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Mit Gott sprechen lernen

Menschen in aller Welt gedenken in diesem Jahr des 500. Geburtstags von Teresa von Ávila (1515–1582). Die spanische Mystikerin gilt als „Lehrmeisterin des Gebets“. Im Jahr 1970 wird sie als erste Frau zur Kirchenlehrerin erhoben. Bis heute begeistert ihr Vorbild.

"Am Mittwoch, den achtundzwanzigsten März des Jahres fünfzehnhundert fünfzehn /1515/ um fünf Uhr früh, mehr oder weniger (denn es war schon fast Tagesanbruch an jenem Mittwoch), wurde meine Tochter Teresa geboren.“ So schreibt es Don Alonso de Capena, Teresas Vater, in das Büchlein, in dem er die Geburten seiner drei Töchter und neun Söhne einträgt. Teresa ist sein fünftes Kind, das dritte von seiner zweiten Ehefrau. Teresas Mutter Beatriz bringt nach Teresas Geburt zum Teil jährlich ein Kind zur Welt und stirbt ausgezehrt mit 33 Jahren – bei der Geburt ihrer jüngsten Tochter. Da ist Teresa 13 Jahre alt und wächst in einer Familie auf, die ganz besonders darauf achten muss, dass kein Schatten auf ihren guten christlichen Ruf fällt. Denn noch Teresas Großvater war Jude und trat 1485 zum christlichen Glauben über. Gerade noch rechtzeitig, denn ab 1492 werden alle Juden aus Spanien vertrieben. Um sich vor Verfolgung besser zu schützten, kauft sich die Familie einen niedrigen Adelstitel. Der berechtigt sie dazu, Land zu erwerben, was Juden verboten war. Bis ins hohe Alter ist sich Teresa der Gefahren bewusst, die ihrer Familie durch die jüdische Abstammung drohen. Und es muss sie umso vorsichtiger machen, wenn sie es als Frau wagen wird, von ihrer Gotteserfahrung zu berichten. 

Mit dem Bruder liest Teresa Heiligenlegenden

Teresa wird im christlichen Glauben nach den Vorstellungen ihrer Zeit unterwiesen. In ihrer Vita schreibt sie: „Ich hatte einen Bruder, fast genauso alt wie ich, wir taten uns zusammen, um Heiligenlegenden zu lesen.“ Die zwei beeindruckt, dass Märtyrer „für immer“ die Wonnen des Himmels genießen dürfen. Den Sündern aber, ebenfalls „für immer“, die Verdammnis droht. Teresa beeindruckt das so sehr, dass sie versucht, schnellstmöglich als Märtyrerin in den Himmel zu kommen. Mit ihrem Bruder bricht die Siebenjährige „zu den Mauren“ auf, um sich dort für den Glauben köpfen zu lassen. Ein Onkel erwischt die beiden Ausreißer kurz hinter dem Stadttor. Die Angst vor einem strafenden Gott und der ewigen Höllenpein ist da in Teresas Herz gesenkt. Sie legt einen langen, manchmal qualvollen äußeren und inneren Weg zurück, bis sie zu einem Glauben durchdringt, der die Ängste des Kinderglaubens verwandelt und sie zur Kirchenlehrerin macht. 

Teresa sagt Du zu ihrem Gott

„Was bis heute an Teresa von Ávila begeistert, ist ihre Art der Gottesbeziehung: dass sie zu Gott Du sagt. Und in diesem Du-Gespräch mit Gott bringt sie vor, was ihr Leben ausmacht, was sie bedrängt.“ Das ist für P. Ulrich Dobhan der Kern von Teresas Lehre. Der Ordensprovinzial der Teresianischen Karmel in Deutschland forscht seit über 40 Jahren zu seiner Ordensheiligen und hat alle ihre Werke neu übersetzt und kommentiert herausgegeben. „Ich hoffe sehr, dass durch das Jubiläum dieses Du-Sagen zu Gott als Beten, als religiöse Haltung, als christliches Leben mehr bewusst wird. Denn das Christentum ist keine Buchreligion. In den ersten Generationen von Christen gab es kein Buch. Die Religion gründet sich auf die Beziehung zu einem konkreten Menschen.“ Deshalb ist für Pater Dobhan so wichtig, dass die Menschen am Vorbild von Teresa von Ávila erkennen: „Ich bin nicht Christ, weil ich Gebote und Verbote oder Wahrheiten einhalte oder nicht einhalte, sondern, weil ich eine Beziehung lebe.“ 

Eintauchen in ein „inneres Gebet“

Die Beziehung zu Jesus und Gott entwickelt sich für Teresa, indem sie immer mehr in ein sogenanntes „inneres Gebet“ eintaucht. Sie entdeckt es schon, bevor sie mit zwanzig Jahren ins Menschwerdungskloster der Kamelitinnen in Ávila eintritt. Die Entdeckung ist aber eher zufällig: „Da ich mit dem Verstand nicht diskursiv nachdenken konnte, versuchte ich, mir Christus in meinem Innern vorzustellen“, erläutert sie in ihrer Lebensbeschreibung. Sie praktizierte viele Jahre lang als Übung, vor dem Einschlafen daran zu denken, wie verlassen Jesus beim Gebet im Ölgarten war. „Mir schien, dass er mich, wenn er einsam und niedergeschlagen war, als einer, der in Nöten ist, zu sich lassen müsste.“ Im Rückblick wird ihr bewusst: „Und ich bin überzeugt, dass meine Seele sehr großen Gewinn davon hatte, denn so begann ich, inneres Beten zu halten, ohne zu wissen, was das war, und die so eingespielte Gewohnheit bewirkte, dass ich das nicht unterließ.“ 

Beten als „Verweilen bei einem Freund“

Fast zwanzig Jahre Klosterleben braucht sie, bis sie durch ihre sogenannte endgültige Bekehrung vor einem Andachtsbild in der Fastenzeit des Jahres 1554 Sicherheit für ihren Weg und ihre Aufgaben gewinnt. Nach dem Klostereintritt, der wohl auch durch Angst vor der Hölle und Angst vor einem Schicksal als Ehefrau motiviert war, steht sie schwere Krankheiten durch, wird fast als Scheintote beerdigt und bleibt über drei Jahre hinweg gelähmt. Sie überlebt diese Zeit, „weil ich mich an dieser starken Säule des inneren Gebetes festklammerte...“. In ihrer berühmten Definition dieser Art zu beten, hält sie fest: „Meiner Meinung nach ist inneres Beten nichts anderes als Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.“ 

Eine gelebte Liebesbeziehung 

Bei dem Verweilen geht es ihr nicht darum, dass die Beter über Gott nachdenken, vielmehr ist sie überzeugt: „von daher besteht der Fortschritt für die Seele nicht im vielen Denken, sondern im vielen Lieben.“ Diese Aufforderung zum Lieben macht für Pater Dobhan deutlich, dass sich Teresas inneres Beten von vielen Meditationsanleitungen unterscheidet: „Ihr kommt es nicht auf die Weitergabe bestimmter Gebetsmethoden, Übungen, Körperhaltungen oder auf geistreiche Erwägungen an, sondern auf die Ermutigung zur gelebten Liebesbeziehung zu Gott beziehungsweise Christus. Alles, was dazu beiträgt, diese Beziehung zu vertiefen, dient dem geistlichen Fortschritt.“ Sie fragt sich selbst, wie man wohl diese Liebe erwirbt, und gibt zur Antwort: „Indem man sich entschließt, zu handeln und zu leiden und das in die Tat umzusetzen, wenn es sich anbietet.“ Mit dem Blick auf Mitschwestern, die sich allzu gern wonnevoll der betenden Andacht hingeben, wird sie noch deutlicher: „Und wenn du eine Kranke siehst, der du ein wenig Linderung verschaffen kannst, dann mache es dir nichts aus, diese Andacht zu verlieren und ihr dein Mitgefühl zu zeigen; und wenn ihr etwas wehtut, dann soll es dir wehtun, und wenn nötig, sollst du fasten, damit sie zu essen hat.“

Der Herr weilt zwischen den Kochtöpfen

Pater Dobhan schreibt in einem Artikel zu Teresas Weg des inneren Betens: „Teresa ist überzeugt, dass sich in den alltäglichen ,Angeboten‘ und oft genug Zumutungen Gott verbirgt, denn ,wenn euch der Gehorsam Beschäftigung mit äußeren Dingen aufträgt, dann versteht, dass der Herr zwischen den Kochtöpfen weilt, falls es in der Küche ist, und euch innerlich und äußerlich hilft.‘“ 

Für die Frauenbundfrau Rosalinde Göppel, die sich derzeit als Diözesanvorsitzende von Eichstätt engagiert, war es genau diese Mischung von innerer Verbundenheit mit Gott und tatkräftigem Anpacken, die Teresa von Ávila zu ihrer Lebensbegleiterin gemacht hat. „Seit Teresa 1970 als erste Frau zur Kirchenlehrerin erhoben wurde, hat meine Faszination nicht aufgehört. Ihre Gedanken begleiten mich bis heute und ich habe 1983 unsere Tochter nach ihr benannt“, erläutert Göppel. „Es ist mir sehr wichtig, dass diese Heilige ihren ganz eignen Weg gesucht, gefunden und konsequent durchgesetzt hat.“ 

Siebzehn Nonnenklöster und zwei Männerklöster

Durchgesetzt hat Teresa, dass die Aufzeichnungen ihrer Gotteserfahrungen anerkannt wurden und ein neuer Orden innerhalb des Karmeliterordens entstand. Denn die zwanzig Jahre Klosterleben hatten sie gelehrt, wie viele Ablenkungen auch im Kloster ein gottbezogenes Leben verhindern. „Ich führte nun ein äußerst zermürbendes Leben, (...). Einerseits rief Gott mich immer wieder, andererseits lief ich der Welt nach. Alles, was mit Gott zu tun hatte, machte mich ganz glücklich, aber zugleich hielten mich die weltlichen Dinge gefangen. (...) So verbrachte ich viele Jahre, so dass ich jetzt nur so staune, was ein Mensch durchhält, um weder das eine noch das andere aufzugeben.“ Besucher, Gönner, Hilfesuchende, Mitschwestern – ein reger Austausch hielt die Nonnen ab von Stille und Gebet. In den Neugründungen sollte das anders werden, und am Ende ihres Lebens hatte Teresa 17 Nonnenklöster und zwei Männerklöster eingerichtet.

Teresa lässt sich nicht in die Schranken weisen

Dafür war ein mühseliges Wanderleben notwendig, dass sie trotz vieler Krankheiten bewältigte. Ungeheuerlich für eine Frau, die der päpstliche Gesandte Sega so charakterisiert: „Sie ist ein unruhiges, herumvagabundierendes, ungehorsames und verstocktes Weibsbild, das unter dem Vorwand von Frömmigkeit verkehrte Lehren erfand und gegen die Anordnung des Konzils von Trient die Klausur verließ und wie eine Lehrmeisterin andere belehrte.“ Doch Teresas in vielen Visionen und mystischen Erfahrungen vertiefte Gottesbeziehung macht sie innerlich gefeit vor den übelsten Anwürfen, die vor allem darauf abzielen, sie als Frau in die Schranken zu weisen. Sie weiß nämlich zuinnerst: „Dir, Herr meiner Seele, hat vor den Frauen nicht gegraut, als du durch diese Welt zogst, im Gegenteil, du hast sie immer mit großem Mitgefühl bevorzugt und hast bei ihnen genauso viel Liebe und mehr Glauben gefunden als bei den Männern.“

Autorin: Anne Granda

aus: Engagiert 3/2015