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„Heimat hat man, wenn man zu den Konventionen der Heimat passt.

Manche Menschen haben ihr Leben lang dieselbe Heimat. Ich gehöre nicht dazu, ich passe nicht mehr in meine ursprüngliche Heimat.“ Die 46-jährige IT-Spezialistin Sabine W. stammt aus dem Schwäbischen und lebt mit ihren Söhnen im Ruhrgebiet. Aufgewachsen ist sie in einer Familie, in der alle streng gläubig waren. Onkel, Tanten, Cousinen, die Eltern pietistisch-fromm, fundamentalistisch, konservativ. Jeans waren verpönt, Hosen für Mädchen sowieso. Lachen auch. Arbeit und Leistung, Bibelstudium und Gebet waren die Fundamente. Glück dagegen war keines: Ein Pietist hat zu tragen, was Gott ihm aufgibt, und das Leben auf Erden ist eine Last.
Vor vier Jahren starb Sabine W.s Vater, zur gleichen Zeit trennte sie sich von ihrem Mann. Für ihre fromme Mutter geriet die Welt aus den Fugen. Eine Scheidung? Undenkbar. „Meine Mutter hat die Probleme mit meinem Ex durchaus gesehen und oft den Kopf über ihn geschüttelt. Aber das war eben mein Päckchen, das ich zu tragen hatte“, erinnert sich Sabine W. „Meine Mutter denkt: Wenn es gut läuft in einer Beziehung, dann ist das Gottes Gnade, wenn nicht, ist es Gottes Prüfung.“

„Ich passe da nicht mehr hin“

Unvorstellbar, dass die Tochter nicht so dachte, nach langen Jahren nicht mehr bereit war, zu tragen und Gottes Prüfung zu akzeptieren. Hatte sie doch einen so guten Mann, der Geld nach Hause brachte, der nicht trank und ihr sogar erlaubte, berufstätig zu sein! Dass er unfähig war, sich zuzuwenden, dass er kalt war und mehr Interesse an seinen Hobbys hatte als an seiner Familie – egal. Dass die Tochter immer bitterer wurde, verhärtet, immer unglücklicher – nun, Gottes Prüfung. Der Grundfehler aber, der läge bei ihr selbst, bei der Mutter: Falsch sei es gewesen, dass sie die Tochter überhaupt zur Welt gebracht hätte, zu alt schon sei sie damals gewesen, 39 Jahre, weswegen die Tochter wahrscheinlich einen Gendefekt habe, der sich in ihrer Trennung zeigte.
Als die Mutter das aussprach, zerbrach etwas. „Es hat mich tief verletzt. Andere könnten vielleicht sagen: ‚Das ist das Gerede einer alten Frau.’ Ich konnte das nicht“, sagt Sabine W. „Mir war in dem Augenblick klar: Ich passe da nicht mehr hin. Heimat hat man offenbar dann, wenn man zu den Konventionen der Heimat passt. Sonst nicht.“ Dass sich auch zwei ihrer Schwestern zunächst sehr distanziert verhielten, tat sein Übriges. Noch heute treffen sie bedauernde Blicke aus dem familiären Umfeld, wenn sie gelegentlich dort ist: „Ich bin das gefallene Mädchen, für das man beten muss. Und beten muss man noch mehr für meine arme Mutter, die all das aushalten muss.“

Kirche kann Heimat schenken

Heimat ist seither anders und doch verknüpft mit der Vergangenheit: „Religiöse Zugehörigkeit ist für mich wesentlich: Das ist meins und das bin ich. Wenn ich nichts mit mir anzufangen weiß, gehe ich in die Abendmesse der katholischen Kirche. Die Religionszugehörigkeit ist wie ein Laternenhalter. Sie gibt mir Licht.“
Dabei ist es nicht nur der Glaube selbst, sagt sie, der ihr Geborgenheit gibt. Es ist die Kirche als Institution. Sie ist darum eine leidenschaftliche Anwältin kirchlicher Strukturen: „Ich finde, dass es diese Strukturen und eine gewisse Bürokratie braucht, um die Lehre zu sichern und um religiösen Fundamentalismus nicht ins Kraut schießen zu lassen. Nichts ist schlimmer als der Selfmade-Protestantismus der Freikirchen. Wenn ich also so was wie eine Heimat habe, dann ist das die Kirche und zwar wirklich als Institution. Das ist die Heimat meiner Seele, trotz aller Mängel und gravierender Probleme. Eine Heimat, die es überall gibt, denn Kirche gibt es überall. Allerdings lässt es an Frömmigkeit bei mir zu wünschen übrig. Ich organisiere lieber. Und ich spiele Orgel. Mein Glaube lebt sich in der Musik aus. Das ist keine Heimat, die auf einen Ort bezogen ist.“

Aufgenommen in die Kirchengemeinde

 Auch bei ihrem jetzigen Lebensgefährten, der in Nordbayern lebt, spielt sie ab und zu in einer der Nachbargemeinden Orgel: „Das ist eine Gemeinde, die mich sehr freundlich und dankbar aufgenommen hat – okay, ich spiele ganz gut, und die waren wirklich nicht verwöhnt. Und auch da spüre ich dieses Gefühl der ‚Kirchenheimat’.“  
Manchmal spielt Sabine W. stundenlang Choräle oder improvisiert. Gerne auch in der Kirche, obwohl sie eine Orgel zu Hause stehen hat.  „Aber das Üben in der Kirche versetzt mich in einen geradezu spirituellen Zustand. Ich bin nach einiger Zeit völlig weltentrückt, alles ist raus aus dem Kopf, und ich habe nur noch die Musik. Da vergeht die Zeit, und manchmal spiele ich drei bis vier Stunden am Stück, bin dann völlig steif in den Gliedern von der Kälte im Winter, die ich aber auch irgendwann nicht mehr wahrnehme. Für mich stellt das eine religiöse Übung dar. Ob es eine ist, weiß ich nicht.“            

Susanne Zehetbauer

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