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Heimat – so vertraut, so fremd

„Heimat? Das ist doch ein verbrannter Begriff!“ Immer wieder erlebt der Geographie-Professor Olaf Kühne, dass seine älteren Kollegen die Nase rümpfen, wenn er von seinem Forschungsgebiet berichtet. Heimat – das ist gerade für Ältere unlösbar eingefärbt durch die schwärzesten Kapitel deutscher Geschichte, Heimat ist missbraucht von der Blut-und-Boden-Propaganda der Nazis, ist durchtränkt von Misshandlung, Morden, von Auschwitz. Heimatgefühle? Für die Älteren ein Tabu.
„Jüngere gehen oft unbefangener mit dem Begriff um“, sagt Kühne, der an der Hochschule Weihenstephan bei München Regionalmanagement lehrt und im Saarland über Heimatgefühle geforscht hat. „Ich habe den Eindruck, dass sie sich mit dem Thema differenzierter und anders beschäftigen.“ Sicher auch deshalb, weil die jüngere Generation die Nazizeit und den Heimatkitsch der 50er-Jahre nur mehr aus den Geschichtsbüchern kennt, und heute auf ganz andere Weise mit den Fragen nach den eigenen Wurzeln konfrontiert ist.

Jüngere Menschen müssen Heimat häufig neu definieren

„Bei ihr ist es schon üblicher, öfter umzuziehen und vielleicht schon als Kind nicht kontinuierlich an einem Ort aufzuwachsen“, sagt Kühne. „Was für die Älteren noch ein selbstverständlicher Rahmen war, nämlich einen Ort, ein Dorf, eine Landschaft als Heimat zu begreifen, müssen die Jüngeren neu verhandeln.“
Für jüngere Menschen ist daher „Heimat“ vielfältiger und, so sagt Kühne, „primär sozial. Sie sagen: ‚Heimat, das sind Menschen, bei denen ich mich wohlfühle. Heimat ist dort, wo ich nicht in Rollen agieren muss, sondern wo ich ich sein darf.‘“ Dabei entstehen auch auf den ersten Blick erstaunliche Phänomene: „Wer Heimat vorwiegend sozial definiert, für den können auch die sozialen Medien im Heimatverständnis einen Platz einnehmen. Dort wird mit Freunden kommuniziert, werden Neuigkeiten ausgetauscht, hält man Kontakt, auch wenn man räumlich getrennt ist. Dann kann auch Facebook ein Stück Heimat sein.“

Wohin gehöre ich in Zeiten großer Mobilität?


Hintergrund für diese neue Ausformung von Heimat ist der zunehmende Druck der globalisierten Welt. Die jüngere Generation spürt ihn naturgemäß stärker, sie ist unmittelbarer betroffen von den Forderungen nach immer mehr Flexibilität, nach immer mehr Mobilität. Wer aus beruflichen Gründen immer wieder aufbrechen muss, ist gezwungen, genauer darüber nachzudenken, wo er eigentlich hingehört. Heimatbewusstsein wird auf diese Weise zum Gegengewicht, zur Gegenbewegung. Studien bestätigen seit Jahren die wachsende Verbundenheit der Deutschen mit ihrer Stadt oder ihrem Dorf. „Die Bindungen ans Lokale und die Identifikation der Menschen mit ihrem Nahraum nehmen kontinuierlich zu“, beobachtet auch Kühne. Und Zukunftsforscher wie der Hamburger Matthias Horx sehen hier eine der großen Entwicklungslinien der Gegenwart: Eine Verschiebung der Werte, ein Verblassen des Nationalstaates zugunsten von zwei Ebenen: Europa und die Regionen.

Das Schwingen zwischen Abenteuer und sicherem Nest

Heimat zwischen unpolitischem Kitsch und Globalisierung: Auch wenn der Begriff immer wieder neu ausgeformt wurde und wird, steckt darin mehr als bloß Mode, Zeitgeist und politisches Kalkül. Heimat verweist auch auf ein zeitloses Merkmal, einen Grundrhythmus menschlichen Lebens: das Schwingen zwischen Aufbruch und Heimkehr, zwischen Herausforderung und Routine, zwischen Abenteuer und einem sicheren Nest. Das eine gibt es nicht ohne das andere, und jeder Mensch ist diesem Rhythmus ausgesetzt.
Aus tiefenpsychologischer Sicht ist die Sehnsucht nach Heimat eng mit frühen Erfahrungen aus der Kindheit verknüpft. Kleine Kinder erleben sich nicht als getrennt von ihrer Umwelt, sondern sie sind mit ihr verschmolzen, so wie ein Kind während der Schwangerschaft tatsächlich eins ist mit der Mutter. Die Geburt ist der erste Schritt in die Fremde: unumkehrbar hinaus aus der universellen Geborgenheit. Der Rhythmus aus Aufbruch und Heimkehr hat begonnen. Noch braucht das Baby umfassenden Schutz. Doch schon schnell wird es selbstständiger: Es lernt laufen, es lernt, sich vorübergehend zu trennen. Es begreift, dass es selbst und die Mutter unterschiedliche Wesen sind. Doch bei allem neu entstehendem Selbstbewusstsein wird es sich bei seinen Ausflügen in die Welt noch lange Zeit rückversichern, dass die Eltern da sind und dass es immer wieder unter ihren Fittichen Wärme und Schutz findet. Das Kind braucht ein Nest, um flügge zu werden.

Ein menschliches Grundbedürfnis: sich zugehörig fühlen


In diesem Pendeln aus Zugehörigkeit und Fremdheit spielt sich menschliche Entwicklung ab. Manche Psychologen glauben daher, dass das Heimatgefühl eng mit dem Erleben von bedingungsloser Geborgenheit und Vertrauen in der frühen Kindheit zu tun hat, verwoben mit sinnlichen Wahrnehmungen, mit Gesichtern und Berührungen, Klängen und Liedern, mit Orten, Landschaft, Sprache und Dialekt. Oder mit typischen Gerichten und ihrem Duft. Merkmale, die signalisieren: Hier gehöre ich hin, hier bin ich sicher, hier werde ich geliebt.
Sich zugehörig zu fühlen, ist ein menschliches Grundbedürfnis und ein zentraler Pfeiler des Heimatgefühls. Doch nicht allein: Heimat beruht auch auf der Empfindung, handlungsfähig zu sein, wie die Zwickauer Psychologieprofessorin Beate Mitzscherlich sagt, die über Beheimatungsprozesse forscht. „Eine Heimat, in der ich zwar sozial eingebunden bin, aber nichts verändern darf, wird sehr schnell als einengend und beschränkend empfunden.“ Mitzscherlich verweist außerdem auf eine dritte Dimension von Heimat, die sie spirituell nennt. Beheimatet sein heißt danach auch: „Es ist nicht nur nützlich, nicht nur praktisch, dass ich hier bin, sondern auch sinnvoll.“ Mitzscherlich: „Es bedeutet, einen inneren Zusammenhang zwischen sich und den gewählten oder erfahrenen Orten, Menschen, Lebenssituationen zu schaffen. Es heißt, die Frage beantworten zu können, warum man jetzt gerade hier ist – und nicht irgendwo sonst auf der Welt.“ Wer die Heimat verlässt, ist daher nicht zur passiven Hoffnung verurteilt, dass sich am neuen Ort Heimatgefühle von allein entwickeln, sondern kann aktiv dazu beitragen. „Heimat ist etwas, was ich mache“, sagt Mitzscherlich. „Es gibt die Möglichkeit, sich immer wieder neu mit Menschen und Gemeinschaften zu verbinden.“ Heimat sei, so die Psychologin, zwar nichts „Sicheres, aber etwas Erreichbares“. Auch in der Fremde.   

Susanne Zehetbauer

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 5/2014

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