KDFB

Nur Mut!

Menschen brauchen Mut, um das Leben zu bestehen. Das gilt nicht nur für große Lebenskrisen, sondern auch für die alltäglichen Sorgen. KDFB Engagiert zeigt, wie man sich selbst und andere ermutigen kann.

So viele Situationen erfordern ein bisschen Mut: von einem Sprungbrett ins Wasser springen. Allein ins Kino gehen. Einen Vortrag halten. Den Job wechseln. Die schwarze Hausspinne hinauswerfen. Auf der Beerdigung der Nachbarin, die viel zu jung an Unterleibskrebs gestorben ist, ihrem Mann und den verstörten Kindern gegenübertreten. Die eigene Meinung vertreten. Zum Zahnarzt gehen. Einen Fehler zugeben. Um etwas bitten. Heiraten. Kinder kriegen. Nein sagen. Ja sagen. Zu sich stehen.

Große und kleine Herausforderungen machen Bauchweh, Herzklopfen, feuchte Hände und wecken den Wunsch, sich zu drücken und sie auf morgen zu verschieben. Oder gleich auf nächstes Jahr. Um sie gleich zu erledigen, müssen wir uns einen Ruck geben und die Schultern straffen. Dazu brauchen wir Selbstvertrauen und ein wenig Zuversicht, dass es schon gut gehen wird. Manchmal brauchen wir auch jemanden, der an uns glaubt, der uns ermutigt: Du schaffst das schon!

Dieser Satz heilt: "Du schaffst das schon!"

„Du schaffst das schon!“ Dieser Satz fällt oft in der heilpädagogischen Tagesstätte des Sozialdienstes Katholischer Frauen im Münchner Stadtteil Thalkirchen, wo 16 Kinder die Nachmittage verbringen, betreut von vier Pädagoginnen. Es sind Kinder, die viel Mut und Ermutigung brauchen: Sie haben Legasthenie oder das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ADHS, sie sind in der Schule auffällig geworden, tun sich oft schwer im Umgang mit ihren Gefühlen, mit anderen Kindern und zu Hause mit Eltern und Geschwistern. Es sind Kinder, von denen Lehrer und Mitschüler, aber oft auch die Eltern sagen, dass sie anstrengend, aggressiv sind oder so verträumt, dass sie nicht mitbekommen, was um sie herum passiert. Kinder, die sich nicht konzentrieren können, die schlechte Noten schreiben oder sich Tests ganz verweigern. Kinder, die stören. 

Diese Kinder hören oft "Du kannst das nicht!"

Das ist die Außensicht. Von innen sieht es oft ganz anders aus: Da sind es Kinder, die dauernd hören: „Das kannst du nicht! Das machst du falsch! Reiß dich zusammen!“ Denen ihre Schwächen wieder und wieder vorgehalten wurden, bis sie selbst glaubten: „Ich kann das nicht. Alles mache ich falsch.“ Es sind verunsicherte Kinder, Kinder, die sich wenig zutrauen, die sich viele Sorgen machen und sich ausgegrenzt fühlen. Kinder, die nicht einfach mitlaufen in einem öffentlichen Schulbetrieb, der zu geringe Kapazitäten hat, um auf Einzelne einfühlsam einzugehen. 

Eine heilpädagogische Tagesstätte ist ihre Chance. Die Gruppen sind klein. Klare Regeln schaffen übersichtliche Strukturen. „Wir können sehr individuell darauf eingehen, was das einzelne Kind braucht“, sagt die Leiterin der Einrichtung Tatjana Leskien. Die Sozialpädagogin hat im Team mit anderen Einrichtungen des Trägers – Wohngruppen, Mutter-Kind-Häusern, Erziehungshilfen – und der Kinderbeauftragten der Stadt München ein Konzept entwickelt, das die Partizipation fördern soll. Partizipation bedeutet Beteiligung. Und die Frage, die Leskien und die anderen beantworten wollten, hieß: Wie können wir die Kinder und Jugendlichen noch gezielter darin fördern, mitzubestimmen, teilzuhaben und ihre Interessen zu vertreten, und zwar ohne die Bedürfnisse anderer aus den Augen zu verlieren? Möglichkeiten der Partizipation zu schaffen, bedeutet: Kinder erleben zu lassen, dass sie wichtig sind. 

Auch das hilft: Sich selbst als wichtig erleben

Schnell wurde klar: Partizipation ist ein gemeinsamer Lernprozess, der von kleinen Schritten lebt. Das Gruppenmotto für die Tagesstätte entstand: „Ich bin wichtig. Du bist wichtig. Wir sind wichtig“, ein Motto, das etwa in der Gesprächsrunde Form annimmt, die es immer nach dem Mittagessen gibt. Da­bei bekommen die Kinder Karten, auf denen Smileys aufgedruckt sind, fröhliche, traurige, ärgerliche, gleichgültige Gesichter, mit deren Hilfe die Kinder mitteilen, wie es ihnen gerade geht. Das ist nicht einfach, denn viele von ihnen können Gefühle bei sich und anderen nur schwer identifizieren, haben gelernt, sie zu verbergen und sich cool und unverletzlich zu geben, auch wenn ihre Seele weint.

Gute Selbstwahrnehmung hilft Menschen dabei, Belastungen zu bewältigen, das ist wissenschaftlich belegt: Menschen, die stabil sind, die auch von Schicksalsschlägen nicht aus der Bahn geworfen werden, können die eigenen Gefühle und Gedanken erkennen, angemessen auf sie reagieren und sie in Worte fassen. Sie haben eine realistische Vorstellung von ihren Stärken und Schwächen, sie sind also auch in der Lage, sich im Verhältnis zu anderen zu sehen und deren Gefühle wahrzunehmen. Selbstwahrnehmung ist die Basis dafür, soziale Beziehungen zu gestalten. Denn nur wer sich wahrnimmt, kann sagen, was er möchte und was nicht, und kann damit Einfluss auf seine Lebensumstände nehmen. Und nur dann hat auch das Umfeld eine Chance, darauf einzugehen. 

Erfolge spüren – beim Basteln oder U-Bahn-Fahren

Um das zu lernen, brauchen Kinder Anleitung und Vorbilder. In der Münchner Tagesstätte ist es ein Erfolg, wenn der neunjährige Lukas (Name von der Redaktion geändert) zögernd sagen kann „In der Schule war es schlecht, ich möchte meine Ruhe haben.“ Vor Kurzem noch traute er sich kaum, das Wort zu ergreifen. Es ist ein Erfolg, wenn die achtjährige Melissa (Name von der Redaktion geändert) ein anderes Kind tröstet, wenn es sich wehgetan hat, oder die Erzieherin zu Hilfe holt, statt stumm und unbeholfen daneben zu stehen. Es ist ein Erfolg, wenn der zwölfjährige Thomas (Name von der Redaktion geändert) nicht mittags kommentarlos-cool mit „Mir doch ganz egal!“-Miene zu spät eintrudelt, sondern im Büro der Tagesstätte anruft und Bescheid sagt, dass er in der Schule noch etwas zu klären hat. Es ist ein Erfolg, wenn die Kinder einander zuhören und sich Unterstützung anbieten.

Selbstwahrnehmung braucht es in Beziehungen ebenso wie in der Gesellschaft als Ganzes. Menschen benötigen die Hoffnung, etwas bewirken zu können und nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Selbstwirksamkeitserwartung nennt das die Psychologie. Die Kinder in der Thalkirchner Tagesstätte üben sie ein, wenn sie Vorschläge machen, Wünsche äußern. Oder wenn sie ermutigt werden, sich zu beschweren, wenn etwas sie stört, und sie so dazu beitragen können, dass es sich verändert. Sie lernen es aber auch, wenn sie beim Backen und Kochen, beim Basteln und Handwerken oder bei Ausflügen Erfolge erleben. „Wir versuchen, den Schulbereich etwas aus dem Fokus zu nehmen“, erzählt Leiterin Tatjana Leskien. „Bei den Kindern dreht sich oft alles um die Schule und die Erwartungen, denen sie nicht entsprechen. Erfolge kann man aber auch woanders haben, im Spielverhalten, im Miteinander in der Gruppe, in Projekten.“ Zum Beispiel, wenn ein Kind lernt, alleine U-Bahn zu fahren. „Wir bereiten das so gut vor, dass es aus unserer Sicht ein Erfolg werden muss“, sagt Leskien.

Wichtigstes Ziel: das Schicksal selbst in die Hand nehmen

Ich schaff’ das schon! Wie schön, wenn man auf dieses innere Grundgefühl zurückgreifen und an seine Fähigkeiten glauben kann! „Daraus entsteht eine optimistische Herangehensweise an die Welt“, erklärt die Psychologin und Sozialpädagogin Bettina le Maire, die die neun Kindertagesstätten der „Bürgerhilfe Ingolstadt“ als pädagogischer Fachdienst begleitet. Sie sagt: „Menschen, die sich als selbstwirksam erfahren durften, erkennen leichter und öfter den eigenen Anteil am Geschehen.“ Sie wissen, dass sie Einfluss nehmen, dass sie handeln können und schreiben die Ursachen und Wirkungen in gesundem Maße sich selbst zu. Pessimisten dagegen, „das sind diejenigen, denen immer wieder Unglück widerfährt, und immer sind die anderen Menschen oder die Umstände daran schuld. Sie glauben nicht an sich, sie glauben nicht, dass sie handeln können.“ Sie sind entmutigt.

Eltern sollten Hindernisse nicht aus dem Weg räumen

Kinder lernen am Vorbild ihrer erwachsenen Bezugspersonen: „Erwachsene können Kindern eine selbstwirksame Haltung vorleben und sie auch konkret ermutigen – mit Worten, Blicken, Gesten und natürlich in ihren Handlungen.“ Die Ingolstädter Psychologin ist daher überzeugt, „dass man Kindern Hindernisse nicht aus dem Weg räumen darf, sondern sie ermutigen muss, diese zu bewältigen, natürlich eventuell mit Hilfestellung. Ich versuche das bei meinen eigenen Kindern und auch beruflich und berate Eltern, ihren Kindern zuzutrauen, eigene und manchmal auch frustrierende Erfahrungen zu machen, statt sie zu sehr zu behüten.“ Ein Kind, das nur abgeschirmt wird, ist zwar vordergründig vor Gefahren sicherer, doch die Sicherheit ist trügerisch. Denn es erlebt keine Erfolge und erfährt sich nicht als einen Menschen, der auch in schwierigen Situationen selbstständig handeln kann. 

Frauen, die kein Licht mehr sehen

Ermutigung brauchen nicht nur Kinder. Die Frauen, die sich beim Fürstenfeldbrucker Frauennotruf beraten lassen, brauchen dringend neuen Mut. Sie sind Opfer von Gewalt, von körperlicher, sexueller oder psychischer Gewalt. Und das an dem Ort, an dem man am sichersten sein sollte: zu Hause. Von dem Menschen, der einem am nächsten sein sollte: dem eigenen Partner. 

Während jeder weiß, was körperliche Misshandlungen sind, ist psychische Gewalt viel schwieriger zu definieren. Denn sie hinterlässt keine Spuren auf der Haut, keine Blutergüsse, keine Knochenbrüche. Aber sie reißt Wunden in die Seele. Die Pädagogin Birte Adleff vom Frauennotruf sagt: „Wir müssen oft erklären, was alles unter den Gewaltbegriff fällt.“ Psychische Gewalt bedeutet: ständig kontrolliert zu werden, abgewertet, runtergemacht, bis man sich selbst nichts mehr zutraut. Ständig unter Beobachtung zu stehen. Von sozialen Kontakten oder der Familie abgetrennt zu werden. Kein Geld zur Verfügung zu haben, sondern über alles Rechenschaft ablegen zu müssen. „Das ist von den Folgen genauso schwerwiegend wie körperliche Gewalt“, sagt Birte Adleff. „Denn die Frauen trauen sich irgendwann nichts mehr zu, nicht einmal mehr, dass ihre eigene Wahrnehmung stimmt. Sie fühlen sich so klein, dass sie gar kein Licht mehr sehen.“

Manche werden über Jahre hinweg geschwächt

Manche Frauen brauchen die Beratungsstelle nur punktuell, um sich zu sortieren und mit den Beraterinnen zu klären, was bei einer Trennung von einem gewalttätigen Mann zu tun ist. Andere sind zutiefst verunsichert und dennoch nicht bereit, sich zu trennen. „Wir beraten auch diese Frauen – und wir beraten sie ergebnisoffen“, sagt die Beraterin. „Manche Frauen sind oft über Jahre geschwächt und so klein gemacht, dass sie sich nichts mehr zutrauen. Ihnen darf man nicht vorschreiben, was sie zu tun haben. Dann würden wir in der Beratung fortsetzen, was ihnen eh dauernd passiert: Dass jemand über ihren Kopf hinweg bestimmt.“ 

Die Frauen müssen selbst zu einer Entscheidung kommen. Nur dann gelingt eine Trennung. Oft ist das ein Prozess – die Frauen trennen sich und fallen nach ein paar Monaten doch wieder in den Strudel der Abhängigkeit zurück. Adleff: „Es gibt auch Frauen, die sagen ‚Ich liebe diesen Mann trotzdem.‘ Oder: ‚Ich will mich wegen der Kinder nicht trennen.‘ Dann kann es bei uns darum gehen, nach Wegen zu suchen, wie Eskalationen vermieden werden können. Etwa: nicht in der Küche zu streiten, denn in der Küche sind gefährliche Gegenstände.“ Messer zum Beispiel. 

Die eigenen Kräfte neu erleben

In der Beratung haben betroffene Frauen die Chance, neu zu erfahren, welche Kräfte sie in sich tragen. Das geschieht, wenn sie Schritte planen, um das Leben neu zu ordnen: nach einem Job suchen oder Sozialgeld beantragen. Sich ans Jugendamt wenden oder an eine Rechtsanwältin. „Wir könnten natürlich sagen: ‚Ich rufe da schnell für Sie an!‘ Das wäre ja kein Problem. Aber das tun wir nicht. Wir planen mit ihnen, aber wir ermuntern sie, selbst zu entscheiden und die notwendigen Schritte zu gehen“, sagt Adleff. „Auch ein Anruf ist ein solcher Schritt. Ein Erfolgserlebnis, ein Zurückerobern von einem Stück Selbstständigkeit. Das gibt den Frauen unglaubliche Stärke.“ 

Zweimal im Jahr bietet die Beratungsstelle eine angeleitete Selbsthilfegruppe für Frauen in Trennung an. An jeweils sechs Abenden treffen sich dort Frauen, machen sich Mut. Zuletzt hat eine Teilnehmerin, die auf dem Land wohnte, den Rollerführerschein gemacht – und sich so ein Stück Mobilität erkämpft. Birte Adleff: „Die anderen haben sich sehr mit ihr gefreut, die Solidarität ist groß. Und es hat für alle heilende Wirkung, wenn sie sehen: Sie hat das geschafft. Denn das bedeutet: ‚Ich kann das auch schaffen!‘“

Susanne Zehetbauer

KDFB Engagiert – Die Christliche Frau Ausgabe 7/14