KDFB

Neu im Hohen Haus

Sechzehn KDFB-Frauen haben im Herbst 2013 im Bundestag als Abgeordnete die neue Legislaturperiode eröffnet. Einige von ihnen sind zum ersten Mal dabei. Drei Beispiele.

Den Blick der Frauen in die Politik einbringen:
Rita Hagl-Kehl vertritt den Wahlkreis Freyung-Grafenau

Sie ist überzeugt, dass Frauen wichtig sind in der Politik. Weil sie die Welt oft mit anderen Augen sehen als Männer und umsichtiger agieren. Und so begann Rita Hagl-Kehl schon vor Jahren, sich in ihrem bayerischen Landkreis Freyung-Grafenau politisch zu engagieren. Als junge Frau hatte sie früh gelernt, zu kämpfen und sich durchzusetzen. „Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, in der Politik immer eine Rolle gespielt hat“, erzählt sie. „Nachdem ich selbst für meinen beruflichen Aufstieg viel kämpfen musste, wollte ich mich für die Schwachen einsetzen und bin deshalb in die SPD eingetreten.“ Nach ihrem Hauptschulabschluss und einer Schneiderlehre holte die zweifache Mutter an der Abendschule das Abitur nach, studierte in Passau Geschichte und Deutsch sowie Politikwissenschaft und arbeitete ab 2008 als Lehrerin am Gymnasium in Freyung. Seit Jahren ist sie Mitglied im KDFB-Zweigverein Mauth. Schon 2009 kandidierte die heute 43-Jährige für den Bundestag, scheiterte, ließ sich aber nicht entmutigen. Im vergangenen Jahr wurde sie erneut aufgestellt, beschloss nach einer aufregenden Zeit der Entscheidung für das Amt zu kämpfen und schaffte es schließlich über die Landesliste. 


Termine bis spät am Abend

Als Abgeordnete hat sich das Leben der gläubigen Katholikin gewaltig verändert. Rita Hagl-Kehl lebt nun jeden Monat zwei Wochen in einer Zweitwohnung in Berlin. Ihr Terminplan ist eng. Plenarsitzungen im Bundestag, Fraktionssitzungen, Fachausschüsse, Konferenzen, Veranstaltungen, Aktionen, Pressegespräche. Besuchergruppen empfangen, Papiere durcharbeiten, Reden vorbereiten, Mails beantworten ... Ihr Arbeitstag dauert von sieben Uhr morgens bis in die Nacht hinein. „Auch wenn ich zu Hause bin, habe ich zahlreiche Termine im Wahlkreis und bayernweit zu meinen Themen, wodurch die Zeit für meinen Mann und die Kinder knapp ist.“ Das fällt ihr am schwersten. „Umso mehr genieße ich jede Minute zu Hause.“ 

Dennoch ist die Politikerin zufrieden, weil sie das Gefühl hat, etwas für ihre Region bewegen zu können. Ihr Wahlkreis ist der ärmste Landkreis in Bayern. „Am wichtigsten ist mir natürlich alles, was meiner Heimat, dem Bayerischen Wald und der Donauregion zugute kommt.


Die Lehrerin am Rednerpult

Meine beiden Ausschüsse – Ernährung und Landwirtschaft sowie Verkehr und Digitale Infrastruktur – sind für meine Region besonders wichtig. Im Bereich Landwirtschaft bin ich spezialisiert auf alles im Bereich Bioproduktion, Umwelt und Regionalvermarktung, was eine Chance für meinen Wahlkreis wäre. Im Bereich Verkehr bin ich momentan mit dem Bundesverkehrswegeplan beschäftigt, der nächstes Jahr fertig sein muss und für 15 Jahre gilt.“ 

Mit einem Lachen erinnert sich Rita Hagl-Kehl an ihre erste Rede im Bundestag. „Es ging um Genpollen im Honig, was eine interessante Thematik war. Direkt nach meiner Rede war eine namentliche Abstimmung angekündigt, weshalb alle Parlamentarier anwesend waren und eine riesige Unruhe im Saal herrschte. Da ging dann die Lehrerin in mir durch und ich habe die Herrschaften bei CDU/CSU zur Ordnung gerufen, was mir Aufmerksamkeit und Applaus bescherte.“ 

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Jüngste weibliche Abgeordnete im Bundestag: 
Emmi Zeulners Neustart in der Metropole

Sie war noch nicht in den Bundestag eingezogen, da erregte sie schon die Aufmerksamkeit der Medien. Denn Emmi Zeulner ist mit ihren 27 Jahren nicht nur die jüngste weibliche Abgeordnete im Bundestag, sondern hatte in ihrem Wahlkreis Kulmbach in Oberfranken auch einen berühmten Vorgänger: Karl Theodor zu Guttenberg. Die ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin meisterte die Herausforderung mit Bravour. Auf Anhieb holte sie den Wahlkreis mit über 56 Prozent. Erste Erfahrungen sammelte die junge Politikerin, die vor kurzem Mitglied im KDFB-Zweigverein Neuensee geworden ist, als Schülersprecherin. 2008 wurde sie Stadt- und Kreisrätin in ihrer Heimatstadt Lichtenfels. Nun wagte sie den Sprung in die große Politik. 

Ein eigenes Büro organisieren

Die erste Zeit in Berlin war aufregend. Sie war zuvor erst einmal in der Stadt gewesen – als 16-Jährige mit Freundinnen zu einem Pop-Konzert. Sie hatte noch kein Büro, keine Wohnung, musste sich im Trubel der Großstadt und des politischen Geschäfts zurechtfinden. „Am Anfang war die größte Herausforderung die Organisation eines eigenen Büros“, erinnert sich Emmi Zeulner. „Ich hatte vorher ja nie Personalverantwortung. Das ist schon eine Herausforderung, dass ich jetzt in Berlin und in meinem Wahlkreis insgesamt fünf Mitarbeiterinnen habe.“ Und sie ist stolz auf ihr hochmotiviertes Frauenteam. 

Erfahrungen im Palliativzentrum 

Aufregend war auch ihre erste Rede im Bundestag. Zur Pille danach. Inzwischen hat sie mehrere Reden gehalten. Jetzt nach einem Jahr sieht die junge Politikerin es schon etwas entspannter. Sie merkt aber auch, dass es schwierig ist, als einzelne Abgeordnete Themen auf die Agenda zu setzen. „Es ist schon so, dass es dicke Bretter sind, die man bohren muss.“ Und so versucht sie, verlässliche UnterstützerInnen für ihre Anliegen zu finden, ein Netzwerk aufzubauen. Sie hat sich der Gruppe der jungen CDU/ CSU-Abgeordneten angeschlossen, ist dort zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt worden. Als Krankenpflegerin, die bis zur Bundestagswahl neben dem Wirtschaftsstudium Teilzeit in einem Palliativzentrum gearbeitet hat, liegt ihr die Gesundheitspolitik am Herzen: Pflege, die Situation der Hebammen, die ärztliche Versorgung auf dem Land. Als Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestags ist sie zuständig für Hospiz und Palliativmedizin. „Und da werden wir auch etwas Gutes auf den Weg bringen können“, ist sie sich sicher. „Die aktuelle Diskussion über die aktive Sterbehilfe hat dazu beigetragen, dass dieses Thema nach oben geschoben wurde. Das ist natürlich schön für mich, dass ich da meine Vorstellungen ganz konkret mit einbringen kann.“ 

Den Blick auf die Kommune behalten

Um nah an den Anliegen der BürgerInnen zu sein, bleibt Emmi Zeulner weiterhin im Stadtrat und im Kreistag ihrer Heimatstadt aktiv. „Denn viele Entscheidungen, die wir hier in Berlin treffen, haben Auswirkungen auf die Bürgerinnen und Bürger vor Ort. Und ich bin dankbar, dass ich viele Kommunalpolitiker habe, die die Entscheidungen mittragen, die manchmal nicht angenehm sind, die man in Berlin aber treffen muss. Zum Beispiel die Asylpolitik. Das betrifft ja die Kommunen ganz massiv. Es ist so, dass man vor Ort einfach einen anderen Blick auf die Dinge hat. Berlin ist da ein Elfenbeinturm.“ 

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Die politische Arbeit transparent machen: 

Die Theologin Claudia Lücking-Michel

Die Erfahrungen, die die promovierte Theologin Claudia Lücking-Michel mitgebracht hat, haben ihr den Einstieg als Bundestagsabgeordnete leichter gemacht. Von ihren zahlreichen Ehrenämtern her kannte sie das politische Berlin. Sie war mit bundespolitischen Themen vertraut. Als Vizepräsidentin des KDFB hat sie im engen Kontakt mit der damaligen Präsidentin und Bundestagsabgeordneten Ingrid Fischbach mitbekommen, was es bedeutet, Abgeordnete zu sein. Sie hat national und international Netzwerke geknüpft. Und als Abteilungsleiterin bei Misereor und später Generalsekretärin im Cusanuswerk war sie in leitenden Positionen tätig. Der Frauenbund hat viel zu ihrer politischen Prägung beigetragen. Die politisch engagierten KDFB-Frauen waren und sind ihr Vorbilder, Wegbegleiterinnen und Mitstreiterinnen. „Ich weiß noch wie heute, wie ich damals voller Begeisterung von den Frauenbundsfrauen im Reichstag und ihren politischen Visionen gelesen habe“, so Lücking-Michel. „Da stand für mich fest: Hier werde ich Mitglied. Ohne Hanna Renate Laurien, Annette Schavan, Ingrid Fischbach und Maria Flachsbart als Vorbilder wäre ich nicht auf die Idee gekommen,  selbst eine politische Laufbahn anzustreben. Jetzt haben wir Bundesschwestern in der Regierung und sind mit 16 KDFB-Frauen im Bundestag vertreten. Ich denke, wenn ich durch den Reichstag und das ehemalige Reichspräsidenten-Palais flitze, oft an unsere Vorgängerinnen.“

Telefonate statt gemeinsames Abendessen: Leben mit zwei Wohnsitzen

Obwohl sie immer schon viel unterwegs war, hat sich mit dem Einzug in den Bundestag auch der Lebensalltag von Claudia Lücking-Michel verändert. „Ich bin nicht mehr im Cusanuswerk, habe zwei Wohnsitze, bin in den Sitzungswochen von Montagfrüh bis Freitagabend in Berlin und die andere Zeit vor allem im Wahlkreis, also in Bonn.“ Was ihr schwerfällt: „Ich vermisse meine Familie. Die Telefonate können ein gemeinsames Abendessen oder ein Frühstück nicht ersetzen.“ Aber ein Umzug mit ihrer Familie ganz nach Berlin kommt für sie nicht in Frage. „Bonn ist meine Heimat, da möchte ich nicht weg, und es ist wunderbar, wenn ich am Ende einer langen Woche hier wieder aus dem Flieger steige.“ 

Gefragt: ein langer Atmen und ein gutes Netzwerk 

Die 52-jährige CDU-Politikerin arbeitet im Bundestagsausschuss für Bildung und Forschung sowie im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit. Dort kann sie an ihre beruflichen Erfahrungen bei Misereor und Cusanuswerk anknüpfen und Themen behandeln, die ihr schon lange wichtig sind. Und sie ist zuversichtlich, dass sie etwas bewegen kann. „Ich bin jedenfalls guten Mutes. Man braucht langen Atem, viel Kraft und darf sich nicht schnell aus der Bahn werfen lassen. Aber die Gestaltungsmöglichkeiten sind auch enorm. Ich hoffe sehr, dass ich an vielen Stellen meine Ideen unterbringen kann.“ Unterstützung findet sie bei erfahrenen Abgeordneten, gerade auch von Frauen – „echte Mentorinnen, die sich auch ohne offiziellen Auftrag in die neuen hineindenken können und uneigennützig gute Ratschläge geben“.  

Bei all ihren Erfahrungen: Ihre erste Rede im Bundestag war auch für Claudia Lücking-Michel etwas sehr Besonderes. „Obwohl ich schon vor viel größerem Publikum geredet habe, war es aufregend und eine besondere Herausforderung, vor dem Plenum des Bundestages, den Fachpolitikern der Fraktionen und vor allem der bundesweiten Öffentlichkeit zu reden.“

Rechenschaft über die eigene Tätigkeit geben

Was auffällt: Claudia Lücking-Michel macht ihre Arbeit von Anfang an transparent – durch einen regelmäßig erscheinenden Newsletter, durch ausführliche Informationen auf ihrer Internetseite und Einträge in Facebook. Das ist ihr sehr wichtig. „Meine Wählerinnen und Wähler sollen wissen, was ich mache und wie und mit welchen Positionen ich ihre Anliegen vertrete. Ich möchte den Menschen gerne Rechenschaft über meine Tätigkeit geben und auf Fragen oder Kritik schnell reagieren. Außerdem habe ich an mich selber gedacht: Ich hatte vor meiner politischen Laufbahn keine Ahnung, was Abgeordnete eigentlich die ganze Zeit so machen. Ich hätte damals gerne mehr von meinen Abgeordneten gelesen.“ 

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Gabriele Klöckner