern widerspiegeln. Und das, obwohl die heutigen Eltern, wie Schulte-Markwort beobachtet, „sich mit großer Ernsthaftigkeit um ein Verstehen und Fördern ihrer Kinder bemühen.

So kann es nicht weitergehen

Soziologin Johanna Possinger sagt: „Wir brauchen andere Ansätze. So wie wir jetzt leben, ist das relativ starr: Wir haben eine Phase der Ausbildung, eine Phase des Vollzeit-Erwerbslebens, eine Phase der Rente. Das orientiert sich am klassischen männlichen Modell, denn für Frauen galt das noch nie so ununterbrochen und linear. Alle, die von diesen Phasen abweichen, ob es Männer oder Frauen sind, werden dafür bestraft: mit schlechteren Aufstiegsmöglichkeiten, niedrigeren Rentenansprüchen, langfristig geringerem Einkommen, schlechterer sozialer Absicherung.“ 

Fürsorge als Fundament der Gesellschaft 

Zukunftsträchtig wären Lebensmodelle, die anerkennen, dass Menschen noch weitere Aufgaben haben, als erwerbstätig zu sein. Dass Kinder Zeit brauchen. Alte Menschen auch. Dass Fürsorge für andere eines der Fundamente der Gesellschaft ist. Und dass diese Aufgaben auch Platz im Leben finden müssen. Possinger spricht dabei von „atmenden Lebensverläufen, die es erlauben sollen, zwischen Phasen von Familie, Beruf, Pflege, Ehrenamt – oder was auch immer man im Leben machen möchte – hin- und herzuswitchen, ohne dafür jahrzehntelang beruflich zu bezahlen. In der Politik verbreitet sich der Gedanke langsam, und sie bewegt sich in kleinen Schritten darauf zu.“

Familienarbeitszeit – ein Lichtblick für die gehetzte Generation

Die Idee der sogenannten Familienarbeitszeit, die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) im vergangenen Jahr präsentierte, kommt diesem Gedanken recht nahe. Danach sollten Eltern mit Kleinkindern ihre Arbeitszeit auf 32 Stunden pro Woche reduzieren dürfen – bei gleichzeitigem Ersatz des Lohnausfalls durch den Staat. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung berechnete dazu: „Die Kosten der Lohnersatzleistung wären mit bis zu 140 Millionen Euro pro Jahr zu Beginn relativ moderat. Wenn sich die sozialen Normen langfristig ändern und mehr Familien das Modell nutzen, würden die Kosten zwar steigen, dann wäre aber auch viel für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erreicht. Zudem würde sich das Arbeitskräftepotenzial in Deutschland erhöhen, die Einkommen und Renten vieler Mütter würden steigen.“ Vor einem Jahr wurde Schwesig für ihren Vorschlag von Kanzlerin Merkel noch ausgebremst. Doch nun kommt wieder Bewegung in die Sache: SPD-Chef Gabriel kündigte an, das Projekt voranzutreiben. 

Vielleicht ein Lichtblick für die gehetzte Generation.

Autorin: Susanne Zehetbauer
aus: Engagiert 5/2015

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