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Frauen ein Gesicht geben

Reyshma ist Opfer eines versuchten Mitgiftmordes. Sie und andere Frauen und Kinder wurden vom Fotografen Christopher Thomas einfühlsam porträtiert. Der mit dem World Press Award ausgezeichnete Fotograf hat das Team von Reconstructing Women International bei einigen Einsätzen begleitet. FOTO: Foto: © christopher thomas, represented by ira stehmann fine art, münchen

Frauen leben gefährlich in Bangladesch. Mitgiftmorde und Säureanschläge geschehen jeden Tag. Wer überlebt, ist gezeichnet. Das Ärztinnenteam von Reconstructing Women International hilft mit plastischer Chirurgie und gibt den Frauen so ihr Gesicht zurück. Hier können Sie spenden      

 

Die beiden Frauen kommen verschleiert in das Behandlungszimmer. Den Moment, als die jüngere der beiden ­– fast noch ein Mädchen – das Tuch lüftet, wird Inge Haselsteiner nie vergessen. „Unser Ärztinnenteam ist wirklich einiges gewohnt, aber da waren wir alle sprachlos und schockiert.“ Rozina, so der Name des Mädchens, hatte praktisch kein Gesicht mehr. Wo Nase und Mund hätten sein sollen, war nur noch eine winzige Öffnung  – Säure hatte ihre Gesichtshaut zerfressen. „Ein klares Auge schaute uns angstvoll an. Ich frage mich heute noch, wie sie es geschafft hat zu überleben.“

 

Das Ziel: Frauen zu helfen, die keine Lobby haben

 

Die Anästhesistin und Allgemeinmedizinerin Inge Haselsteiner ist seit acht Jahren Teil von Reconstructing Women International. Zweimal im Jahr schaufelt sich die Ärztin Tage frei, packt ihre Koffer, stellt Ladungen von medizinischem Material zusammen und fliegt dann für zehn Tage zusammen mit einem etwa achtköpfigen Team aus plastischen Chirurginnen, Anästhesistinnen, einer OP-Schwester und einer Dolmetscherin Richtung Bangladesch. ­– Dort angekommen, sind die Chars ihr Ziel. Jene Überflutungsgebiete des Flusses Brahmaputra, die immer wieder auf Sand gebaute Inseln hervorbringen. Mehr als ein Zuhause auf Zeit in einfachen Holzhütten hält diese Region für die dort lebenden Menschen nicht bereit. Folglich gibt es kaum Infrastruktur und auch kein Krankenhaus, um die mittellose Bevölkerung zu versorgen. Die Lösung, um dennoch eine medizinische Versorgung anbieten zu können: Krankenhausschiffe.  

Reconstructing Women International arbeitet bei ihren Einsätzen mit ortsansässigen Organisationen zusammen, die für die Infrastruktur sorgen und auch eine Vorauswahl der Patientinnen treffen, die für eine Behandlung infrage kommen. So kann das medizinische Team direkt mit der Arbeit starten, wenn es angekommen ist. Im Fall von Bangladesch werden die Ärztinnen von der Organisation Friendship unterstützt, die sowohl im Gesundheitsbereich als auch im Bereich Bildung und Infrastruktur die Ärmsten der Armen versorgt. Auch die Krankenhausschiffe werden von der Partnerorganisation zur Verfügung gestellt.

 

Zu wenig Mitgift kann verheerende Konsequenzen haben

 

Immer wieder haben es die Ärztinnen mit Verletzungen und Vernarbungen zu tun, die sie in ihren Heimatländern so kaum sehen. Säureanschläge und Mitgiftmorde sind in Bangladesch und auch in Indien weit verbreitet. Obwohl Mitgiftzahlungen gesetzlich verboten sind, lebt die traditionelle Praxis weiter und die Mitgiftforderungen werden immer höher. Deshalb kommt die Geburt eines Mädchens für viele Familien immer noch einer Katastrophe gleich.  Es geht bei der Mitgift längst nicht mehr um eine Starthilfe für das junge Paar, sondern um einen Motorroller, einen Fernseher und andere Wertgegenstände. Die Familie der Braut arbeitet die Mitgift ab. Wenn sie nicht zahlen kann, hat das für die junge Frau nicht selten verheerende Konsequenzen. Sie lebt im Haushalt der Familie des Mannes und ist Misshandlungen und Schlägen ungeschützt ausgesetzt. Die schrecklichste und unvorstellbare Folge, die nicht wenige Frauen in Bangladesch und ebenso in Indien trifft, ist der Mitgiftmord. In Indien registrierte das Amt für Kriminalitätsstatistik 2012 offiziell 8233 wegen unerfüllter Mitgiftforderungen ermordete Frauen. Die Dunkelziffer dürfte weit darüber liegen.

 

Eine neue Frau wird auch als neue Einnahmequelle gesehen

 

Da die Frauen am offenen Feuer mit Kerosin kochen, werden sie von Mann oder Schwiegermutter in einem leicht brennbaren Sari ins Feuer gestoßen. Man hofft, die Frau so zu töten und den Weg für eine neue Schwiegertochter, die auch als neue Einnahmequelle gesehen wird, frei zu machen. Ein Unfall in der Küche, so lautet die offizielle Erklärung für das unfassbare Geschehen. Ein Menschenleben ist in diesen Gesellschaften wenig wert, wenn es einer Frau gehört. In der Familie des Ehemanns ist die Frau allen anderen Haushaltsmitgliedern untergeordnet.

Nicht alle Frauen sterben bei den Anschlägen. Manche überleben, vollkommen entstellt, und haben keinerlei Möglichkeit, medizinische Hilfe zu erhalten. Andere Frauen werden Opfer von Säureanschlägen, nicht selten nach vorausgegangenen Vergewaltigungen.

 

Im Aufwachraum liegen die Frauen zu dritt in einem Bett

 

Rozina konnte von den Ärztinnen operiert werden. „Es war für mich als Anästhesistin kein leichter Eingriff, weil mir keine Öffnung zur Verfügung stand, mit der ich arbeiten konnte. Man muss es sich zutrauen, unter diesen Bedingungen zu arbeiten, denn wir dürfen kein unvertretbares Risiko eingehen“, erklärt Inge Haselsteiner. Es sind einfachste Bedingungen, die die Medizinerinnen auf den Krankenhausschiffen vorfinden. Im Aufwachraum liegen die frisch operierten Frauen zu dritt in einem Bett. Zur Nachsorge ziehen sie in Holzbaracken am Strand.

Der Mund der jungen Frau konnte geöffnet werden, darin fanden die Ärztinnen kleine Blättchen, die sich die Frau in die winzige Öffnung gesteckt hatte und auf denen sie herumgekaut hatte. „Es war für uns alle sehr berührend, dass sie am Tag nach der OP den Mund öffnen und etwas essen konnte“, erinnert sich Inge Haselsteiner. Eigentlich bräuchte die Frau noch viele Folgeoperationen. Die Ärztinnen können nur hoffen, dass es ihren Patientinnen gelingt, bei einem der nächsten Einsätze wieder den Weg zu ihnen zu finden. „Sie sind ja vollkommen von der Hilfe anderer abhängig, sodass es nicht alle wieder bis zu uns schaffen.“ Auch Kinder werden immer wieder operiert, da es durch das Kochen über offenem Feuer zu vielen Brandunfällen kommt.

 

Das reine Ärztinnenteam kann das Vertrauen der Patientinnen leichter gewinnen

 

Gegründet wurde Reconstructing Women International 2007 von den beiden deutschen plastischen Chirurginnen Connie Neuhann-Lorenz und Marita Eisenmann-Klein. Als die Indien-Liebhaberin Connie Neuhann-Lorenz eines Tages von der Praxis der Mitgiftmorde hörte, keimte die Idee auf, ihr Können genau dort einzubringen,  wo es so verzweifelt benötigt wird. Inzwischen ist viel geschehen. Weltweit anerkannte plastische Chirurginnen gehören zum internationalen Netzwerk von Ärztinnen, die sich für die mittellose Bevölkerung engagieren. Darunter beispielsweise die Leiterinnen der Plastischen Chirurgie in Harvard oder in Toronto. Ihr gemeinsames Ziel: Frauen zu helfen, die keinerlei Lobby haben. Anpacken, statt wegschauen, Dass es sich um ein reines Frauenteam handelt, ist kein Zufall. So können die Ärztinnen das Vertrauen ihrer Patientinnen leichter gewinnen.

„Etwa fünfzig Frauen können wir operieren, wenn wir rund um die Uhr arbeiten bei unseren Einsätzen.“ Die Teams werden international zusammengestellt. „Wenn man einmal dabei war, lässt es einen nicht mehr los“, sagt Inge Haselsteiner. „Diese Arbeit zu machen, ist sehr belohnend. Wenn man erleben darf, wie eine Frau dank der Hilfe zum ersten Mal wieder sprechen kann, wie Kinder ihre vorher vernarbten Finger wieder bewegen können und wie dankbar die Menschen sind, dann ist das Lohn genug für unseren Einsatz. Diese Frauen behalten trotz ihres großen Leids immer ihre Würde. Sie erwarten nichts, sie sind vollkommen ruhig, jammern nicht über ihr Schicksal“, sagt die Anästhesistin. Die Einsätze der Hilfsorganisation werden durch Spenden finanziert, die Reisekosten übernehmen die Ärztinnen oft selbst. Neben  Bangladesch und Indien zählen auch afrikanische Länder und Pakistan zu den Einsatzgebieten. Dort haben viele Frauen ebenfalls keinen Zugang zu chirurgischer Hilfe.   

 

Die Opfer behalten ihre Würde trotz ihres Schicksals

 

Bei einem ihrer letzten Einsätze in Bangladesch gab es am Tag vor der Abreise plötzlich einen großen Aufruhr am Strand. Einige Männer zogen einen Karren herbei. Darauf lag eine wimmernde junge Frau auf dem Bauch, zugedeckt mit Bananenblättern. „Wir schauten vorsichtig nach. Sie hatte schwerste frische Verbrennungen. Man erzählte uns, dass sie gerade einen Sohn geboren hatte, doch dass dieser kurz nach der Geburt gestorben war. Ihr Mann war darüber so erzürnt, dass er sie ins Feuer gestoßen und einfach liegen gelassen hatte. Erst nach Tagen bekam sie Hilfe. Wir gaben ihr eine Infusion mit Antibiotikum und Schmerzmittel und versorgten ihre Wunden. Da wir sie aufgrund unserer Abreise nicht weiter behandeln konnten, sorgten wir für ihren Transport in ein Krankenhaus und zahlten für ihre weitere Versorgung.“

 

Medizinisches Personal vor Ort wird geschult

 

Es sind Geschichten, die sprachlos machen, die die Ärztinnen von ihren Einsätzen mitbringen. Hinter jeder steckt ein Menschenleben. Genau deshalb ist es so wichtig, dass sie ihre Arbeitskraft und ihr Können dort einsetzen, wo sonst keiner helfen würde. Die Organisation fördert auch die Hilfe zur Selbsthilfe. So wird die Ausbildung lokaler Ärzt*innen und Krankenschwestern unterstützt. Während der Corona-Krise hat Reconstructing Women International online Wege genutzt, um das medizinische Personal vor Ort zu unterstützen. Das geht aber nur in manchen Einsatzgebieten, beispielsweise auf dem afrikanischen Kontinent. Auf den Chars in Bangladesch gibt es einfach keine Ärzt*innen, die geschult werden könnten. Die einzige Chance, die Inge Haselsteiner sieht, damit sich für die Frauen etwas ändert, ist ihnen Bildung zukommen zu lassen, sodass sie sich etwas Unabhängigkeit erkämpfen können. Die Partnerorganisation Friendship versucht, die Frauen dabei zu unterstützen.

Der für diesen Oktober geplante Einsatz musste wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Doch wenn alles gut geht, werden Inge Haselsteiner und ihre Kolleginnen im kommenden Februar wieder ihre Koffer packen. Dann fängt für einige Frauen auf den Sandinseln ein neues Leben an.

 

aus: KDFB engagiert 10/2020
Autorin: Claudia Klement-Rückel

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