KDFB

Mit Bachelor im Kreisssaal

In guten Händen sind Neugeborene und deren Mütter bei Hebammen. Foto: pa/dpa

In Deutschland herrscht Hebammen-Mangel. Um diesen wichtigen Beruf aufzuwerten, soll die Ausbildung künftig an Hochschulen erfolgen. Erste Studierende gibt es schon. Gleichzeitig hat die Weltgesundheitsorganisation ein weltweites Jahr der Hebammen und professionell Pflegenden ausgerufen.

Mehr als 550 Kinder hat Veronika Leitner am Krankenhaus Bad Aibling schon zur Welt gebracht. Aber an eine der seltenen Hausgeburten erinnert sich die Hebamme besonders gerne: „Die Mutter lag in der warmen Wanne. Als man das Köpfchen des Kindes im Wasser sah, hüpften die kleinen Schwestern voller Freude im Badezimmer herum und riefen: ,Der Korbinian kommt! Der Korbinian kommt!‘ Danach habe ich noch Semmeln geholt, und wir haben alle zusammen gefrühstückt.“

Bei Hausgeburten konnte Leitner immer so selbstbestimmt arbeiten, wie sie es sich zu Beginn ihrer Hebammenlaufbahn vorgestellt hat. Nicht noch schnell Blut abnehmen für das Labor oder auf den Zeitrahmen achten, sondern einfach danebensitzen und abwarten. „Die meisten Frauen sind zu Hause in ihrer vertrauten Umgebung viel entspannter und entbinden leichter. Dort haben sie Ruhe und alle Zeit, die sie brauchen. Keiner hat Schichtwechsel wie in der Klinik“, erzählt die 38-Jährige aus Nußdorf am Inn im Landkreis Rosenheim.

 

Jeden Tag müssen sie fünf bis zehn Frauen absagen

 

Doch obwohl Leitner ihren Beruf liebt, kann sie Schwangeren nicht mehr bei der Geburt beistehen. Der Alltag in der Klinik passte nicht mehr zu ihrem Tagesablauf mit kleinem Sohn und der Hebammenpraxis, die sie zusammen mit Kollegin Simone Donhauser in Rosenheim betreibt: „Um einmal im Monat eine Hausgeburt zu betreuen, lohnt es sich nicht, die hohen Versicherungsprämien zu zahlen.“ Tatsächlich finden nur knapp ein Prozent der Entbindungen in Deutschland zu Hause statt.

Die beiden Hebammen Leitner und Donhauser sind auch ohne Geburten bereits bis Oktober ausgebucht. Jeden Tag müssen sie fünf bis zehn Frauen absagen, die händeringend für die Zeit vor und nach der Geburt eine Hebamme suchen. Auch die Krankenhäuser leiden unter dem Notstand: Seit Jahren schließen sie immer wieder Kreißsäle, weil Hebammen fehlen. Schwangere müssen an andere Kliniken verwiesen werden, und für freie Stellen finden sich keine Bewerberinnen.

Leitner bedauert es, sehen zu müssen, dass die schwangeren Frauen in einer verletzlichen Lebensphase die Leidtragenden der schlechten Versorgung sind: „Eine Kollegin arbeitet in der Klinik. Sie weiß aber nicht, wie lange sie noch in einer Geburtshilfe tätig sein will, die sie nicht vertreten kann. Sie muss mehrere Gebärende gleichzeitig betreuen und hat für keine Frau genug Zeit.“

 

Eins-zu-eins-Betreuung von Gebärenden als Ziel

 

Dass Hebammen ihre eigenen Anliegen besser vertreten und Ärzten auf Augenhöhe begegnen können, erhofft sich Leitner durch das neue Bachelor-Studium „Hebammenkunde“. Anfang des Jahres wurde das Fach in Deutschland als Regelstudiengang eingeführt. „Ich bin an der Hebammenschule sehr gut ausgebildet worden, aber ich denke, dass das Studium den Beruf aufwertet. Studierte Hebammen werden anerkannter sein und wohl mehr Mut haben, bessere Arbeitsbedingungen einzufordern.“

Auch ein aktuelles Gutachten des Bundesgesundheitsministeriums zur stationären Hebammenversorgung bestätigt die Notwendigkeit, die Arbeitssituation von Hebammen in Kliniken zu verbessern. „In den Krankenhäusern ist nur für 16 Prozent der Hebammen die Eins-zu-eins-Betreuung von Gebärenden möglich“, so Ulrike Geppert-Orthofer, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes (DHV). „Dass eine Hebamme ihre Tätigkeit so ausüben kann, wie es ihren Ansprüchen an die eigene Arbeit entspricht, ist bei uns keine Selbstverständlichkeit. Das muss sich ändern! Dann werden die Hebammen wieder zahlreich in der klinischen Geburtshilfe arbeiten.“

Die Forderungen des DHV reichen von einem besseren Personalschlüssel über Entlastungen von berufsfremden Tätigkeiten bis hin zum Abbau von hierarchischen Strukturen. „Außerdem verdienen Hebammen gemessen an der Verantwortung zu wenig, und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss verbessert werden“, erklärt Geppert-Orthofer, die selbst Hebamme ist.

 

Der Frauenbund fordert eine bessere Bezahlung

 

Auch der KDFB macht sich für Hebammen stark. In einer Stellungnahme forderte er 2017, die Geburtshilfe durch Hebammen bundesweit flächendeckend sicherzustellen. Außerdem tritt der Frauenbund dafür ein, die Vergütungen und Rahmenbedingungen für freiberufliche und angestellte Hebammen weiter zu verbessern. Eine ledige, festangestellte Klinikhebamme bekommt zum Beispiel als Einstiegsgehalt rund 1750 Euro netto. Freiberufliche Hebammen verdienen hingegen ganz unterschiedlich.

Um die Wertschätzung des Berufes in Gesellschaft und Politik zu verbessern, plant der Hebammenverband in diesem Jahr Aktionen. „In Deutschland ist das Wissen nicht stark verbreitet, wie bedeutend die Zeit rund um die Geburt für die Familien ist“, so Präsidentin Geppert-Orthofer. Verärgert fügt sie hinzu: „Hätte die Geburt eine entsprechende Wertschätzung, würden wir es als so reiches Land niemals zulassen, dass eine Gebärende ihre Hebamme in der Klinik mit zwei, drei oder vier anderen Frauen teilen muss. Das sind unerträgliche Zustände! Eine Betreuung wie in England, wo eine Hebamme eine Frau betreut, wäre ideal.“

 

Empathie und viel Wissen: Der Beruf ist komplex geworden

 

Auch wenn die schlechten Arbeitsbedingungen in den Kliniken für Geburtshelferinnen gerade das Hauptanliegen des Verbandes sind, setzt Geppert-Orthofer Hoffnung in die zukünftige akademische Ausbildung. Denn eine gute Hebamme müsse nicht nur über ein großes Maß an Empathie verfügen, sondern brauche auch sehr viel Wissen: „Es ist eher verwunderlich, warum unsere Ausbildung nicht schon längst akademisch ist. Der Beruf ist so komplex geworden. Zudem tragen Hebammen eine sehr große Verantwortung.“

 

In anderen europäischen Ländern ist Hebammenkunde längst ein Studienfach

 

Auslöser für die Einführung des Regelstudiengangs „Hebammenkunde“ in Deutschland ist eine EU-Richtlinie zur Berufsanerkennung. Sie forderte die Anhebung der deutschen Hebammenausbildung auf europäisches Niveau. Denn in anderen Ländern Europas ist es schon länger üblich, Hebammenkunde zu studieren. So bietet die Katholische Stiftungshochschule (KSH) in München, in der die Höhere Fachschule für Sozialarbeit der Frauenbund-Gründerin Ellen Ammann aufgegangen ist, nun auch Hebammenkunde als Bachelor-Studium an.

Constanze Giese, Professorin für Ethik und Anthropologie in der Pflege, durfte den Studiengang an der KSH München einrichten: „Das war ein hartes Stück Arbeit, aber all unsere Mühen haben sich bezahlt gemacht.“ Im September vergangenen Jahres konnten die ersten 27 Frauen das Studium, zunächst noch im Modellstudiengang, beginnen. Das Vollzeitstudium mit sieben Semestern hat einen hohen Praxisanteil von 2200 Stunden. Für ihren Einsatz im Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München bekommen die Studierenden eine Vergütung.

 

Das Interesse am neuen Studiengang ist groß

 

Sehr viele Anfragen erreichen Professorin Giese derzeit zum neuen Studiengang. Selbst beim Modellstudiengang war die Anzahl mit 200 Bewerberinnen sehr hoch. Unter ihnen wurde im Rahmen eines persönlichen Gesprächs ausgewählt. „Es macht nun Spaß, mit so interessierten Studentinnen zusammenzuarbeiten“, erklärt Regina Weber, Lehrkraft für besondere Aufgaben im Studiengang Hebammenkunde an der KSH München. Die erfahrene Hebamme ist zuständig für die Ankopplung der Praxis an die Hochschule und war bis vergangenen Herbst noch an einer Hebammenschule tätig.

In Deutschland gibt es derzeit 62 Hebammenschulen. Die schulische Ausbildung dauert drei Jahre und kann nur noch bis zum Jahr 2021 begonnen werden. Für Schülerinnen, die zum Beispiel wegen einer Elternzeit unterbrechen müssen, gibt es eine Übergangszeit bis Ende 2026. Ab 2027 wird an den Schulen keine Ausbildung mehr stattfinden.

 

Andere Lohnforderungen werden möglich

 

„Viele bedauern es, dass sich dann Realschülerinnen nicht mehr direkt zur Hebamme ausbilden lassen können“, weiß Weber. „Sie können aber nach ihrem Abschluss noch die Fachoberschule besuchen und sich bei uns bewerben. Auch examinierte Pflegefachkräfte können bei uns ohne Abitur studieren.“ Für Hebammen, die schon länger im Beruf sind, ist eine hochschulische Weiterqualifizierung möglich. Anteile ihrer beruflichen Bildung werden angerechnet. Für den Bachelor-Titel müssen zusätzlich wissenschaftliche Kompetenzen erworben werden.

Professorin Giese erwartet, dass die Akademisierung der Hebammenausbildung zu einer besseren Versorgung von Schwangeren beitragen kann. Zudem wird das Studium das Selbstbewusstsein der Hebammen stärken: „So können sie für sich bessere Arbeitsbedingungen erwirken. Und wer über einen Bachelor-Abschluss verfügt, kann auch andere Lohnforderungen stellen.“

 

aus: KDFB engagiert 4/2020
Autorin: Karin Schott