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Hoffnung für die ganze Welt

"Die Kirche muss ihre Selbstzentrierung überwinden": Rainer Bucher, Theologieprofessor in Graz. (Foto: privat)

Ein Interview mit Rainer Bucher

Der Professor für Pastoraltheologie an der Universität Graz, Rainer Bucher, tritt für eine Umkehr in der Seelsorge ein: weg von einer Kirche, die um sich selbst kreist, hin zur Zuwendung zum heutigen Menschen in seiner Lebenswirklichkeit.

 

KDFB Engagiert: Die Mehrzahl der Katholiken und Katholikinnen glaubt nicht mehr, was die Kirche predigt, geht sonntags nicht zum Gottesdienst und nützt die Kirche, wenn überhaupt, nur noch zu Anlässen wie Taufe, Trauung, Beerdigung. Wenn sich die Kirche nach diesen Gelegenheitschristen ausrichten soll, gehen dabei nicht Kernwahrheiten des Glaubens verloren?

Bucher: Nein, diese Angst habe ich nicht. Es geht vielmehr darum, die zentralen Wahrheiten des Glaubens immer wieder neu zu entdecken. Die Botschaft Jesu hat zwei Seiten: Jesus betont immer wieder die Sündhaftigkeit und Erlösungsbedürftigkeit aller, gerade auch der „Frommen“. Gleichzeitig sagt er aber auch: Wer Erlösung, Befreiung erbittet, der wird sie durch Gottes Liebe bekommen. Kurz: Gott liebt die Sünder. Nicht sein Glaube an Gott macht einen Menschen zu einem geliebten Kind Gottes, sondern Gott macht ihn dazu. Das heißt: Niemand muss an Gott glauben. Der Glaube ist nicht die Bedingung von Gottes Liebe, sondern das Bekenntnis zu ihr. Papst Franziskus hat einmal gesagt: „Wir müssen uns an die Botschaft der Bibel halten: Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes, ob er nun gläubig ist oder nicht.“ Gerade das ist der Kern des christlichen Glaubens.

KDFB Engagiert: Wo besteht aus Ihrer Sicht der größte Handlungsbedarf?

Bucher: Man muss die kirchliche Selbstzentrierung überwinden! Die Kirche hatte sich seit der frühen Neuzeit zunehmend in sich selbst eingerichtet und alle ausgegrenzt, die anders waren, als sie das für richtig hielt. Das Zweite Vatikanische Konzil drehte das um und sagte: Die verfasste Kirche ist das Sakrament der Liebe Gottes zu allen Menschen. Sie ist nicht die Grenze der Liebe Gottes, sondern der Raum, wo diese bezeugt wird. Kirchliche Selbstzentrierung überwinden bedeutet konkret etwa, dass es nicht darum geht, ob eine Pfarrgemeinde lebendig wird, sondern darum, dass sie ein Segen für den Ort, den Raum ist, an dem sie ist. Der Papst nennt das die notwendige „pastorale Umkehr“, der Kirche. Da ist es noch ein wenig hin, denn die katholische Kirche hat den Kontakt zu bestimmten kulturellen Milieus unserer Gesellschaft weitgehend verloren. Es darf aber nicht sein, dass man erst so werden muss wie jene, die noch in der Kirche sind, um in ihr einen Platz zu finden.

KDFB Engagiert: Macht Sie der neue Stil von Papst Franziskus optimistisch, dass der Kirche dieser Weg gelingen könnte? 

Bucher: Ja, das macht mich – vorsichtig – optimistisch. Es kommt natürlich darauf an, ob der Papst sich durchsetzt und wie konsequent und klug er dabei vorgeht. Mit Franziskus hat das Zweite Vatikanische Konzil den Vatikan endgültig erreicht. Nach Jahrhunderten, in denen sich eine immer ein we­nig beleidigte Kirche vergeblich eine Menschheit zurechtpredigen wollte, die ihr passt, fragt jetzt dieser Papst: Wie muss eine Kirche sein, die diese Menschheit braucht? Franziskus setzt damit seine Kirche massiv und in neuer Weise unter Druck. Er tut dies, indem er eine spezifische Position einnimmt: die Stelle eines mächtigen Repräsentanten der Ohnmächtigen und Ausgeschlossenen. Dieser Papst ist darin eine Hoffnung für die ka­tholische Kirche, aber auch für die ganze Welt.

Interview: Susanne Zehetbauer
KDFB Engagiert 4/2015

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