KDFB

Nie mehr ohne Smartphone

Die neuen Medien prägen das Lebensgefühl der Jugendlichen. Dank internetfähiger Mobiltelefone haben sie sich einen Freiraum abseits der Erwachsenenwelt erobert. Eltern und Lehrer stehen vor neuen Herausforderungen.

Schon wieder Streit. Caro ist genervt, die Eltern stocksauer: Es geht um das neue Smartphone. Seit sie es ihrer Tochter zum 13. Geburtstag geschenkt haben, scheint sie in einer anderen Welt zu leben. Caros ganze Aufmerksamkeit gilt dem rechteckigen Kästchen in ihren Händen. Flink huschen die Daumen der Gymnasiastin auf dem kleinen Bildschirm hin und her. Fast ihre ganze Freizeit verbringt Caro damit, Nachrichten an Freundinnen zu schicken – rund hundert pro Tag, ungefähr zweihundert empfängt sie. „Im Vergleich zu den anderen in meiner Klasse bin ich eher schreibfaul, aber ich habe mein Smartphone immer in der Hand. Es ist praktisch schon festgewachsen“, scherzt die Achtklässlerin.

Angst, nicht dabei zu sein

Als die Eltern aber entdecken, dass Caro während der Hausaufgabenzeit ständig ihre Nachrichten checkt, platzt ihnen der Kragen. Streit und Tränen sind die Folge. Caro ist bockig: „Ich sehe keinen Sinn darin, mein Handy wegzulegen. Ich habe einfach Angst, etwas zu verpassen. Meine Mutter findet aber, dass ich durch das Smartphone unter Druck stehe und mich schlecht konzentrieren kann.“

Was ziehst du an? Was geht grad ab? Was machst du heut nachmittag? 7:33am

100 Nachrichten gesendet, 200 bekommen. Ganz normaler Tag halt. 5:33 pm

Das Handy leg ich nicht weg, hab einfach Angst, was zu verpassen. 22:33 pm

Schließlich wird ein Kompromiss vereinbart: Während der Hausaufgaben muss Caro das Handy nun ausschalten, wie auch nachts, um in Ruhe schlafen zu können. Morgens gilt ihr erster Handgriff jedoch dem Smartphone: Nachrichten checken. Wer zieht was an? Wer kommt wohin am Nachmittag? Was ist der neueste Klatsch?

In den vergangenen zwei Jahren haben sich Mobiltelefone unter Jugendlichen enorm verbreitet. Inzwischen besitzen fast drei Viertel aller Zwölf- bis 19-Jährigen ein Smartphone. Das hat 2013 die JIM-Studie (Jugend, Information, Multimedia) des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest ergeben.

Drei Stunden pro Tag im Netz

Und die Jugend ist fast ständig online. Die Internetnutzung übers Smartphone ist im Vergleich zur Vorjahres-Studie sogar um 49 Prozent angestiegen. Im Durchschnitt sind die Zwölf- bis 19-Jährigen unter der Woche täglich drei Stunden im Netz. Kleiner Trost für Eltern: Davon wird 48 Minuten gesurft, um etwas für die Schule zu erledigen. Die meiste Zeit im Netz gilt aber dem Kontakt mit Freunden. SMS-Handy-Kurznachrichten und E-Mails sind eher „out“. „In“ ist dagegen „WhatsApp“, ein Smartphone-Programm, mit dem kostenfrei Nachrichten und Fotos ausgetauscht werden können. Schon 70 Prozent der Zwölf- bis 19-jährigen Handybesitzer haben WhatsApp installiert, verrät die JIM-Studie.

Keine Frage, Smartphones bieten viel, das macht sie so reizvoll: telefonieren, Nachrichten versenden, im Internet surfen, Fotos schießen, Videos aufzeichnen und Musik abspielen. Mit verschiedenen Zusatzprogrammen, „Apps“ genannt, kann jeder Nutzer seinem Mobilgerät weitere Funktionen verleihen. Die meisten Jugendlichen haben inzwischen eine Internet-Flatrate. So können sie zu einem günstigen Tarif den ganzen Tag online sein und sich in sozialen Netzwerken wie Facebook oder WhatsApp austauschen.

Das Smartphone als Schaltzentrale des eigenen Lebens

Caro hat rund 800 Facebook-Freunde, die meisten  besuchen dasselbe Gymnasium wie sie: „Da sind auch viele dabei, die ich gar nicht kenne. Aber Facebook ist bei uns nicht mehr so angesagt. Wir sind jetzt alle bei WhatsApp. Da ist man nur mit Leuten verbunden, die man kennt, weil man die Telefonnummer des anderen haben muss.“ Das Smartphone ist zu Caros Schaltzentrale geworden. Im Gruppenchat bei WhatsApp ist sie mit ihrer Volleyballmannschaft, ihrer Klasse und der Clique verbunden. Schnell und unkompliziert können so Neuigkeiten ausgetauscht und Verabredungen getroffen werden.

Lara ist voll out. Sie hat immer noch kein Smartphone. Ihre Ma ist dagegen 9:33am

Seit ich 14 bin, lass ich mir von meinen Eltern gar nichts mehr sagen. 9:36 am

Das findet auch der 15-jährige Tim prima. Der Neuntklässler wartet gerade etwas aufgeregt vor der Eisdiele auf ein Mädchen aus seiner Tutorengruppe: „Ich kenne sie noch nicht gut, aber ich finde sie sehr nett.“ Nach der Schule hatte Tim sich einen Schubs gegeben und sie einfach an­geschrieben: „Hey, wie war die Schule? Lust auf ein Eis?“ Sofort kam die Antwort: „Warum nicht? Bin um 15 Uhr bei der Eisdiele.“ Sich so schnell zu verabreden – für Tim ohne Smartphone undenkbar. Er bedauert Mitschüler, die nur ein normales Handy zur Verfügung haben. „Manche bekommen von den Eltern keines, ein paar wollen auch gar keines. Die bekommen aber nicht so viel mit, was abgeht“, sagt er.

Ohne Smartphone in die Außenseiterrolle

Lara, 14, leidet unter der Außenseiterrolle. Im „Klassengruppenchat“ auf WhatsApp sind alle Mitschüler vernetzt – nur Lara nicht: „Meine Mutter nennt Smartphones eine Geißel der Neuzeit. Wenn ich sie um eines bitte, kommt immer die gleiche Antwort: Niemals! Vergiss es!“Lara grämt sich, manchmal kann sie abends nur nach langem Wachliegen einschlafen. Die Gedanken drehen sich im Kreis. Sie sorgt sich, „ohne Smartphone in ihrer Klasse nicht mehr mithalten zu können“. Die Schlafstörungen ihrer Tochter bringen Mutter Anke ins Grübeln: Lara zuliebe wird sie wohl von ihrer feindlichen Haltung gegenüber sozialen Netzwerken im Internet abrücken müssen. Zum Geburtstag in drei Wochen will sie ihr nun doch ein Smartphone schenken.„Ab einem bestimmten Alter machen Verbote von Mediennutzung wirklich keinen Sinn“, sagt Medienwissenschaftlerin Daniela Pscheida, Mitglied der Medienpolitischen Kommission des KDFB-Bundesverbandes. „Neue Medien und soziale Netzwerke im Internet gehören zur Lebenswelt der Jugendlichen und haben auch deren Sozialverhalten verändert. Kontaktpflege, Terminabstimmung, Kommunikation finden in hohem Maße im Netz statt.“ Pscheida, 33, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Medienzentrum der TU Dresden. Sie ist der Meinung, dass sich Erwachsene auf die Online-Welt einlassen müssen, um die Mediennutzung der Jugendlichen zu verstehen. Außerdem würden sie so selbst Medienkompetenz erwerben: „Nur wer sich mit neuen Medien beschäftigt, gewinnt an Erfahrung, um deren Gefahren und Nutzen besser einschätzen zu können. So kann dem Nachwuchs besser ein eigenverantwortlicher Umgang beigebracht werden.“

Nicht vor dem 12. Geburtstag

Die Möglichkeiten zur elterlichen Kontrolle sind sehr eingeschränkt – das gilt für Smartphones wie fürs Internet. Technische Schutzmechanismen sind noch nicht ausgereift. „Es gibt keine Internetfilter, die ein Kind komplett vor negativen Einflüssen durch das Netz bewahren können“, erklärt Verena Weigand, Bereichsleiterin Medienkompetenz und Jugendschutz der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien in München.

Eltern könnten zwar Webblocker unter den Sicherheitseinstellungen auf dem Smartphone, Tablet-PC oder am Computer aktivieren, aber das ersetze nicht die elterliche Begleitung. Ein gutes Vertrauensverhältnis zum Kind ist für Weigand Voraussetzung für den Handykauf: „Eltern müssen sich dafür interessieren, was die Kinder mit dem Smartphone machen und welche Apps sie haben.“ Entscheidend ist das Alter. Weigand versteht nicht, warum schon Zehnjährige ein Smartphone haben müssen: „Vor dem zwölften Geburtstag würde ich das auf keinen Fall empfehlen. Denn Jugendliche neigen dazu, alles im Übermaß zu nutzen.“

Die Geräte bleiben auch im Unterricht nicht aus

Mit dem rechten Maß tut sich auch Caro schwer: Selbst im Unterricht kann sie die Hände nicht vom Handy lassen. „Das ist eigentlich verboten. Ein Lehrer hat mich erwischt und es mir abgenommen. Meine Eltern haben ihn dann gebeten, es als Strafe eine ganze Woche zu behalten. Voll der Albtraum!“, entrüstet sich Caro. Zuerst wusste sie gar nichts mit sich anzufangen. Es herrschte Funkstille. Außerdem hatte Caro eine Woche Hausarrest: „Plötzlich hatte ich so viel Zeit. Aus Langeweile habe ich eine Fotowand gestaltet. Das hätte ich sonst nie gemacht. Ich habe sogar mein Zimmer aufgeräumt, meine Hausaufgaben gemacht und gelernt. Alles freiwillig, weil es so öd war.“ Im Nachhinein fand Caro ihr Inseldasein „irgendwie cool“– wegen der Ruhe. Als sie nach einer Woche das Smartphone zurückbekam, warteten 1.000 Nachrichten auf sie.

Die grassierende Smartphone-Sucht unter Schülern beschäftigt auch KDFB-Frau Ulla Kriebel: „Wir Lehrer stehen da vor schier unlösbaren Problemen. An das Handyverbot hält sich kaum ein Schüler.“ Am Anfang scheute sich die Gymnasiallehrerin nicht, die Geräte für zwei Tage einzuziehen. Davon hat sie jetzt Abstand genommen, nachdem einige Eltern „sofort auf der Matte standen, weil sie die Privatsphäre der Kinder in Gefahr sahen, wenn der Lehrer Zugriff aufs Handy hat“.

Habe schon 20 Likes für mein neues Selfie gekriegt – nicht übel, was? 8:33 pm

Denk mal nach: Jede Pfütze ist tiefer als eine Facebook-Freundschaft! 8:36 pm

Und Lehrer stehen vor einem weiteren Problem – dem Leistungsbetrug: „Wir haben ernsthafte Schwierigkeiten, Unterschleif zu verhindern“, erklärt Kriebel. Schmunzelnd erinnert sie sich jedoch an eine sehr schlechte Lateinschülerin: Die hatte während der Schulaufgabe eine Übersetzung einfach via Smartphone aus dem Internet abgeschrieben. „Das fiel nur auf, weil der Text plötzlich so perfekt war.“

Eher traurig findet es Ulla Kriebel dagegen, wenn unhöfliches Verhalten zur Regel wird: „Mittags in der Mensa unterhalten sich die Schülerinnen nicht mehr, sondern sie tippen nur auf ihren Smartphones rum.“ Eltern hätten eine wichtige Vorbildfunktion: „Wenn Vater und Mutter auch beim Abendessen ihre Nachrichten checken oder im Internet surfen, verwundert es nicht, wenn es die Kinder nachmachen.“ Soziale Netzwerke können bestehende Beziehungen vertiefenAllerdings: In puncto Internetnutzung sinkt der elterliche Einfluss, sobald Kinder das Alter von vierzehn erreichen. Darauf verweist eine Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet. Soweit Eltern überhaupt noch Regeln setzen würden, seien sie – nach Meinung der Jugendlichen – nicht mehr in der Lage, deren Einhaltung zu kontrollieren. Die junge Generation bewegt sich inzwischen völlig selbstverständlich im Netz. 98 Prozent der rund 1.500 in der Studie befragten Neun- bis 24-Jährigen hatten einen Internetzugang.

Müssen Eltern damit rechnen, dass ihre Teenager vor dem Bildschirm vereinsamen? Mariana Grgic winkt ab. Die Soziologin vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München hält nichts von solchen Vorurteilen. Das Gegenteil sei der Fall: Vielmehr verbinde die Onlinewelt Jugendliche mit der realen Welt.

Soziale Netzwerke würden zu­dem die bestehenden Beziehungen unter Freunden verstärken.

Darauf weist die DJI-Studie „Medien, Kultur und Sport bei jungen Menschen“ hin.Die meisten Teenager haben jedoch nur vage Vorstellungen, wer ihnen die unkomplizierte Kommunikation ermöglicht. Es ist ihnen nicht bewusst, dass hinter Angeboten wie Facebook, YouTube oder WhatsApp Unternehmen stehen, die Geld verdienen wollen – und zwar mit den Daten der Nutzer.

Im Netz gesehen zu werden ist Jugendlichen wichtig

Caro und Tim wissen zwar von diesem Datenklau, nehmen ihn aber in Kauf. Für sie ist es wichtig, im Netz „gesehen zu werden“. Soziale Netzwerke seien inzwischen für die Identitätsentwicklung der jüngeren Generation enorm wichtig, erklärt Soziologin Mariana Grgic: „Hier können sich junge Menschen zurückziehen und abseits der Erwachsenenwelt ihre Persönlichkeit formen. Dabei ist Selbstdarstellung ein großes Thema. Viele machen sich Gedanken, wie sie im Netz gut rüberkommen.“ Gerade Mädchen legen Wert darauf, viele „Gefällt mir“-Bestätigungen, „Likes“ genannt, zu bekommen. Caro scheut keine Mühe, um ihren Internetauftritt zu perfektionieren: Ausgestattet mit „coolen Klamotten“ trifft sie sich mit Freundinnen zum Fotografieren. „Selfies“ sind der Hit: Caro fotografiert sich mit Digitalkamera oder Smartphone selbst – indem sie das Gerät eine Armeslänge entfernt hält. So entstehen auch Gruppenbilder oder kurze Filme. Die Jugendlichen stellen sie ins Internet und hoffen auf positive Reaktionen.Das kann ganz schön danebengehen. „Je mehr Leute man im Internet kennt, desto höher ist die Gefahr, auch abwertende Beurteilungen zu bekommen. Deswegen stellt keiner Negatives oder Trauriges von sich ein und legt Wert auf ein eher glattes, lustiges Profil. Mein Internet-Ich ist anders als mein reales Ich“, erklärt Caro. Vorsichtshalber trägt sie auch keine Konflikte im Netz aus. „Das kann schnell ins Mobbing abrutschen, und das möchte ich auf keinen Fall erleben.“

Karin Schott

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 6/2014

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