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Integration kann gelingen

Barbara Solf-Leipold Foto: privat

Was ist nötig, damit Integration gelingen kann? Für Barbara Solf-Leipold ist das die Frage, die sie täglich bewegt. Seit viereinhalb Jahren engagiert sie sich in ihrem Heimatort ehrenamtlich für Flüchtlinge.


Knall auf Fall waren 2013 im kleinen Geisenhausen bei Landshut 150 Zugewanderte in einer Gemeinschaftsunterkunft einquartiert worden. Mit einem Schlag war die 6.500-Seelen-Gemeinde in der Weltpolitik angekommen. „Es war ein holpriger Start“, erinnert sich Barbara Solf-Leipold. Die Gemeinde versuchte damals, sich mit allen juristischen Mitteln gegen den Zuzug zu wehren. Gleichzeitig schürte eine Neonazigruppe Ängste bei der Bevölkerung. Die Sozialwissenschaftlerin empfand es als unerträglich, dass sich kein lautwahrnehmbarer Widerstand gegen die fremdenfeindlichen Tendenzen formierte. „Ich wollte nicht mit meiner Familie in einem Ort wohnen, in dem es solche Ressentiments gegenüber Ausländern gibt“, sagt sie.

Rasch formierte sich ein Helferkreis

Es galt also zu handeln. Bei einer Informationsveranstaltung formierte sich spontan eine Gruppe von zwanzig Einheimischen, die sofort mit der Unterstützung der eintreffenden Asylbewerber begann. Gemeinsam gelang es, ein Netzwerk aufzubauen. Rasch wurde der Verein „Buntes Miteinander Geisenhausen“ gegründet, eine Zeitlang übernahm Solf-Leipold den Vorsitz.

"Das Ortsbild ist erkennbar bunter geworden"

Heute hat der Verein 70 Mitglieder. Und jede Menge Erfahrung in Sachen Integration. Es gibt viele Anzeichen, die beweisen: Geisenhausen hat sich in diesen viereinhalb Jahren verändert. „Das Ortsbild ist erkennbar bunter geworden“, sagt Solf-Leipold. Sie freut sich, wenn sie quer über den Marktplatz ein freundliches Servus hört, das Einheimische und Zugereiste sich zuwerfen. Das Kulturprogramm, das der Verein „Buntes Miteinander“ auf die Beine gestellt hat, um Menschen verschiedener Hautfarbe und Herkunft Gelegenheit zur Begegnung zu bieten, sei ein echter Gewinn.

Syrische Buben singen bayerische Volkslieder

Im Kindergarten gehört es zum gewohnten Bild, dass syrische Burschen bayerische Volkslieder singen. Dass köstliche Rezepte aus der arabischen Küche unterniederbayerischen Hausfrauen die Runde machen. Natürlich gibt es Rückschläge, auch Geisenhausen geriet in die Schlagzeilen. Ein Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft hat 2015 einen anderen mit einem Messer angegriffen. Es stellte sich heraus, dass der Täter psychisch erkrankt war. Ein schlimmer Einzelfall. Aber für manchen Skeptiker in Geisenhausen eine Bestätigung ihrer Befürchtungen, dass mit der kleine Ort, dass Deutschland mit dem Zuzug so vieler Fremder überfordert sei.

Ein Zustand unsicherer Ruhe

Mittlerweile, so ist Barbara Solf-Leipolds Eindruck, ist im Ort eine unsichere Ruhe eingekehrt. Es gibt viele Beobachter, die sofort reagieren, wenn in der Gemeinschaftsunterkunft etwas nicht reibungslos läuft. „Aber letztlich ist die Sache so: Die Geflüchteten sind nun mal da und die, die sich um sie bemühen, sehen es als Gewinn“, sagt die Sozialwissenschaftlerin. „Mit der Zeit sind wunderbare Freundschaften entstanden.“ Und der Verein hat eine Menge auf die Beine gestellt: Alphabetisierungskurse, Familienpatenschaften, eine Fahrradwerkstatt, Hausaufgabenbetreuung und vieles mehr. Ein Engagement, das öffentlich Beachtung findet.

Zahlreiche Auszeichnungen für die Helfer

Mehrere Auszeichnungen gingen an den Verein. Vor zwei Jahren reihte sich Barbara Solf-Leipold in die Gewinnerinnen des Ellen-Ammann-Preises ein. Er wird vom Frauenbund in Bayern an Einzelpersönlichkeiten vergeben, die es geschafft haben, mit ihrem Engagement Grenzen zu überschreiten. „Integration kann gelingen“, sagt die Sozialwissenschaftlerin. „Aber wir müssen sie wollen.“

Findet ihr keinen Job für diesen Flüchtling?

Manchmal scheinen die Hindernisse riesengroß. „Wir werden oft konfrontiertmit der Frage, ja, findet ihr den keinen Job für diesen Flüchtling?“, sagt Solf-Leipold. „Dann fängt man an zu erklären: Ja, theoretisch schon, aber mit dem Duldungsstatus ist es fraglich, ob wir überhaupt eine Arbeitserlaubnis bekommen. Und dann muss man prüfen, ob es nicht einen anderen deutschen oder europäischen Arbeitnehmer gibt, der bevorzugt eingestellt werden muss. Und dann ist die Frage der Mobilität. Kommt der Betroffene morgens rechtzeitig an seine Arbeitsstelle? Und dann braucht man einen Arbeitgeber, der bereit ist, sich mit den ganzen behördlichen Anforderungen auseinanderzusetzen. Arbeitserlaubnisse sind oft auf ein halbes Jahr oder ein Jahr befristet. Da fragt sich ein Arbeitgeber, ob das die Mühe wert ist.

So eine Arbeitserlaubnis braucht lange, die Unterlagen liegen auf den Schreibtischen der Ämter, bis überhaupt eine Rückmeldung kommt. Der Arbeitgeber muss aber offene Stellen in der Regel schnell besetzen.“ Mit den Deutschkursen ist es dasselbe. Natürlich müssten die Flüchtlinge sofort Deutsch lernen. Aber es ist nicht jeder berechtigt, an so einem Kurs teilzunehmen. Manche sind verpflichtet, andere dürfen nicht. Und schon das ist für die ehrenamtlichen Helfer schwer zu durchblicken. „Wir brauchen immer eine Asylsozialberaterin, die wir im Einzelfall hinzuziehen können“, sagt Solf-Leipold. „Es ist alles von innen komplizierter, als es von außen ausschaut.“

Problematische Wohnungssuche

Dass ein anerkannter Asylant eine Wohnung findet, ist ohne einheimische Fürsprache geradezu ausgeschlossen. Deshalb müssen viele in der Gemeinschaftsunterkunft bleiben, die eigentlich auf dem freien Wohnungsmarkt unterkommen müssten. Im Amtsdeutsch gelten sie als „Fehlbeleger“. Für die Kommune ist das brisant: Kämen weiterhin viele Flüchtlinge nach, die in der Gemeinschaftsunterkunft einzögen, hieße das, die Fehlbeleger wären obdachlos und müssten von der Kommune untergebracht werden.

Deutschland begreift sich nicht als Einwanderungsland

Barbara Solf-Leipold hadert damit, dass Deutschland sich nicht als Einwanderungsland begreift. Das hieße, klare Regeln schaffen für mehr legale Wege nach Deutschland. So meint sie, könnte das Asylsystem entlastet werden. Anschaulich wird das an zwei Familien die beide vor viereinhalb Jahren in die Gemeinschaftsunterkunft eintrafen. Beide haben sich enorm bemüht, in Geisenhausen Fuß zu fassen. Die Mutter der einen Familie ist ausgebildete Psychologin, in der Gemeinschaftsunterkunft leitet sie eigenständig Frauengruppen. Die Kinder gehen zur Schule, singen im Chor, sind im Turnverein, sprechen akzentfreies Deutsch, haben viele deutsche Freunde. Nur: Sie kommen aus Georgien und haben damit keine Aussicht auf Asyl.

Anders die syrische Familie: Die Mutter ist dabei, eine Ausbildung zur Fachinformatikerin abzuschließen, der Vater hat es geschafft, dass seine Apothekerausbildung in Deutschland anerkannt wird. Er hat eine feste Stelle, der Asylantrag ist positiv entschieden, die Familie hat eine Wohnung gefunden. Die Kinder gehen zur Schule, spielen Trompete im Musikverein. Die Eltern engagieren sich im Verein – die Mutter ist inzwischen Kassiererin. „Sie geben durch ihr Engagement ganz viel zurück, was sie an Aufmerksamkeit erhalten haben“, sagt Barbara Solf-Leipold.

Auch die georgische Familie wäre ein Zugewinn für die deutsche Gesellschaft, betont sie. „Die Mutter ist als Psychologin eine Fachkraft, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt im sozialen Bereich vermutlich sehr produktiv werden könnte – mit eigenen Migrationserfahrungen. Bekäme die Mutter einen Job, von dem sie die Familie ernähren könnte, und eine Wohnung, wären sie vollständig in unserer Mitte angekommen.“ Doch eine reguläre Arbeitsstelle ist nicht in Aussicht, da der Asylantrag abgelehnt wurde, dennoch wollten die ehrenamtlichen Helfer in Geisenhausen nicht aufgeben. Sie haben eine Petition gestartet. Ob die Familie deren Ausgang abwarten kann, ist fraglich.

"Es gibt schöne Momente, aber auch bittere"

Barbara Solf-Leipold wünscht sich eine individuelle Prüfung des Einzelfalls, Sonderregelungen müssten möglich sein. „So naiv waren wir nicht zu denken, dass die georgische Familie durch das Asylverfahren kommt. Und trotzdem dauerte dasVerfahren viereinhalb Jahre, dabei ist es nicht einfach, so lange in einer Gemeinschaftsunterkunft zu leben. Aber die Familie hat nie aufgegeben, hat alle Erwartungen erfüllt.“

Trotz aller Ernüchterung machen die Ehrenamtlichen weiter. „Es gibt schöne Momente, aber auch bittere. Und das gut zu begleiten, die Distanz zu bewahren und trotzdem Mut zu schöpfen für viele andere Familien, die aus Krisenregionen kommen und noch belasteter sind, ist keine leichte Aufgabe.“ Andere, die weniger Fähigkeiten mitbringen, sich mit dem Deutschlernen schwertun, brauchen ebenso Hilfe.Die Fragen Wer darf bleiben? Wer wird geduldet? Wer muss das Land wieder verlassen? werden nicht vor Ort beantwortet, sondern fernab bei den Behörden. Aber viele der Einwohner hätten erkannt: Die Probleme der Welt gehen auch Geisenhausen an.

Autorin: Eva-Maria Gras

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