KDFB

Lebe jetzt!

Das Leben ist eine Gratwanderung. Gerade jetzt, in diesem Augenblick, ist jeder Mensch dreifach gefordert: Die Vergangenheit wirkt auf ihn ein, die Zukunft lockt mit ihren Möglichkeiten, und die Gegenwart will gestaltet sein. Jeder neue Tag lädt dazu ein, sich im Umgang mit der eigenen Lebenszeit zu üben. 

Was bereuen Menschen, wenn sie am Ende des Lebens stehen? Eine australische Krankenschwester begleitet sterbende Patienten in den Tod. In den Wochen, Tagen und Stunden, in denen sie bei ihnen zu Hause am Bett sitzt, ergeben sich tiefgründige Gespräche. Aus dem, was viele Menschen am Lebensende umtreibt, meint Schwester Bronnie stets dasselbe herauszuhören: ein Bedauern, nicht das Leben gelebt zu haben, das sie sich gewünscht hatten. Reue angesichts der Entscheidungen, die sie getroffen oder nicht getroffen haben. Vorwü?rfe an sich selbst, weil diese Erkenntnis erst kam, als es bereits zu spät war. 

Was Sterbende am meisten bereuen

Aus ihren Erfahrungen hat die Palliativschwester ein Buch geschrieben, das übersetzt heißt: „Die fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“. Wer hineinliest, begegnet vielen Möglichkeiten, die ungenutzt verstrichen sind: Die Sterbenden wünschen sich, ein eigenes Leben gelebt zu haben, ihre Gefühle besser ausgedrückt zu haben. Sie bereuen, zu viel gearbeitet und den Kontakt zu Freunden nicht aufrechterhalten zu haben. Sie bedauern, dass sie sich nicht erlaubt haben, glücklicher zu sein, als sie waren.  

„Ich habe alles falsch gemacht in meinem Leben.“ Auch Hilde Haupt hört solche Selbstvorwürfe, wenn sie Sterbende begleitet. „Man muss das sehr ernst nehmen“, erklärt die 58-jährige KDFB-Frau aus Grafenwöhr. „Aber man muss auch aufzeigen, dass die Dinge, die passiert sind oder unterlassen wurden, der Zeit geschuldet sind. Die Nachkriegszeit war hart. Viele waren einfach nur damit beschäftigt, die Familie über Wasser zu halten“, sagt sie. Zeit, das Leben zu genießen, war bei Vielen einfach nicht drin.

Frieden schließen mit dem eigenen Lebenslauf

Sterbenden Trost zu spenden angesichts dieser Selbstvorwürfe ist schwierig. „Ich kann nichts ungeschehen machen, nur ihnen mein Ohr leihen und hoffen, dass sie innerlich zur Ruhe kommen, wenn sie sich ausgesprochen haben.“ Frieden möchte jeder machen am Ende seines Lebens – und sei es in der Hoffnung, dass die Kinder aus den eigenen Fehlern lernen mögen. Immer wieder hört Hilde Haupt, wie Sterbende ihren Angehörigen Ratschläge geben: „Arbeite nicht so viel, meine nicht, du müsstest so viel erwirtschaften! Lebe mehr.“ Ein alter Mann sagte zu ihr: „Ich habe fünf Häuser gebaut für meine fünf Kinder. Das würde ich heute nicht mehr tun. Ich würde leben.“ 

Kritisch Zwischenbilanz ziehen

Es sind solche Begegnungen, die Hilde Haupt veranlassen, immer wieder kritisch in den Spiegel zu blicken. Jedes Mal ein neuer Anstoß, Zwischenbilanz zu ziehen und sich zu fragen: Passt das noch für mich, so wie ich jetzt lebe? Arbeite ich nicht zu viel? Gönne ich mir genügend Auszeit? Ist meine Partnerschaft so, wie ich es möchte? Ist der Platz, wo ich stehe, angemessen? Unbequeme Fragen. Anderen Menschen in schweren Stunden beizustehen, das ist ihr eine Herzensangelegenheit. Ein Ehrenamt, das sie ausfüllt. Oft tut sie mehr, als von ihr erwartet wird. Dennoch gilt es, sich selbst dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Eine Auszeit zu nehmen, das eigene Leben bewusst zu genießen, das fällt ihr oft nicht leicht, gibt sie zu. Noch klingt sie etwas müde und angestrengt von einer durchwachten Nacht am Krankenbett. Sie erhole sich gerade davon, sagt sie. 

Genießen lernen

Da ist es gut, dass ihre Helfer jederzeit parat stehen. Es sind skurrile Wesen, zum Teil steinalt. Hilde Haupt findet sie nur ein paar Schritte entfernt, wo sie jetzt steht, den Telefonhörer in der Hand: in ihrem Garten. Neun Wasserschildkröten unterschiedlicher Rassen bevölkern ihren Gartenteich. Sie zu beobachten, führe unweigerlich zu Ruhe und Gelassenheit. „Die Schildkröten hasten nicht, sie bewegen sich ganz gemächlich. Und sie machen tolle Figuren mit ihren Beinen, wie Tänzerinnen.“ Hilde Haupt vergisst die Zeit, wenn sie die Tiere beobachtet. Sobald die ersten Sonnenstrahlen morgens den Teich erreichen, bringen sich die Schildkröten in Position. Ohne Reue geben sie sich dem Sonnenbad hin, es währt den ganzen Tag. Und es scheint, als würden die Schildkröten jede Minute genießen. „Eigentlich hätte ich neun Lebenskünstler direkt vor Augen“, schmunzelt Hilde Haupt. Neun gelassene Experten für ein Leben im Augenblick.

Jung im Herzen trotz vieler gelebter Jahre

„Ich bin ziemlich alt und habe nichts zu verlieren“, sagt Martha H. aus München. 73 Jahre liegen hinter ihr, wenn sie den Zahlen glauben will, die in ihrem Pass stehen. Aber ihr Leben, so ist sie überzeugt, findet nicht auf dem Papier statt, sondern im Kopf und im Herzen und – warum nicht? – in den Beinen. Manchmal juckt es Martha H. in den Beinen. Dann stellt sie sich vor, sie sei wieder jung. Sie denkt daran, wie der Wind früher durch ihre langen Haare strich, wie leicht es ging, stundenlang wild zu tanzen, sich bei Open-Air-Konzerten die Kehle aus dem Leib zu schreien. „Heute bin ich zwanzig“, beschließt sie dann und lädt eine Freundin ein, mit ihr ins Kino zu gehen. Auch wenn sie nur im Dunkeln im tiefen Sessel sitzt, die Beine abgewinkelt: Das Gefühl ist da – wie vor 53 Jahren. Hingerissen verfolgt sie das Musical „Hair“, eine Hymne auf die Hippiezeit. Die Texte kann sie auswendig, die Art, sich zu kleiden, ist ihr vertraut, die Tanzschritte hat sie früher vor dem Spiegel geprobt, die Wut gegen den Vietnamkrieg spürt sie noch heute. Angepasst war sie noch nie. 

Erinnerungen wie Schätze hüten

Erinnerungen, zum Greifen nahe: Martha H. pflegt sie bewusst. Was sie erlebt hat, ist für sie wie ein Schatz, den sie immer wieder heben kann, um sich daran zu freuen. Sich dem eigenen Leben mit lustvollem und nicht nur mit kritischem Blick zuzuwenden – das ist auch eine Frage der Übung. Ulrike Pulzer, Angestellte aus München, schätzt dabei die Unterstützung der Gruppe. Sie hat eine Ausbildung in Biografiearbeit absolviert. Gemeinsam mit anderen lernte sie dabei, die eigene Lebensgeschichte zu beleuchten und zu bewerten. „Ich liebe diesen besonderen Zauber, der in Gruppen entsteht, wenn alle bereit sind, sich zu öffnen“, sagt die 45-Jährige. „Es ist faszinierend, wie man sich schon nach kurzer Zeit durch die Lebensgeschichten von zunächst wildfremden Menschen berührt fühlt, sich selbst oftmals wiedererkennt oder auch neue Sichtweisen auf sein eigenes Leben bekommt. Die Erzählungen der Anderen, ihre Gedanken und Träume regen an, einen wertschätzenden Blick auf das eigene Leben zu richten. Ich kann dann besser die Fülle meines Lebens mit all seinen Höhen und Tiefen wahrnehmen und stolz darauf sein, was ich alles geschafft, bestanden und überwunden habe. Das stärkt mich auch für zukünftige Herausforderungen.“

Kraft schöpfen aus dem Lebensrückblick

Der Kraft des Lebensrückblicks hat die Schweizer Psychologin Verena Kast viele Bücher gewidmet – und Jahre ihres beruflichen Wirkens. „Lebensgeschichten sind emotional ganz unterschiedlich getönt“, weiß sie aus ihrer Arbeit als Therapeutin. „Einige sind beschämend, problematisch, andere beglückend, wieder andere so schrecklich, dass wir sie gar nicht mehr erinnern wollen.“ Oft werde aber auch Gutes vergessen – und das sei schade. Ziel eines jeden Lebensrückblicks sei, eine Geschichte erzählen zu können, mit der man besser leben kann und die es erlaubt, sich mit der eigenen Geschichte zu versöhnen. 

Vorbei heißt nicht vergessen

Was vorbei ist, ist noch lange nicht vergessen. Erinnern heißt nachzufühlen, wie es damals war, wie man sich selbst damals erlebt hat. Jeder Mensch ist in der Lage, Schönes und Belastendes zu vergegenwärtigen. Verena Kast: „Betrachten wir Familienfotos mit verschiedenen Kleinkindern und entdecken uns selbst, dann sagen wir: ,Das bin ich!‘. Wir sagen nicht, ,Das war ich!‘. Offenbar sind wir es immer noch. Es gibt eine Kontinuität in unserem Leben trotz aller Veränderungen, und diese Kontinuität wird im Lebensrückblick sichtbar.“ 

Die späten Jahre können entscheidend sein

Das, was wir heute tun, speist sich aus vergangenen Erfahrungen. Und dieses Wissen kann helfen, den Kompass des Lebens neu auszurichten. Das ist auch für Ältere sinnvoll. Altern heiße, sich klar zu werden, dass die eigene Lebenszeit begrenzt, dass sie zum größeren Teil schon durchlebt ist, dass nur ein kleinerer Teil noch zur Verfügung steht, erklärt die Konstanzer Religionspsychologin und Psychotherapeutin Ingrid Riedel. „Wie bei jedem guten Spiel ist auch hier die zweite Spielhälfte, ja, sind vielleicht die letzten fünfzehn Minuten entscheidend dafür, ob ich das Spiel – hier das Spiel meines Lebens – als verloren oder gewonnen erlebe“, schreibt sie in ihrem Buch über die innere Freiheit des Alterns. „Dieses Gefühl, dass es um die entscheidenden Jahre, auch um die entscheidenden Inhalte meines Lebens geht, macht die späteren Jahre kostbar. Es geht darum, was wir in diesen Jahren zu unserem Lebensinhalt machen, was wir doch unbedingt noch erlebt, noch gelebt haben wollen, wenn unser Leben einmal zu Ende ist.“ Deshalb, so die Psychotherapeutin, komme es darauf an, „von jetzt an mein besonderes Leben auszuschöpfen, nicht irgendein Leben, sondern mein ureigenes, das in mir angelegt ist“.

Autorin: Eva-Maria Gras

aus: Engagiert 1+2/2015