KDFB

Mit Freimut sprechen, nicht verurteilen

Regina Heyder ist Mitarbeiterin der Arbeitsstelle für Theologische Genderforschung an der Universität Bonn. Außerdem ist sie Vorsitzende der Theologischen Kommission des KDFB. Foto: Bernhard Raspels

Mit der Verabschiedung eines Schlussdokuments am 24. Oktober 2015 ist im Vatikan die Familiensynode zu Ende gegangen. Wie ist das Dokument einzuordnen? Die Kirchenhistorikerin und Vorsitzende der Theologischen Kommission des KDFB, Regina Heyder, nimmt Stellung

KDFB Engagiert: An die Familiensynode hatten viele Gläubige hohe Erwartungen. Der KDFB hatte seine Wünsche und Vorstellungen für eine zeitgemäße Familienpastoral den deutschen Synodenvätern mit auf den Weg gegeben. Kann der KDFB zufrieden sein mit dem Abschlussdokument?

Regina Heyder: Selbstverständlich gibt es immer un­erfüllte Wünsche: Wir hatten gehofft, dass die Öffnung für den Kommunionempfang wiederverheirateter Geschiedener deutlicher ausfällt. Der KDFB hatte außerdem vorgeschlagen, das Problem der in einigen Ländern immer noch hohen Mütter- und Kindersterblichkeit zu be­handeln. Insgesamt stimmt mich das Abschlussdokument je­doch sehr zuversichtlich: Die vielfältigen Lebenswirklichkeiten von Familien sind nun unwiderruflich ein Thema der Pastoral geworden. Für alle im Vorfeld der Synode diskutierten „heißen Eisen“ gilt, dass nirgendwo Türen definitiv geschlossen wurden.

KDFB Engagiert: Es wird immer wieder be­tont, dass die Synode die Diskussionskultur in der katholischen Kirche verändert habe. Was war anders? 

Regina Heyder: Auslöser war sicher die von Papst Franziskus gewünschte Befragung der Gläubigen, die den Realitätssinn aller Beteiligten geschärft hat. Sie war ein wichtiger Schritt zur Perspektive des Schlussdokuments, weniger zu verurteilen und auch die „Gaben und Charismen“ derjenigen anzuerkennen, die nicht das ka­tholische Ideal in Gänze le­ben. Ebenso wichtig ist, dass Papst Franziskus immer wieder dazu aufgefordert hat, mit Freimut zu sprechen und mit Demut zu hören. 

KDFB Engagiert: Die Bischöfe der deutschsprachigen Arbeitsgruppe haben sich bei den Gläubigen für das Leid entschuldigt, das sie aufgrund einer zu harten und unbarmherzigen Pastoral erlitten hätten – „im falsch verstandenen Bemühen, die kirchliche Lehre hochzuhalten“. Wie werten Sie diese Aussage? 

Regina Heyder: Gerade im Kontext der Ehe- und Familienpastoral gibt es generationsspezifische Traumata: Früher war das vor al­lem die Frage der Empfängnisverhütung, die in Predigten und im Beichtstuhl ri­goros gehandhabt wurde. Andere litten unter der Verurteilung der sogenannten Mischehen zwischen einem katholischen und einem protestantischen Partner – wenn sie gültig waren, dann standen sie immer noch unter dem Verdacht religiöser Gleichgültigkeit. Heute sind vor allem Alleinerziehende, Homosexuelle oder eben wiederverheiratete Geschiedene betroffen, die ihre erste Ehe nicht annullieren lassen können oder wollen. Zumindest in der Theorie war klar: Wer dem Ideal nicht entspricht, ist vom Empfang der Eucharistie ausgeschlossen, die seit dem Konzil noch stärker als Quelle und Höhepunkt des kirchlichen Lebens ins Bewusstsein gerückt ist.

Der Anspruch, dass die Klarheit der Lehre um keinen Preis verdunkelt werden dürfe, ist bisher oft gegen eine Pastoral, die auf die konkreten Menschen und die unterschiedlichen Situationen blickt, ausgespielt worden. Die genannte Entschuldigung steht ebenso wie der Ab­schnitt 51 des Schlussdokuments für einen grundlegenden Perspektivwechsel: Es geht um Integration, um Versöhnung; darum, die Barmherzigkeit Gottes aufleuchten zu lassen. Das ist besonders für kirchlich engagierte Gläubige wichtig, weil sie am meisten unter der Diskrepanz von Ideal und Wirklichkeit leiden.

KDFB Engagiert: Papst Franziskus wünscht sich eine synodale Kirche, in der die Ortskirchen mehr an Entscheidungen beteiligt werden und auch mehr Verantwortung haben. Wie ist Ihr Eindruck: Gibt es Anzeichen, dass Frauen an den synodalen Prozessen angemessen beteiligt werden? 

Regina Heyder: Momentan ist es sicher wichtig, dass Laienkatholikinnen, Ordensfrauen und Verbände immer wieder auf einer an­gemessenen Beteiligung beharren und ihre Bereitschaft zur Mitarbeit bezeugen. Auf diese Weise sind immerhin mit Unterstützung der Ordensmänner drei Or­densfrauen in die vergangene Bischofssynode berufen worden. Je mehr sich die Kirche auf allen Ebenen an die Empfehlung des Schlussdokuments hält, Frauen in der Kirche selbst an Entscheidungsprozessen zu beteiligen und ihnen Leitungsaufgaben zu übertragen, desto selbstverständlicher wird ihre Teilnahme an den synodalen Prozessen in Zukunft sein.

Interview: Gabriele KlöcknerAus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 12/2015