KDFB

Sei gut zu dir!

Familie, Beruf, Ehrenamt – Frauen tragen viel Verantwortung. Dabei kommt ihr eigenes Wohlbefinden oft zu kurz. Doch es ist wichtig, auch für sich selbst zu sorgen, denn nur diejenigen, die genug Kraft haben, können andere unterstützen.            

 

An sich selbst zu denken, das ist Andrea* schon immer schwergefallen, in ihrem Alltag reihte sich stets Verpflichtung an Verpflichtung. Der Einschnitt kam vor sieben Jahren in der Vorweihnachtszeit, wie die KDFB-Frau berichtet: „Ich bin damals nach dem zweiten Kind gerade wieder in meinen Beruf eingestiegen. Das war stressig, dazu der Weihnachtstrubel. Offenbar habe ich ein paar körperliche Warnsignale nicht wahrgenommen.“ Nach einer verschleppten Grippe sahen die Ärzte einen Verdacht auf Herzinfarkt. Zum Glück bestätigte sich die schlimme Diagnose nicht, doch für Andrea war es ein Wendepunkt. Sie begriff, dass sie künftig nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst würde sorgen müssen.

Seitdem achtet die kaufmännische Angestellte aus dem Landkreis Cham besser auf sich, so gut es ihr im quirligen Alltag mit zwei Grundschulkindern möglich ist. Die Corona-Krise macht es nicht leichter. So erkrankte ihr Mann während des Lockdowns im Frühjahr an einer Grippe und lag daraufhin mit einer schweren Lungenentzündung drei Wochen lang im künstlichen Koma. „Das war heftig für die ganze Familie. Und obwohl er inzwischen aus der Reha zurück ist, hat er noch nicht die Kraft mitzuhelfen, zum Beispiel für die Söhne ein Mittagessen zu kochen“, sagt Andrea, die sich derzeit als „verheiratet alleinerziehend“ betrachtet.

Wie der 40-Jährigen geht es vielen Müttern und pflegenden Angehörigen, aber auch Therapeut*innen, Pfleger*innen und Ärzt*innen: Im Einsatz für ihre Nächsten und Patienten verlieren sie den fürsorgenden Blick auf sich selbst und nehmen die eigenen Bedürfnisse nicht ernst.

 

„Es ist meine Verantwortung, für mich selbst zu sorgen“

 

Das kennt auch Tatjana Reichhart, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Als sie während des Studiums in einer Klinik arbeitete, vergaß sie sich selbst in Anbetracht des Leids anderer Menschen und stieß an ihre Grenzen. Das Muster setzte sich fort, als sie später viele Jahre lang mit psychisch und körperlich schwer erkrankten Menschen und traumatisierten Flüchtlingen arbeitete. „Ich habe viel Schlimmes gehört, was katastrophalen Ausmaßes ist“, erzählt sie.

Heute weiß die 41-jährige Münchnerin: „Es ist meine Verantwortung, für mich selbst zu sorgen, um gut und gesund leben zu können. Nur so kann ich für andere da sein. Wenn ich selbst keine Kraft mehr habe, kann ich andere nicht unterstützen.“ Deswegen ist für sie Selbstfürsorge entscheidend – als Balance zwischen den beiden extremen Polen Aufopferung und Egoismus, wie sie sagt.

 

Glaubenssätze aus der Kindheit prägen ein Leben lang

 

Seit fünf Jahren widmet sich Tatjana Reichhart ausschließlich der Vorbeugung psychischer Erkrankungen und dem Erhalt der psychischen Gesundheit bei Angestellten in Firmen und bei Privatpersonen. Sie ist Mitbegründerin des Coaching- und Seminarcafés „Kitchen2Soul“ in München und hat ein Buch unter dem Titel „Das Prinzip Selbstfürsorge“ veröffentlicht.

Trotzdem fällt es ihr bis heute nicht leicht, achtsam mit sich selbst umzugehen. „Ich habe starke innere Antreiber, also Glaubenssätze, die es mir schwermachen, mich gut um mich selbst zu kümmern.“ Das zu lernen, sei eine lebenslange Aufgabe. Die Ärztin stammt aus einer leistungsorientierten Familie. Einer der Glaubenssätze, die sie seit der Kindheit begleiten, lautet: „Du musst immer produktiv sein!“ Inzwischen hilft sie Frauen, verinnerlichte Regeln wie „Erst die anderen, dann ich“ aufzuspüren und in Erlaubnissätze umzuformulieren, etwa: „Ja, ich helfe anderen, gleichzeitig darf ich mich aber auch um mich selbst kümmern – ohne schlechtes Gewissen.“

 

Selbstbestimmt leben, statt gelebt zu werden

 

Für jeden Menschen sei es wichtig, eigene Bedürfnisse zu erkennen, sie durchzusetzen und Grenzen zu ziehen. „Ich kann nicht davon ausgehen, dass mich andere an die Hand nehmen, mich schützen, mich schonen und mir Energie schenken, sondern es ist meine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass ich nicht zu kurz komme“, erklärt Reichhart und fügt hinzu: „Selbstfürsorge ist die einzige Möglichkeit, ein Leben zu führen, das am Ende nicht bedauert wird. Oder soll auf meinem Grabstein stehen: ,Sie lebte nur für die anderen‘?“ Wer das Gefühl habe, fremdbestimmt oder von anderen getrieben zu sein, müsse sich fragen: „Wie will ich gelebt haben?“ und die Weichen entsprechend stellen.

Frauen sollten auch über Ansprüche nachdenken, die sie selbst an sich stellen. Folgende Fragen könnten dabei helfen: Was von dem, was ich glaube, tun zu müssen, muss ich wirklich tun? Was ist, mit Abstand betrachtet, wirklich notwendig? Ist es in einer Woche, in einem Monat, einem Jahr noch wichtig? „Bei der letzten Frage heißt die Antwort meistens: Nein“, weiß Reichhart.

Hilfreich sei es auch zu überlegen: „Mit welcher Haltung unterstütze ich meine Angehörigen, mein Kind besser: Profitiert mein Kind davon, dass ich zwar superhohe Ansprüche habe, dabei aber nur gestresst bin? Würde es meinem Kind vielleicht besser gehen, wenn ich die Bügelwäsche liegen ließe und wir uns stattdessen einen gemütlichen Pizza-Abend machen würden?“

 

Manchmal tut Abstand gut, damit man neu zueinander finden kann

 

Wie sehr Frauen in ihren Rollen feststecken, erlebt auch Kristin Kozlik. Die Sozialpädagogin ist Einrichtungsleiterin der „AWO Seenlandklinik Lindenhof Gunzenhausen“, die Kuren für das Müttergenesungswerk anbietet. „Selbstfürsorge ist bei uns ein ganz großes Thema. Für viele Mütter ist das ein Fremdwort. Wenn sie hier ankommen, fühlen sie sich zunächst überfordert von der freien Zeit, die sich ihnen bietet, außerdem wissen sie gar nicht, was ihnen guttut. Die Frauen kommen mit der Haltung an: ,Mir geht es gut, wenn es meinen Kindern oder allen um mich herum gutgeht.‘“

 

„Was verändert sich für mich, wenn ich auch mal für mich alleine Zeit habe?“

 

In der Kur wird versucht, diese Überzeugung ein Stück weit umzukehren, indem den Müttern vermittelt wird: Ihr könnt andere nur dann gut versorgen, wenn ihr in erster Linie euch selbst gut versorgt. Weitere Schwerpunkte sind Stressbewältigung, Entwicklung des Selbstwerts und die Erziehung. „Wir versuchen, Frauen erleben zu lassen: Was verändert sich für mich, wenn ich jetzt auch mal für mich alleine Zeit habe? Wie fühlt sich das an? Wie kann ich davon profitieren? Im Zusammenleben mit Kindern oder anderen Menschen braucht es manchmal einfach Abstand, um neu zueinander zu finden“, erklärt Kozlik. Sportliche Bewegung ist Teil der Therapie, und viele Frauen merken, wie gut sie ihnen tut.

Ein anderer Therapieschwerpunkt ist das Waldbaden, für das die Klinik zertifiziert ist. In Gunzenhausen wird Müttern vermittelt: Wenn ihr eine halbe Stunde in den Wald geht und Kraft tankt, habt ihr schon viel für euch selbst getan.

Dabei hat es sich bewährt, die Selbstfürsorge in kleine Tageseinheiten einzuteilen, weiß Kozlik: „Was kann ich in fünf Minuten oder in einer Viertelstunde Gutes für mich tun? Das ist viel realistischer als eine Stunde oder zwei freizunehmen. Für viele Mütter wäre das ein zu großer Organisationsaufwand im Familienalltag und würde sie nur wieder stressen.“ Und Frauen sollten überlegen: Wie kann ich für mich selbst sorgen, wenn ich den ganzen Tag die Kinder bei mir habe? Kann ich mit meinen Kindern etwas unternehmen, was auch mir Spaß macht?

 

Kleine Zeitinseln in den Alltag einbauen

 

KDFB-Frau Andrea aus Cham hat eine Lösung gefunden: Regelmäßig geht sie jetzt mit einer Freundin zum Frühstücken oder Walken. Morgens genießt sie es, in Ruhe und ganz allein zwei Tassen Kaffee zu trinken. Auch abends, wenn die Kinder im Bett sind, nimmt sie sich Zeit für sich selbst. Sie liest gerne und lässt den Tag Revue passieren.

Selbstfürsorge ist für Andrea inzwischen zum Bestandteil ihres Lebens geworden: „Ich bin streng mit mir, achte darauf, genug zu schlafen, auch darauf, ausreichend Wasser zu trinken.“ Sie hat gelernt, Grenzen zu setzen und ihre Kräfte einzuteilen.  Die 40-Jährige ist sich bewusst: Ihr Elternhaus hat ihr eine leistungsorientierte Denkweise vermittelt. Sie selbst schätzt sich als „leicht perfektionistisch“ ein.

 

„Wer perfekt sein will, verliert seine Freiheit.“

 

Für Psychotherapeutin Tatjana Reichhart ist Perfektionismus ein Gegenspieler der Selbstfürsorge – genauso wie die Unfähigkeit, um Hilfe zu bitten, alles allein machen zu wollen, nicht delegieren zu können oder alles unter Kontrolle haben zu wollen: „Erwachsene Gehirne haben aus der Kindheit abgespeichert, dass Zuwendung und Liebe mit der Erfüllung von Ansprüchen von Eltern und Bezugspersonen verknüpft sind. Wenn ich perfekt bin, werde ich geliebt. Bin ich nicht perfekt, bin ich nicht liebenswert“, erklärt sie.

Hinter dem Muster, sich anzupassen und sich in Perfektion zu üben, stecke die Angst zu scheitern oder kritisiert zu werden, weiß Reichhart. Der Blick wandere dann fort von sich selbst auf andere: Was denken sie über mich? Wie bewerten sie mich? „Doch wer perfekt sein will, verliert seine Freiheit“, gibt die Psychotherapeutin zu bedenken.

 

Auch das Umfeld profitiert, wenn man gelassener ist.

 

Wer mit sich selbst achtsam umgeht, sollte deshalb kein schlechtes Gewissen haben: „Machen Sie sich die positiven Konsequenzen der Erholungs- und Genusszeiten auch für Ihr Umfeld bewusst, zum Beispiel Ausgeglichenheit, Gelassenheit, Steigerung der Energie, der Kreativität und der Konzentrationsfähigkeit“, sagt Reichhart. Außerdem: Wer seine Bedürfnisse klar mitteilen könne, erlebe weniger Konflikte – ein Gewinn für jede Beziehung.

Wenn Reichhart bei Workshops gefragt wird: „Bin ich nicht doch egoistisch, wenn ich mich um mich selbst kümmere?“, gibt es für sie nur eine Antwort: „Nein! Und diese Frage brauchen Sie sich nie wieder zu stellen.“

 

*Name von der Redaktion geändert

 

Autorin: Karin Schott
aus: KDFB engagiert 12/20

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