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Frauen in der Feuerwehr: Am Brandherd

Andrea Fürstberger (oben) ist Frauenbeauftragte des Landesfeuerwehrverbandes Bayern. Regina Lehnert ist Ortsbrandmeisterin und stellvertretende Brandabschnittsleiterin in der Region Hannover. Bilder: privat

Sie rücken aus und scheuen keinen Einsatz. Nicht nur weil die Feuerwehr mancherorts unterbesetzt ist, gewinnen Frauen bei den Freiwilligen Feuerwehren an Bedeutung.

Wenn der Piepser Alarm auslöst, funktioniert sie. Dann springt Andrea Fürstberger – je nach Tageszeit – vom Esstisch auf, wirft den Stift auf den Schreibtisch, schwingt sich aus dem Bett oder unterbricht abrupt einen Spieleabend mit ihrer Nichte. „Mein Kopf ist dann erst mal leer, ich agiere einfach und tue, was getan werden muss“, sagt sie. Und das ist: schnellstmöglich zum Feuerwehrhaus gelangen und sich einsatzbereit machen. Andrea Fürstberger aus Falkenberg im niederbayerischen Kreis Rottal-Inn ist Feuerwehrfrau, eine von 85.694 in Deutschland. 

Mit Atemschutzgerät ausrücken

Wenn die 42-Jährige im Feuerwehrhaus ankommt, muss sie sich orientieren, welche Art von Einsatz wartet. „Werden wir zu einem Brand gerufen, dann muss ich mich entsprechend ausrüsten, da ich Atemschutzgeräteträgerin bin.“ Rückt die Feuerwehr zu einem Unfall aus, was wegen der nahen Bundesstraße häufig vorkommt, dann beginnt der Kopf zu ticken. „Der Gedanke, hoffentlich ist es niemand, den ich kenne, begleitet mich dann auf dem Weg“, sagt sie. Auch nach mehr als zwei Jahrzehnten im Dienst der Freiwilligen Feuerwehr (FFW). 

Als die Bauleiterin in Teilzeit vor 23 Jahren beschloss, dass sie gerne aktiv bei der Feuerwehr Dienst leisten möchte, war sie die Erste im Gemeindebereich. Unterstützt hatte sie die FFW schon immer, aber bis dahin als Schwester und Tochter von zwei Feuerwehrmännern bei klassisch weiblichen Aufgaben. „Ich habe oft bei Festen geholfen, bedient oder Käsebrötchen belegt.“ Irgendwann war ihr das zu wenig. Sie erinnert sich noch gut an den erschrockenen Blick des Kommandanten, als sie ihn fragte, ob sie Mitglied werden könne. „Darüber müssen wir erst im Vorstand abstimmen“, ließ er sie wissen, denn damals war es gesetzlich noch nicht verankert, dass Frauen einfach Mitglied werden konnten. Der Vorstand stimmte zu, und Andrea Fürstberger wurde die erste Frau in der Aktiventruppe der FFW Falkenberg. Und hängte sich entsprechend rein, damit nur ja keiner sagen konnte, sie würde keine volle Leistung bringen. „Beäugt wird man am Anfang natürlich schon“, ist ihre Erfahrung, „andererseits wird auf dem Land auch jeder neue Mann beäugt.“ Das Argument, dass manche Arbeiten für Frauen körperlich zu schwer sind, lässt sie nicht gelten. „Ich muss eine Tragkraftspritze nicht alleine schleppen. Viele Geräte sind so ausgelegt, dass man sie zu viert tragen kann.“ 

Wer die Familienkutsche fährt, kann auch ein Löschfahrzeug steuern

Mittlerweile hat sie das Thema Frauen bei der Feuerwehr zu ihrem Anliegen gemacht. Seit vielen Jahren ist sie die Frauenbeauftragte in ihrem Kreis und seit diesem Jahr auch im Landesfeuerwehrverband Bayern, also auf Landesebene. Deshalb ist sie mitverantwortlich für die Kampagne, die der Verband vor einiger Zeit gestartet hat. „Frauen zur Feuerwehr“ heißt diese, und dabei werden echte Feuerwehrfrauen aus Bayern vorgestellt. „Wer Einkäufe schleppt, kann auch ein Rettungsgerät einsetzen“, „Wer mitten im Leben steht, wird auch mitten im Einsatz bestehen“, oder „Wer die Familienkutsche fährt, kann auch ein Löschfahrzeug steuern“ lauten die Slogans der Kampagnenplakate. Aber warum entdeckt die Feuerwehr die Frauen gerade neu? „Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass die Männer alle zur Wehr gehen“, begründet Andrea Fürstberger die Aktion. Vielerorts sind sie als Pendler tagsüber nicht greifbar, und die Feuerwehr ist so kaum handlungsfähig. „Frauen arbeiten häufiger wohnortnah oder in Teilzeit, das macht sie für die Feuerwehren noch interessanter“, sagt sie. Nicht nur die ganz jungen Frauen, sondern durchaus Familienfrauen bis Mitte, Ende vierzig habe man im Blick. 

Willkommenskultur bei der Feuerwehr

Bei vielen Freiwilligen Feuerwehren ist es mittlerweile selbstverständlich, dass die aktive Mannschaft aus Männern und Frauen besteht, aber nicht bei allen. „Die Frauen wissen meist sehr genau, wenn sie in ihrer Feuerwehr nicht willkommen sind“, sagt Andrea Fürstberger und wünscht sich, dass die Kampagne dazu beiträgt, eine ausgesprochene Willkommenskultur bei den Feuerwehren zu schaffen. Mittlerweile stellen Frauen bundesweit 8,7 Prozent der Einsatzkräfte. So manche kleinere Ortsfeuerwehr könnte erst durch das Engagement des weiblichen Teils der Bevölkerung überlebensfähig werden. Für Silvia Darmstädter vom Deutschen Feuerwehrverband gibt es noch andere gewichtige Gründe, auf die Frauen zu setzen: „Wer die Frauen ausklammert, spielt mit der Hälfte des Teams auf der Ersatzbank. Das kann sich keiner leisten“, sagt sie. „Die Freiwilligen Feuerwehren sollen die Gesellschaft repräsentieren. Deshalb ist es wichtig, dass für Frauen ebenso Platz ist wie für Männer, für Zugezogene und Pendler ebenso wie für Migranten.“

Der Kommandant hat zu den Frauen gehalten

Was es heißt, wenn es brennt und zu wenige Retter kommen, hat Frauenbundfrau Hannelore Lenz aus Neureut im Bayerischen Wald in den Achtzigerjahren erlebt. „Da brannte es in unserem Dorf, und die Männer waren außerhalb bei der Arbeit. Wir Frauen haben geholfen, wo wir konnten, aber natürlich ohne dass wir die entsprechende Ausbildung gehabt hätten.“ „Das passiert uns nicht noch mal“, schworen sich damals einige Frauen und ließen nicht locker: „Wir wollen die entsprechende Ausbildung, damit wir im Notfall gezielt helfen können. Wir wollen zur Feuerwehr.“ Im Bayerischen Wald war das vor über dreißig Jahren ein kühnes Vorhaben. „Es gab viel Aufregung, aber unser Kommandant hat fest zu uns gehalten und uns ermöglicht, dass wir aktiv werden.“ Oft ist Hannelore Lenz danach noch mit ausgerückt. Seit einiger Zeit ist die 67-Jährige nun schon im „Feuerwehr-Ruhestand“.  

Doch sie und ihre Mitstreiterinnen, von denen viele auch beim Frauenbund aktiv sind, haben den Weg für die Frauen bereitet. Viele junge Frauen sind danach selbstverständlich in den aktiven Dienst der Feuerwehr eingetreten – wie Veronika Schmid. „Ich bin mit dreizehn zur Jugendfeuerwehr, ebenso wie meine Schwester und meine Freundinnen. Mit 18 bin ich in die aktive Mannschaft übergetreten. Das war dann schon vollkommen selbstverständlich. Wir haben den Frauen, die das vor uns eingefordert haben, viel zu verdanken“, sagt sie. Als junge Mutter ist es für die 27-Jährige mittlerweile  schwieriger geworden, das Ehrenamt auszuüben. „Ich rücke seltener mit aus, seit ich ein Kind habe. Da mein Mann auch bei der Feuerwehr ist, halte ich meist zu Hause die Stellung.“ 

Vielerorts schwierig: die Kinderbetreuung während des Einsatzes

Ein Problem, mit dem viele Feuerwehrfrauen zu kämpfen haben. Wie im Ernstfall die Betreuung des Nachwuchses schnell organisieren? Mit den Schwierigkeiten und Möglichkeiten, die Feuerwehrfrauen haben, hat sich ein Forschungsprojekt (Projekt „Mädchen und Frauen bei der Feuerwehr. Entwicklung von Leitlinien für Modellprojekte zur Förderung der Integration von Mädchen und Frauen in der Feuerwehr“), getragen vom Deutschen Feuerwehrverband und unterstützt vom Bundesfrauenministerium, bereits 2005 zum ersten Mal beschäftigt. Helfen-Wollen, Interesse an Technik und die große Kameradschaft, das waren die starken Pluspunkte, die die befragten Frauen als Gründe nannten, sich für die Feuerwehr zu entscheiden. Auf der anderen Seite beklagten sie ihre „Unsichtbarkeit“ als Feuerwehrfrau in der Öffentlichkeit, den mitunter rauen Umgangston und die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Ehrenamt. 

Manche, wenn auch wenige Freiwillige Feuerwehren finden eine gemeinschaftliche Lösung für die Betreuung der Kinder. So wurde 2008 die Feuerwehr Porta Westfalica-Kleinenbremen ausgezeichnet, weil sie im Feuerwehrhaus während des Einsatzes eine Kinderbetreuung organisierte, sodass Mütter und Väter ausrücken können. Sogar Schlafplätze für die Kleinen werden dort vorgehalten, weil sich Notfälle nicht an Uhrzeiten halten. Meist sind Frauen aber darauf angewiesen, dass die Familie oder Nachbarn einspringen, wenn sie ausrücken.

"Ich wollte nie eine Extrawurst"

„Wenn eine Familie zu versorgen ist, fehlt den Frauen häufig die Zeit für die Feuerwehr“, ist die Erfahrung von Regina Lehnert aus Ahlten bei Hannover. Die 45-Jährige leistet im Jahr 500 Stunden ehrenamtlich: „Die Feuerwehr ist mein Leben“, bringt sie es auf den Punkt. Seit ihrem 18. Lebensjahr hilft sie beim Retten, Löschen, Bergen und Schützen. Seit zehn Jahren ist sie sogar Ortsbrandmeisterin, das norddeutsche Pendant zur Kommandantin. Den 51 Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr Ahlten, zu 80 Prozent Männer, steht sie seitdem vor. „Ich wollte nie eine Extrawurst und ich denke, wenn sich die Mädchen in der Jugendfeuerwehr ebenso verhalten, dann gibt es keine Probleme beim Übertritt in die aktive Mannschaft.“ In ihrer ersten Zeit als Ortsbrandmeisterin sei es noch etwas seltsam gewesen, denn plötzlich unterstanden ihr auch deutlich ältere Männer, die sie ausgebildet hatten. „Das war anfangs wohl für alle gewöhnungsbedürftig, gab sich aber nach einer Weile“, sagt sie heute selbstbewusst.

Weniger Zeit wird Regina Lehnert auch in Zukunft sicher nicht bei der Feuerwehr verbringen, dafür sorgt ihr neues Amt. Vor Kurzem wurde sie zur stellvertretenden Brandabschnittsleiterin in der Region Hannover gewählt. Dadurch ist sie für 1.100 Kameraden und 40 Feuerwehren zuständig. 

Noch selten: Frauen in Führungspositionen

Frauen in Führungspositionen haben in der Männerdomäne Feuerwehr noch Seltenheitswert. Doch die Frauenbeauftragte des Bayerischen Feuerwehrverbandes arbeitet daran, dass sich immer mehr Frauen trauen. Damit Frauen sich unter ihresgleichen ausprobieren können, organisiert Andrea Fürstberger spezielle Tage, bei denen Frauen den Motorsägekurs exklusiv absolvieren oder im dunklen Raum mit Atemschutzmaske testen können, ist das etwas für mich? „So gestärkt fällt es dann vielleicht leichter, zum Kommandanten zu gehen und zu sagen, ich interessiere mich für die Ausbildung zur Atemschutzgeräteträgerin“, ist Fürstbergers Hoffnung.

Mit mehr aktiven Frauen ändert sich Schritt für Schritt auch die öffentliche Wahrnehmung. Denn immer noch gilt: Wer mit seinen Kindern oder Enkeln eines der beliebten Bilderbücher von der Feuerwehr anschaut, wird die Feuerwehrfrau meist vergeblich suchen – ein Spiegel der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Deshalb hat der Landesfeuerwehrverband Bayern das Pixi-Buch „Meine Mama ist Feuerwehrfrau“ neu aufgelegt, um es an Kindergärten zu verteilen. Auch Andrea Fürstberger, selbst Mutter eines zehnjährigen Sohnes, hat in ihrem Landkreis die Kindergärten abgeklappert, Bücher verteilt und gezeigt, dass es auch Feuerwehrfrauen gibt. Auch bei Unternehmerinnentagen und anderen Veranstaltungen begegnet sie immer wieder staunenden Blicken. Deshalb arbeitet sie weiter an ihrem Ziel: „Dass es ganz selbstverständlich wird, dass Frauen bei der Feuerwehr sind.“

Autorin: Claudia Klement-Rückel
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 4/2016