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Mitten ins Herz

Wie Papst Franziskus die Menschen bewegt

  • Die Welt liebt Papst Franziskus – und zeigt damit: Auch heutige Menschen sind religiös ansprechbar, obwohl die Kirchen sonntags meist leer sind.
  • Mit dem Papst ist ein neuer, schlichter Stil in den Vatikan eingezogen. Eine Kultur des offenen Dialogs zu schaffen, kann heute schon als ein Meilenschritt gelten. 
  • Ein Aufruf, dem Hoffnungsträger in Rom zu unterstützen, damit die Kirche in seinem Sinn warmherziger und zugewandter wird.

Er sagt Sätze, die man auf Postkarten drucken und in der Fußgängerzone verteilen möchte, Papstbild inklusive. Sätze, die nicht um den heißen Brei schleichen, Sätze,  die man – leider – einem Papst nicht mehr zugetraut hätte.  Haben Sie schon einen Lieblingssatz von Papst Franziskus?  Vielleicht den: „Geschwätzigkeit – das ist die Krankheit von Feiglingen, die nicht den Mut haben, direkt zu sprechen, sondern nur hinter dem Rücken.“  

Gott sei Dank sagt das mal einer!

Es sind Sätze, bei denen man denkt: Gott sei Dank sagt das mal einer! Sätze, die nicht von Sachzwängen und Alternativlosigkeiten schwätzen, Sätze, die frisch sind und glasklar und mutig. Die Menschen und ihre Schicksale in den Blick nehmen. Sätze wie: „Diese Wirtschaft tötet.“ Und: „Nein zur neuen Vergötterung des Geldes“, „Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen“, „Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt“. Sätze wie: „Ach, wie sehr möchte ich eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen!“ Sätze, die das Herz vor Staunen wärmen. 

Schon das erste Auftreten des Papstes nach seiner Wahl vor gut zwei Jahren, das weltweit Millionen vor den Fernsehschirmen, im Internet und auf dem Petersplatz verfolgten, war ebenso schlicht wie sympathisch. Kein Pomp, keine Stola, keine salbungsvollen Worte. Stattdessen: ein schlichter Gruß, ein verhaltenes Winken, ein Lächeln: „Fratelli e sorelle, buona sera!“ Guten Abend, Brüder und Schwestern. 

So tritt keiner auf, der sich anschickt, prunkvoll zu herrschen. Und noch bevor Franziskus die Stadt und den Erdkreis segnete, urbi et orbi, wie es üblich ist für einen neuen Papst, bat er um das Gebet der Vielen für sich selbst, damit Gott ihn segnen möge. Schon aus den ersten Worten war zu erahnen, dass mit dem neuen Papst ein neuer Stil in den Vatikan einziehen würde. Ein Stil der Demut und Wahrhaftigkeit.

Tango-Paare auf dem Petersplatz

Und so ging es weiter: Da war ein Papst, der sich nicht in den päpstlichen Gemächern einrichtete, sondern im Gästehaus des Vatikans blieb und in der dortigen Mensa isst. Der sein Ge­päck selbst trägt und sein Zimmer bezahlt. Der seine schwarzen orthopädischen Schuhe nicht gegen päpstliche rote eingetauscht hat, das eiserne Bischofskreuz nicht gegen das päpstliche goldene. Der keine Limousine fährt, sondern einen gebrauchten Mittelklassewagen oder gleich den Bus nimmt. Der sich zum Geburtstag Tango-Paare auf den Petersplatz holt, 3.000 tanzten dort im vergangenen Dezember für ihn. Ein Papst, der gern isst und der selbst kochen kann. Ein Papst, der das Kino liebt und die Literatur und dessen Sprachwitz sich durch Predigten und Lehrschreiben zieht: Man denke nur an das Wort von der „verbeulten Kirche“ (im Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“), die sich draußen auf den Straßen verletzt und beschmutzt und die ihm lieber ist als eine, die sich verschließt. 

Ein Papst zum Anfassen und mehr: Ein Papst, der mit klaren Sätzen und Gesten nicht nur verblüfft, sondern ins Herz vieler Menschen trifft. Ein Papst, der aufs Wesentliche schaut. Der glaubwürdig wirkt, wenn er von Barmherzigkeit nicht nur spricht, sondern warme Schlafsäcke mit dem päpstlichen Wappen an die zahlreichen Obdachlosen in Rom verteilen lässt, damit niemand erfrieren muss. Der Du­schen für sie aufstellt, und zwar nicht irgendwo verschämt und versteckt, sondern unter den weltberühmten Kolonnaden auf dem Petersplatz. Der Kindern, Kranken, behinderten Menschen nicht nur beiläufig den Kopf tätschelt, sondern sich Zeit nimmt, sich zuwendet, sie umarmt, als wolle er sich wirklich einlassen auf sie, ihnen nahe sein, sie wärmen. Ein Papst, dem es gelingt, Hoffnung zu wecken, Hoffnung auf eine neue, glaubwürdigere Kirche.

Vor fünf Jahren stürzte das Vertrauen ins Bodenlose

Wer hätte das vor fünf Jahren für möglich gehalten? Damals stand die katholische Kirche nicht nur in Deutschland am Abgrund. Weltweit kamen unzählige Berichte über sexuelle Gewalt und Misshandlungen in katholischen Einrichtungen ans Licht. Womöglich noch schlimmer war der Umgang der Offiziellen mit dem Skandal. Hilflose Ausflüchte, Zynismus, sogar Lügen vermittelten einer entsetzten Öffentlichkeit den Eindruck, dass den verantwortlichen Kirchenmännern der Ruf ihrer Institution wichtiger war als das Leid der Opfer. Nicht nur kirchenferne Menschen, sondern auch viele überzeugte KatholikInnen fragten sich damals: Kann man, soll man, darf man heute noch katholisch sein?. Das Vertrauen stürzte ins Bodenlose.

Lange dauerte es damals, bis einige der deutschen Bischöfe wieder Halt fanden und begannen, mit der Krise konstruktiv umzugehen. Der sogenannte Dialogprozess zwischen Bi­schöfen und Laien entstand, um die Distanz, die anhand des Skandals überdeutlich geworden war, zu überbrücken. Klar war: Jetzt muss alles auf den Tisch. Und so wurden dabei kontroverse Themen wie der Zölibat oder die Rolle der Frauen in der Kirche diskutiert, aber auch der Umgang miteinander, Fragen nach Ängsten, Heuchelei, Doppelbödigkeit, nach dem Mangel an Transparenz. Fragen nach einem Kirchenklima also, das die Missbrauchsfälle und ihre Vertuschung begünstigt hatte. „Früher wäre es bei vielen Themen nicht denkbar gewesen, so offen zu reden“, resümierte der Osnabrücker Bi­schof Franz-Josef Bode kürzlich über den Dialogprozess, der nach fünf Jahren im Herbst 2015 einen ersten Abschluss finden soll. Und fügte hinzu: „Da hat uns auch die neue Kommunikationsweise von Papst Franziskus geholfen.“

Lasst uns offen reden! 

Was der Papst in den ersten zwei Jahren seines Pontifikats gesät hat, beginnt zu keimen. Denn das Erste und vielleicht Wichtigste, wofür dieser Papst steht und was schon heute sein Verdienst ist, heißt: Lasst uns offen reden! Sagen wir, was wir denken, auch wenn es weh tut, auch wenn wir da­bei Fehler machen und uns manchmal irren, auch wenn wir uns dabei die Karosserie hier und da verbeulen. Denn nur so kommen wir voran. Eine Kultur des offenen Dialogs in der Kirche zu schaffen, kann heute schon als Franziskus‘ großes Verdienst und als ein Meilenschritt gelten. 

Sensationell: Gläubige sollen ihre Meinung sagen!

Beispielhaft: die Umfragen, die Papst Franziskus im vergangenen und in diesem Jahr zur Vorbereitung der außerordentlichen Familiensynoden in Rom ausführen ließ. Alle KatholikInnen waren aufgefordert, ihre Meinung zu sagen – allein das schon sensationell: Wann zuvor hat sich die Kirche bemüht, systematisch und öffentlich herauszufinden, was Kirchenmitglieder meinen?  Die Ergebnisse aus Deutschland sind eindeutig: Nur eine kleine Minderheit katholischer Paare hält sich an die Vorgaben zu Sexualmoral und Familienplanung. Künstliche Verhütungsmittel sind allgemein akzeptiert, das katholische Kondomverbot dagegen gilt als lebensfremd und ausdrücklich unmoralisch im Hinblick auf die Vermeidung von AIDS. Kirchliche Aussagen zu Sex vor der Ehe, Homosexualität, Zölibat, wiederverheirateten Geschiedenen und der Geburtenregelung werden von einer großen Mehrheit abgelehnt und als lebensferne Verbotsmoral, gar als unbarmherzig und diskriminierend wahrgenommen. Praktisch alle Paare, die kirchlich heiraten, leben zuvor unverheiratet zusammen. Ka­tholische Ehen scheitern und werden fast ebenso häufig ge­schieden wie der Durchschnitt der Ehen in Deutschland. Ge­meinsam gebetet wird in Familien fast nur, wenn kleine Kinder da sind. 

Ernüchternd? Vielleicht. Überraschend? Nein. 

Schon seit Langem trauen sehr viele Menschen – wenn auch teils mit Bedauern – der Kirche nicht mehr zu, sinnvolle Orientierung in einem immer komplexeren modernen Leben geben zu können. Viele Studien zeigten: Die große Mehrheit der Kirchenmitglieder glaubt nicht mehr an christliche Glaubenssätze, vor allem, aber nicht nur, was die strenge katholische Sexualmoral angeht. Die Schäfchen sind den Hirten davongelaufen. 

Ein Schaf im Stall und 99, die zu suchen sind

Was das für einen guten Hirten bedeutet, ist im Neuen Testament bei Matthäus und Lukas nachzulesen: Er hat zu gehen und die verlorenen Tiere zu suchen. Für Papst Franziskus ist dieses Gleichnis eine Schlüsselstelle für sein Pontifikat. Er erzählt: „Einmal sagte mir ein sehr weiser Priester, dass wir uns in einer total anderen Situation befinden, als sie im Gleichnis vom guten Hirten angesprochen wird, der 99 Schafe in seinem Stall hatte und sich aufmachte, das eine verirrte Schaf zu suchen: Wir haben ein Schaf im Stall und 99, die wir nicht suchen gehen.“ Und er sagt weiter: „Ich glaube wirklich, dass die Grundoption der Kirche gegenwärtig nicht ist, Vorschriften zu reduzieren oder ganz abzuschaffen oder dies und jenes zu erleichtern, sondern auf die Straße zu gehen, um die Menschen zu suchen und sie persönlich kennenzulernen. Und das nicht nur, weil es ihre Sendung ist hinauszugehen, um das Evangelium zu verkünden, sondern weil die Kirche selbst Schaden nimmt, wenn sie es unterlässt.“

Gestochen scharfe Worte

Welchen Schaden die Kirche nehmen könnte, ist im Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ nachzulesen. Dort heißt es: „Einer Kirche, die sich (...) einigelt, wird das Gleiche passieren wie jemandem, der eingesperrt ist: Er verkümmert psychisch und mental. Oder er verfault wie ein abgeschlossenes Zimmer, in dem sich Moder und Feuchtigkeit ausbreiten.“ Und weiter: „Einer auf sich selbst bezogenen Kirche geschieht dasselbe wie einer nur auf sich selbst bezogenen Person: Sie wird psychotisch und autistisch.“ Gestochen scharfe Worte. Unmissverständlich. Wer dies nicht als Auftrag erkennt, ist blind.

Franziskus' Sorge gilt denen, die sich nicht mehr zugehörig fühlen

„Franziskus verhehlt nicht, dass seine Sorge genau denen gilt, die sich nicht mehr zugehörig fühlen“, sagt die frühere KDFB-Präsidentin und Theologieprofessorin Hanneliese Steichele, die den Papst mit Freude und Hoffnung beobachtet. „Er tut das auf sehr glaubwürdige Art, warmherzig, oft sehr humorvoll, mit frischen, manchmal ein bisschen frechen Formulierungen und ausdrucksstarken Gesten. Ich denke, das ist ein authentischer Mensch.“ Damit gibt er ein ganz anderes Bild ab, als die Welt es heute von ihren Eliten und deren floskelhaftem, nichtssagendem, ungerührtem Auftreten gewöhnt ist. 
„Die größte Gefährdung, die ich in unserer Kirche sehe, ist die herrschende Doppelbödigkeit“, sagt Steichele. „An dieser Stelle setzt Franziskus an. Er setzt Akzente, die ein anderes Klima schaffen.“

Ein neues Denken soll möglich werden

Dafür braucht er Zeit, und dafür braucht er auch Unterstützung. Steichele: „Es wäre fatal, ihn jetzt mit Erwartungen zu überschütten, dass er dieses oder jenes schnell ändern soll. Er kann nicht Lehrentscheidungen seiner Vorgänger mir nichts, dir nichts außer Kraft setzen. Das halte ich für unmöglich, sonst käme es zu einer Spaltung. Aber er kann das Haus anders bestellen, die Gewichte anders verteilen, andere Machtzentren schaffen, sich gegen den übertriebenen Klerikalismus wenden – damit ein neues Denken möglich wird. Das ist ein Weg, der Erfolg verspricht. Und den geht er.“

"Der Widerstand ist formiert"

Dass dieser Weg steinig genug ist, darüber sind sich viele einig, die in Franziskus einen Reformer sehen. Steichele: „Der Widerstand gegen ihn ist formiert, die fundamentalistischen Gruppen sind sehr gut organisiert.“ Es gibt Hinweise, dass die Weihnachtsbotschaft, die er im vergangenen Jahr an die Kurie richtete, ein Hilferuf war. In dieser Rede zählte er fünfzehn Krankheiten auf, von denen die Kurie bedroht sei, darunter Geschwätzigkeit, Scheinheiligkeit, Habsucht, Gleichgültigkeit und geistliche Abstumpfung, die er – gewohnt pointiert – „spirituellen Alzheimer“ nannte. Doch auch Rivalität („Wenn das eigene Aussehen, die Farbe der Gewänder oder Ehrentitel zu den wichtigsten Zielen im Leben werden“) nannte der Papst und die Bildung geschlossener Kreise, die wie ein Krebsgeschwür den Körper dann gefährden, wenn die Zugehörigkeit zum Grüppchen wichtiger wird als die zum Ganzen, „in manchen Situationen sogar stärker wird als die Zugehörigkeit zu Christus selbst“.

"Dieser Papst braucht unsere Unterstützung"

Die Theologie-Professorin Hanneliese Steichele zieht daraus die Konsequenz: „Die, die auf der Seite dieses Papstes stehen, müssen zusehen, dass sie sich einbringen. Wenn wir auf Reformen hoffende Katholikinnen schweigen, dann gibt es kein Gegengewicht zu den fundamentalistischen Gruppen, die ihn bekämpfen. Dieser Papst braucht unsere Unterstützung, und es wäre schön, wenn der Frauenbund sich überlegen könnte, wie er ihn unterstützen kann.“ 

Möglichkeiten zur Unterstützung gibt es viele, es braucht nur etwas Phantasie. Steichele: „Wie kann Franziskus‘ Idee einer armen Kirche konkret und vor Ort Gestalt annehmen? Wie pflegen wir seinen Auftrag und sein Vorbild, miteinander offen zu sprechen, auch wenn wir dabei – vielleicht – manchmal Fehler machen? Was bedeutet für uns Barmherzigkeit? Wer steht bei uns am Rand?“ Ideen wie diese können Rückendeckung sein für den Hoffnungsträger in Rom und gleichzeitig die Kirche in seinem Sinn warmherziger und zu­gewandter machen. Und manchmal hilft auch Beten. In einer Münchner Pfarrei gab es kürzlich die Fürbitte: „Gott, beschütze unseren Papst Franziskus vor seinen Widersachern.“ Nachahmenswert. Auch das setzt ein Zeichen.

Susanne Zehetbauer
KDFB Engagiert 4/2015

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