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Rechte für die Rechtlosen

Ob gegenüber Polizei, Gericht oder Verwaltung: Frauen in Indien fällt es schwer, ihre Rechte durchzusetzen. Anwältin Assunta Pardhe steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Sie leitet das Selbsthilfeprojekt Chetna – der Frauenbund ruft auf, es mit Spenden zu unterstützen.

Assunta Pardhe hat schon viele Kämpfe hinter sich und noch viele vor sich. Als Anwältin setzt sie ihre ganze Kraft daran, anderen Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen. Mehr als 3.000 Gerichtsprozesse hat sie bislang geführt. Eheliche Gewalt, Zwiste in der Nachbarschaft, Frauen, die um ihr Erbe betrogen werden. „In meiner Heimatstadt Pune wissen alle, Assunta kennt sich aus, also werden sie zu mir geschickt, wenn es um Rechtsfragen geht. So landen viele schwierige und komplizierte Angelegenheiten bei mir.“ Assunta wird’s schon richten ist die Devise. 

Tagelang taucht die 41-Jährige dann ein in einen Fall, versucht zu vermitteln: zwischen dem Opfer – meist einer Frau –, der Familie – meist aus einer unteren Kaste oder dem Slum – und Polizei, Gericht Behörden – meist uninteressiert, überlastet, arrogant. Immer hat Assunta das verbürgte Recht des Gesetzbuches vor Augen. Nur ist es oft so schwer durchzusetzen: schon gar nicht in Indien, schon gar nicht von denen, die am Rande der Gesellschaft leben. „Ich will, dass die Menschen, die keine Stimme haben, ihre Stimme erheben.“ Sie sagt bedeutungsschwere Sätze einfach so hin.  

Es braucht viel Entschlossenheit, gegen das Unrecht zu klagen

Zu Beginn ihrer Laufbahn, als sie in den Slums der Millionenstadt Pune in Westindien arbeitete, war sie erstaunt, dass sich die Menschen nicht gegen das Unrecht wehren wollten. „Ich begegnete vielen Fällen von Gewalt gegen Frauen“, erinnert sie sich. „Und ich ging davon aus, dass die Opfer diejenigen, die sie misshandelten, anzeigen würden.“ Weit gefehlt. „Mit eigenen Augen sah ich, warum das so war: Die Frauen erwarteten nicht, dass die Polizei sie unterstützen würde.“ Zwar wurden die Fälle protokolliert, aber sie weiter zu verfolgen, dazu fehlte es meist am Willen der Behörden und an der Entschlossenheit der Opfer. „Die Frauen hatten das Gefühl, es lohne sich nicht zu klagen“, sagt Assunta. „In Indien kostet das viel Zeit vor Gericht und viel Geld für einen Rechtsanwalt und die Fahrten zu den Verhandlungen. Außerdem waren die Frauen nicht selbstbewusst genug, um das alles durchzustehen, mit Anwälten und Richtern zu verhandeln, meilenweit aus ihren Dörfern anzureisen. So nahmen sie lieber das Unrecht hin.“ 

Nur gemeinsam sind Arme stark 

Als Assunta Pardhe als Rechtsanwältin zu praktizieren begann, erkannte sie, wie stark das alte Kastensystem noch wirksam war. Obwohl in den Gesetzesbüchern steht, dass in Indien jeder gleiche Rechte besitzt, waren viele nicht gebildet genug, um ihre Rechte durchzusetzen. Assunta wird bewusst, dass sich die Armen zusammenschließen müssen, um sich zu wehren. „Nur in der Gemeinschaft sind sie mächtig. Ihre große Anzahl ist ihre Stärke“, sagt sie.  

Assunta selbst stammt aus einer katholischen Familie. Als der damalige Bischof Valerian sie Mitte der Neunzigerjahre anspricht, für das von der Diözese Poona gestartete Projekt Chetna tätig zu werden, zögert sie nicht lange. Chetna, das ist ihr sofort klar, bietet ihr die Plattform, nicht nur Einzelnen zu ihrem Recht zu verhelfen, sondern vielen unterdrückten und ausgegrenzten Frauen zu ermöglichen, für sich selbst einzustehen. Empowerment – Ermutigung, Ermächtigung für Frauen, das ist das Ziel, das Chetna seit 19 Jahren verfolgt. 

Bis heute begleitet sie der Vorwurf, Frauen anzustacheln

Assuntas erste Aufgabe besteht darin, Selbsthilfegruppen für arme Frauen zu gründen. Auch das eine schwierige Aufgabe. Viele Monate geht sie von Haus zu Haus, spricht mit Ehemännern und Familienangehörigen, leidet unter Verleumdungen. Der Vorwurf, sie würde Frauen zum Widerstand anstacheln, verfolgt sie bis heute. In Indien, so bringt sie es auf den Punkt, gelten die als gute Frauen, die brav die Hausarbeit tun und schweigen. Die, die nicht gegen ihren Ehemann und dessen Familie aufmucken. Die, die den traditionellen Sari über die Schulter ziehen und das Haus nicht verlassen. „In Indien wird Frauen gelehrt, gehorsame Dienerinnen zu sein, sei es gegenüber der eigenen Familie oder der Schwiegerfamilie“, erklärt sie.

300 Selbsthilfegruppen geben Frauen Halt

Viele Monate muss Assunta hartnäckige Überzeugungsarbeit leisten, bis sie die ersten zehn Frauen zu einer Selbsthilfegruppe zusammenführen kann. Heute sind es 300 Gruppen, über Hunderte von Quadratkilometern verteilt. Stolz sagt sie: „Wir arbeiten derzeit mit 3.000 Familien zusammen.“ Frauen, die sich stützen, die voneinander lernen, die sich austauschen, die Sitzungen leiten, Protokolle erstellen, Kampagnen starten, um das Leben für sich, für ihre Familien und ihre Dorfgemeinschaft leichter zu machen. Eine Erfolgsgeschichte, die ganz klein begann. 

Chetnas Botschaft an die Frauen: Begreife, dass du ein Mensch bist!

In den Seminaren, die Chetna regelmäßig anbietet, ist Assunta immer wieder erstaunt zu sehen, welche Wandlung in den Frauen vor sich geht. „Das geht blitzschnell“, sagt sie. „Man spürt die Kraft der Ermutigung nach kurzer Zeit. Die Frauen sehen anders aus, sie kleiden sich anders, sie treten anders auf, wenn sie ihre Rechte kennen, die ihnen als Bürgerin, Ehefrau und Tochter zustehen.“ 

Zunächst, das räumt Assunta ein, machen die Frauen große Augen, wenn sie ihnen erzählt: „Begreife, dass du ein Mensch bist, der Rechte hat. Und erst in zweiter Linie bist du Frau.“ Immer wieder spürt die Anwältin, dass sie damit eingefahrene Überzeugungen erschüttert. „Ich fordere die Frauen heraus: Ich frage jede Einzelne: Was passiert, wenn dein Ehemann findet, in dem Essen, das du gekocht hast, fehlt das Salz? Was passiert, wenn er daraufhin ärgerlich wird und den Teller vom Tisch fegt? Und wenn du für diesen Fehler Schläge beziehst?“ Meist sagen die Frauen dann, das sei okay, es mache ihnen nichts aus. „Aber dann frage ich sie: Was passiert, wenn dein Ehemann einen Fehler macht? Oder macht er gar keine Fehler?“ – Da lachen die Frauen. „Oh doch“, sagen sie, „er macht Fehler.“ Assunta lässt nicht nach: „Wer aber schlägt ihn?“ Die Antwort: „Da ist niemand, der ihn schlägt. Er hat die Macht.“ 

Immer mehr Inderinnen wollen den Wandel

Männer haben das Sagen, Frauen gehorchen: Diese eherne Regel geben Mütter an ihre Töchter weiter, aber so muss es nicht bleiben. Immer mehr Inderinnen sind bereit für den Wandel. Eine, an der das besonders deutlich wird, ist Suprija, die Frau eines einfachen Arbeiters. Assunta Pardhe erinnert sich: „Sie war eine sehr stille Frau. Die meiste Zeit war sie damit beschäftigt, zu beobachten, was in der neu gegründeten Selbsthilfegruppe vor sich ging. Aber ich hatte das Gefühl, sie könnte die Gruppe leiten, denn es gelang ihr immer, alle Frauen ihres Dorfes zu einer Sitzung zusammenzutrommeln. Dennoch war sie am Anfang sehr scheu und wollte sich nicht in das Leitungsteam wählen lassen. Wir haben immer eine Vorsitzende, eine Schatzmeisterin und eine Schriftführerin. Sie sagte, sie könne nicht schreiben, also blieb sie einfaches Gruppenmitglied. Später jedoch interessierte sie sich für Rechtsfragen. Immer wieder begleitete sie andere zur Polizei, um ihnen dort beizustehen, wenn sie gewalttätige Übergriffe anzeigen wollten. Eines Tages überraschte sie alle. Es war bei einer Dorfversammlung, auf der gewöhnlich nur die Männer zu Wort kommen. Die Frauen haben zwar das Recht, eine eigene Versammlung zu halten, doch was sie dort beschließen, ist offiziell nicht von Bedeutung. Sie können lediglich ihre Anliegen von Männern vertreten lassen. Bei der Versammlung kam das Thema Wasser zur Sprache. Denn es war März oder April, also Trockenzeit. Das Dorf litt unter Wassermangel, denn es konnte seinen See nicht als Trinkwasserreservoir nutzen, da er durch Unrat verschmutzt war. Die Frauen und auch die Männer des Dorfes verlangten also von den Behörden, den See zu säubern. Der Beamte, der die Behörden bei der Versammlung repräsentieren sollte, blockte ab. Suprija aber hatte ein Heft dabei und sammelte die Unterschriften der Anwesenden, die alle die Säuberung des Sees verlangten. Es waren mehr als hundert Personen, und damit war das Quorum erreicht, das ein Handeln der Behörden erzwingt. Schlussendlich erreichte das Dorf, dass der See gesäubert wurde, später nahm die UNESCO die Trinkwasserversorgung des Dorfes in ihr Programm auf.“

Frauen, die über sich selbst hinauswachsen 

Chetna braucht Frauen wie Suprija: solche, die es schaffen, andere zu mobilisieren. Solche, die nicht locker lassen. Solche, die bereit sind, über sich selbst hinauszuwachsen. „Anfangs war es hart, Suprija dazu zu bringen, ihre Schreibkenntnisse aufzufrischen“, räumt Assunta Pardhe ein. „Das gelang erst, als sie mir bei meinem ersten Fall von häuslicher Gewalt, den ich vor Gericht brachte, assistieren wollte. Ich sagte ihr, nur wenn sie schreiben würde, könnte sie mich unterstützen. Schließlich setzten wir uns eines Tages mittags an einen Tisch, und sie begann langsam, ganz langsam eine Manuskriptseite Buchstabe für Buchstabe abzuschreiben. Nach vielen Jahren Hausarbeit wusste sie nicht mehr, wie man einen Stift benutzt. Und es dauerte schließlich bis acht Uhr abends, um die Seite im Kerzenlicht fertigzustellen.“

Suprija beließ es nicht bei Schreibübungen. Dank Chetna fand sie den Mut, einen Collegeabschluss nachzuholen. Da hatten ihre Tochter und ihr Sohn die Schule schon beendet. Aber als sie sahen, wie ihre Mutter noch einmal zu lernen begann, setzten sie ihre Ausbildung fort. Heute, mit 50 Jahren, ist Suprija professionelle Fallberaterin. Sie steht anderen Frauen bei Rechtsfragen zur Seite. 

Ein ehemaliges Gewaltopfer ist heute Dorfsprecherin

„Ich habe eine ganze Reihe von Frauen, tatsächlich sind es 19, die verheiratet sind, Kinder haben und trotzdem ihren Collegeabschluss geschafft haben“, sagt Assunta. „Alle waren bislang ehrenamtlich tätig und haben heute Zugang zum Berufsleben.“ Ein früheres Gewaltopfer, das Assunta vor Gericht vertreten hatte, ist sogar zur Dorfsprecherin gewählt worden. „Das gelang nur, weil die Frauen sie unterstützt haben und keine Gegenkandidatur zuließen“, erklärt Assunta. „Heute ist sie von allen Gruppierungen im Dorf anerkannt. Ich ermutige die Frauen, auch jene mit einzubeziehen, die ihnen Hindernisse in den Weg legen. Denn Chetna ist einfach überzeugend. Wo Chetna wirken kann, da tut sich was, da kommt Leben ins Dorf.“ 

Kampagne: Frauen sollen sich als Hauseigentümerinnen eintragen lassen

Auch überregional ist Chetna erfolgreich: Eine breit angelegte Kampagne richtete sich an alle Ehefrauen und forderte sie auf, sich bei der örtlichen Verwaltung als Miteigentümerinnen des ehelichen Hauses registrieren zu lassen. Da­mit sie nicht auf der Straße stehen, sollte dem Mann etwas passieren.

Chetna ist eine schlanke Organisation und das soll sie auch bleiben. „Warum sollten wir uns mit einem Bürogebäude belasten?“, fragt Assunta. „Es stünde die meiste Zeit leer, da wir in der Diözese unterwegs sind.“ Die Anwältin hat ihr Büro immer dabei: Es besteht aus Laptop und Handy. „Ich glaube nicht so sehr an physische Strukturen“, gesteht sie. „Lieber investiere ich in Workshops für die Frauengruppen. Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe und zwar dort, wo wir gebraucht werden. Wir müssen in Bewegung bleiben, nah an den Menschen.“

Eva-Maria Gras

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 10/2014