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Kinder vor Missbrauch schützen

Der Missbrauchsskandal hat die katholische Kirche Anfang 2010 in ihren Grundfesten erschüttert. Seither bemüht sie sich, das Geschehen aufzuarbeiten und den Opfern beizustehen. Aber wie schützt sie Kinder und Jugendliche künftig vor sexualisierter Gewalt? Dazu gibt Gisela Prechtl, Präventionsbeauftragte der Erzdiözese München-Freising, Auskunft.  

Seit November 2012 ist sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Peter Bartlechner Beauftragte der Erzdiözese München und Freising für die Prävention von sexualisierter Gewalt und Grenzüberschreitungen an Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Schutzbefohlenen. Beide sind ausgebildete Sozialpädagogen und Supervisoren.

Gisela Prechtl, 42, war zuvor rund zehn Jahre als Bildungsreferentin für den Frauenbund im Bistum Augsburg und als Fachreferentin für die Eltern-Kind-Gruppen tätig. Derzeit hat sie einen Lehrauftrag an der Katholischen Stiftungshochschule für Soziale Arbeit in München.

KDFB Engagiert: Frau Prechtl, welchen Auftrag haben Sie und Ihr Kollege Peter Bartlechner?

Gisela Prechtl: Wir erstellen ein Konzept für die gesamte Erzdiözese, das beschreibt, wie Prävention gegen sexualisierte Gewalt in den unterschiedlichen Einrichtungen und Verantwortungsbereichen funktioniert. Dazu gehört vor allem, alle MitarbeiterInnen im kirchlichen Dienst speziell zu schulen. Mein Kollege und ich vermitteln in unseren Kursen, was se­xualisierte Gewalt ist, welche Täterstrategien und Folgen bei den Betroffenen es gibt. Wer Missbrauch begeht, ist kein gruseliger, sondern oft ein hochintelligenter und sensibler Mensch, der gut Beziehungen aufbauen kann und Graubereiche nutzt, in denen es keine Regeln gibt für den Kontakt zwischen Erwachsenen und Minderjährigen. Dort kann er Schwächere ausnutzen und dies verschleiern. Wir zeigen auf, wie wichtig deshalb Transparenz ist. Entscheidungswege und Zuständigkeiten müssen für jeden klar sein. Hier stehen wir beratend zur Verfügung.

KDFB Engagiert: Was sollen MitarbeiterInnen tun, die einen Verdacht haben?

Gisela Prechtl: Sie sind verpflichtet, jeden Verdacht oder Hinweis sofort ihren Vorgesetzten und den zuständigen Missbrauchsbeauftragten zu melden. Das sind bei uns in München-Freising zwei unabhängige und fachlich sehr erfahrene RechtsanwältInnen. Die Hinweise werden umgehend geprüft. Bei konkreten Vorfällen werden alle strafrechtlich relevanten Verhaltensweisen zur Anzeige gebracht und auch kirchenrechtlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um TäterInnen in ihre Schranken zu weisen und zu bestrafen.

KDFB Engagiert: Gibt es Konzepte zur Prävention erst seit dem Skandaljahr 2010?

Gisela Prechtl:  Nein, den Blick auf sexualisierte Gewalt gab es schon vorher in der katholischen Kirche. Die Deutsche Bischofskonferenz hat bereits 2002 in ihren „Leitlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche“ präventive Maßnahmen beschlossen und 2010 die „Rahmenordnung Prävention gegen sexu­alisierte Gewalt“ verabschiedet. Beide wurden 2013 erneuert. Konkrete Konzepte werden seit 2010 erarbeitet und umgesetzt.

KDFB Engagiert: Schafft Prävention viel Misstrauen?

Gisela Prechtl: Unsere Kursteilnehmer sind schockiert, wenn sie erfahren, dass Missbrauch überwiegend im nahen Umfeld passiert, Täter also nicht Fremde sind, sondern vertraute Personen. Jeder Verwandte oder Bekannte könnte also einer sein. Natürlich sind wir nicht nur von Leuten umgeben, die anderen Gewalt antun wollen. Aber die es wollen, suchen sich gezielt Arbeitsfelder, wo ihnen das besonders leichtfällt. Schwer haben sie es dort, wo man miteinander redet, Entscheidungen gemeinsam fällt und gegenseitige Kontrolle zulässt.

KDFB Engagiert: Sind die meisten Präventionsmaßnahmen schon umgesetzt?

Gisela Prechtl: Mein Kollege und ich haben gerade intensiven Kontakt zu den 22 Schulen in unserem Bistum, schauen uns zusammen mit deren Präventionsbeauftragten die Schutzkonzepte an und verbessern sie je nach Bedarf. Die Schulen sind dankbar für unsere Beratung und engagiert dabei, präventive Konzepte umzusetzen. Unsere hauptamtlichen MitarbeiterInnen – also Priester, Diakone, Gemeinde- und PastoralreferentInnen sowie ReligionslehrerInnen – werden künftig noch intensiver geschult als in ihrer Berufsausbildung, und zwar mit dem Herzstück unserer Präventionsarbeit, dem E-Learning-Programm. Das ist aber noch in der Testphase. Bei der Jugendarbeit ist man weit: JugendleiterInnen müssen sich in ihrer Ausbildung mit der Prävention sexualisierter Gewalt auseinandersetzen und sich qualifizieren. Die Jugendverbände haben eine bundesweit einheitliche Jugendleiter-Card, die so­genannte Juleica, eingeführt. Nur wer sie erwirbt, darf eine Jugendgruppe leiten.

KDFB Engagiert: Das erwähnte E-Learning-Programm soll MitarbeiterInnen verpflichten, sich mit Missbrauch und Prävention auseinanderzusetzen. Welche Erfahrungen gibt es schon?

Gisela Prechtl: Zur Vorgeschichte: Der 2010 von der Bundesregierung eingesetzte „Runde Tisch Sexueller Kindesmissbrauch“ hatte beschlossen, dass PädagogInnen und MedizinerInnen im Kinder- und Jugendbereich besser zum Thema sexueller Missbrauch und Prävention ge­schult werden müssen. Professor Jörg Fegert von der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Ulm wurde beauftragt, einen Online-Kurs zu entwickeln. Da hatte unser Bistum die Idee, auch seinen MitarbeiterInnen so einen Kurs anzubieten. Den entwickeln wir zusammen mit der Uniklinik Ulm und dem Zentrum für Kinderschutz München der Päpstlichen Universität Gregoriana. 100 Hauptamtliche aus unserem Bistum testen das Programm seit Ende 2012. In wenigen Monaten wird entschieden, aus welchen der getesteten Bausteine der Online-Kurs letztlich bestehen wird. Ab 2015 sollen ihn alle Hauptamtlichen verpflichtend absolvieren.

KDFB Engagiert: Funktioniert das, sich alleine vor dem PC mit so einem sensiblen Thema zu beschäftigen?

Gisela Prechtl: Ich war auch skeptisch, bevor ich den Kurs begonnen habe. Aber man erfährt wirklich sehr viel über sexualisierte Gewalt. Sich selbst zu hinterfragen gelingt erstaunlich gut: Wie ist meine Haltung zu Kindern und Jugendlichen, wie empfinde ich den Umgang mit ihnen? Wie gehe ich mit meiner eigenen Sexualität um? Die Alternative wären Gruppenangebote. Ich glaube, vor anderen TeilnehmerInnen würden nur wenige offen über dieses schambesetzte Thema reden. Im Online-Kurs geht es auch um Gesprächsführung: Wie spreche ich Kinder an, die womöglich missbraucht werden? Man muss Prüfungen über den gelernten Stoff ablegen und jede Menge Fallbeispiele bearbeiten.

KDFB Engagiert: Die ka­tholische Kirche hilft den Missbrauchsopfern. Wie kümmert sie sich um Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die der Umgang mit jungen Menschen verunsichert?

Gisela Prechtl:  Es gibt Beratungsangebote, Supervisoren und eine therapeutische Begleitung für Auszubildende und MitarbeiterInnen, die merken, dass der Umgang mit Kindern und Jugendlichen sie irritiert. Um jede Gefahr zu vermeiden, wird für diese Menschen ein Einsatzbereich gesucht, in dem sie keine Verantwortung für junge Leute haben.

KDFB Engagiert: Kann Prävention Vertrauen wieder herstellen?

Gisela Prechtl:  Wir versuchen alles dafür zu tun, dass sich junge Menschen bei uns in einem geschützten Rahmen aufhalten können. Es wäre der falsche Ansatz, ausschließlich die Minderjährigen stark zu machen und ihnen zu sagen: Ihr müsst euch abgrenzen und wehren! Die Verantwortung liegt bei den Erwachsenen, dafür zu sorgen, dass den Kindern und Jugendlichen nichts passiert. Opfer sexueller Gewalt müssen sich sicher sein, dass ihnen eine Vertrauensperson hilft. Es gibt eine Statistik, nach der sich Kinder an sieben verschiedene Menschen wenden müssen, bis sie einer ernst nimmt. Daran wollen wir etwas ändern.

Interview: Carola Renzikowski
KDFB Engagiert – Die Christliche Frau, Ausgabe 7/2014