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Die Zukunft retten

Nachhaltige Forstwirtschaft heißt: Nur so viel Holz schlagen, dass künftige Generationen den Wald noch nutzen können.

Nachhaltig wirtschaften ist das Gebot der Stunde

Klimaforscher verbreiten Untergangsszenarien. Ist die Welt noch zu retten? Die „grüne“ Wirtschaft versucht, mit Ressourcen bewusster umzugehen. Nachhaltig wirtschaften ist das Gebot der Stunde. 

In seiner Enzyklika „Laudato si“ geißelt Papst Franziskus die menschliche Maßlosigkeit. Er prangert den Konsumrausch und die Umweltzerstörung an. „Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten“, stellt der Papst fest. Die Erde scheine sich in eine „un­ermessliche Mülldeponie“ zu verwandeln. „Wenn jemand die Erdenbewohner von außen beobachten würde, würde er sich über ein solches Verhalten wundern, das bisweilen selbstmörderisch erscheint.“

In der Enzyklika klagt der Papst nicht nur an, er gibt auch Leitlinien vor. Er fordert Entscheidungsträger weltweit auf, in Umweltfragen endlich glaubhaft zu handeln. Wirtschaft und Politik müssten sich in den „Dienst des Lebens“ stellen. Es gehe um einen neuen Dialog über die Art und Weise, „wie wir in Zukunft unseren Planeten gestalten“.

Nur so viel Holz schlagen, wie nachwächst

Einer, der sich über die Enzyklika vermutlich gefreut hätte, ist ein sächsischer Oberberghauptmann: Carl von Carlowitz lebte vor rund 300 Jahren und sorgte sich um die Zukunft der Wälder. Er erkannte, dass der übermäßige Holzbedarf, hervorgerufen durch die In­dustrialisierung in Sachsen, zu einer Vernichtung der Waldgebiete führte. Der weitsichtige Sachse überzeugte die Forstleute seiner Zeit, dass es besser sei, nur so viel Holz zu schlagen, wie in den Wäldern auch nachwachse. 

Carlowitz’ Veröffentlichung hatte eine riesige Wirkung auf die Forstwirtschaft. Und: Sie gilt als Geburtsstunde der wissenschaftlichen Nachhaltigkeit. Carlowitz hat viele Wissenschaftler inspiriert. Bis der Be­griff „Nachhaltigkeit“ aber erstmals in einem politischen Dokument auftauchte, vergingen mehrere Jahrhunderte. 1987 nahm ihn die norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland in einen Report auf. Die UN-Kommission, die sie leitete, definierte den Be­griff so: „Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die gewährleistet, dass künftige Generationen nicht schlechter gestellt sind, ihre Bedürfnisse zu befriedigen als gegenwärtig lebende.“ In Carlowitzsches Denken übersetzt: Auch künftige Generationen sollen noch das Holz der sächsischen Wälder nutzen können. 

Mitarbeiter vor dem Burnout schützen

Wenn Iris Pufé aus München über Nachhaltigkeit spricht, hat sie weit mehr als den Wald im Sinn. Die 38-Jährige berät Unternehmen, unterrichtet Studenten und schreibt Fachbücher. Ihr Fachgebiet heißt nachhaltiges Unternehmensmanagement. Auch sie sorgt sich um den richtigen Um­gang mit Ressourcen: „Unternehmen arbeiten mit Ressourcen materieller Natur, also mit Holz, Stahl, Wasser, Kohle, Öl, genauso wie mit Ressourcen immaterieller Natur, also mit Personal, Ideen, Innovationen.“ In beiden Fällen seien die Ressourcen endlich. „Wir wissen, dass die Ölreserven der Erde nur noch bis etwa Mitte dieses Jahrhunderts reichen werden. Und wir wissen, dass die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern begrenzt ist, denken Sie nur an das Stichwort Burnout.“ 

Künftige Firmenchefs kommen deshalb an einem Nachhaltigkeitsmanagement nicht vorbei. „Sie müssen die Ressourcen ökonomisch einsetzen und damit verantwortungsvoll und gerecht wirtschaften“, ist die promovierte Umweltpolitologin überzeugt. Nachhaltigkeit im modernen Sinn vereine drei Dimensionen: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Bei ihren Entscheidungen müssen Unternehmen also nicht nur ökonomische, sondern auch soziale und ökologische Belange gleichermaßen berücksichtigen. Und sie müssen damit zur Erhaltung der Umwelt und zur Sicherung der Lebensverhältnisse heutiger und zukünftiger Generationen beitragen. 

Um den Begriff Nachhaltigkeit zu veranschaulichen, stellt Iris Pufé ihre Studenten vor die Fragen: Welches Unternehmen ist besser für die Zukunft gerüstet? Eines, das um­weltschonend produziert, langfristig investiert, seinen Mitarbeitern sinnvolle Aufgaben bietet, in seiner Region auf hohe Akzeptanz stößt und sich schon heute auf eine strenge Umwelt- und Sozialgesetzgebung einstellt – auf nationaler wie auf globaler Ebene? Oder eines, das nur auf den Gewinn aus ist und all diese weiteren Aspekte nicht beachtet?

Verbraucher suchen zunehmend nachhaltige Produkte  

Wenn Iris Pufé Firmen berät, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen, macht sie ihnen zuerst klar, dass sie sich ernsthaft mit den Erwartungen auseinandersetzen müssen, die von verschiedenen Seiten an sie herangetragen werden: vom Staat, von den Mitarbeitern, von den Kunden. „Beispielsweise ist es wichtig, im Blick zu haben: Wenn die öffentliche Hand Aufträge vergibt, fließen heute Nachhaltigkeitskriterien in die Ausschreibung mit ein“, sagt Pufé. In Zeiten zunehmenden Fachkräftemangels kommt es auf die Reputation eines Un­ternehmens an, um künftig neues Personal gewinnen zu können: Wie familienfreundlich ist der Betrieb und wie fördert er seine Mitarbeiter? Und von Seiten der Konsumenten treffen die Unternehmen vielfältige An­sprüche: Verbraucher fragen kritisch nach, was in den Produkten drinsteckt, die sie kaufen. Sie wollen beispielsweise genaue Angaben über Inhaltsstoffe, die Allergien auslösen. „Bislang kauft nur vier Prozent der Bevölkerung konsequent Bio-Produkte ein, Aber man prognostiziert ein stetiges Wachstum“, gibt Pufé zu bedenken. Auch auf diesen Trend müssten sich Unternehmen einstellen. 

Mittelständische Betriebe sind einfach wendiger

Kleine und mittelständische Betriebe, so ist Pufés Beobachtung, tun sich oft leichter, ein nachhaltiges Management durchzusetzen. „Sie sind wendiger, können Innovationen leichter durchsetzen, sie müssen nicht dem Diktat der Börse folgen. Und es handelt sich oft um Familienunternehmen, die langfristiger denken.“ Von solchen Firmen können ihre Studenten lernen, meint Pufé. „Es reicht nicht, sich an Quartalszielen zu orientieren. Es gilt die Regel, dass verantwortungsvolle Manager sich im Vorfeld überlegen, wie sich eine unternehmerische Entscheidung auf künftige Generationen auswirken wird.“ Unternehmen, die es ernst meinen in puncto Nachhaltigkeitsmanagement scheuen sich auch nicht, Transparenz herzustellen, ist Pufé überzeugt. „Solche Firmen legen nicht nur einen Geschäftsbericht, sondern auch einen Nachhaltigkeitsbericht vor.“ Dieser legt dar, welche Fortschritte mit einer vorher definierten Nachhaltigkeitsstrategie erzielt wurden. Zum Beispiel: Welche Innovationen hat die Firma auf den Weg gebracht? Welche Maßstäbe legt sie an ihre Zulieferer an? Wurden Fortschritte in puncto Familienfreundlichkeit erreicht?

Pioniere in Sachen Nachhaltigkeit kennt Pufé zuhauf: Sie kommen aus allen Branchen. Da ist beispielsweise der Reinigungsmittel-Produzent, der biologisch abbaubare Substanzen verwendet. Die Sportartikelhersteller, die recycelte Polyesterfasern einsetzen, die Textilfirma, die kompostierbare T-Shirts herstellt. Doch werden diese Anstrengungen reichen, um die Welt zu retten, damit sie keine Müllhalde wird? „Ich bin sehr skeptisch, was die Unternehmen angeht“, räumt Iris Pufé ein. „Ich denke, sie wandeln sich nicht schnell genug.“ 

Kann eine „grüne Wirtschaft" die Welt retten?

Ob eine „grüne“ Wirtschaft die Welt retten kann – an dieser Frage beißen sich Wissenschaftler international die Zähne aus. Der bekannte Klimaforscher Joachim Schellnhuber aus Ortenburg bei Passau hat in einem neuen Buch dargelegt, für wie gefährlich er den Raubbau an den Ressourcen der Welt hält und wie dringend ein Kurswechsel zur globalen Nachhaltigkeit ist. 

In seinem Buch „Selbstverbrennung“ verrät Schellnhuber auch, dass er ein kleines privates Experiment am Laufen hat: Jedes Mal, wenn er einen Vortrag vor einem Publikum hält, stellt er drei Fragen. Die Erste lautet: „Glauben Sie, dass es Ihnen heute besser geht als damals Ihren Großeltern?“. Die Reaktion, die er bei seinem Publikum hervorruft, ist immer dieselbe: Eine überwältigende Mehrheit im Auditorium reckt nach kurzem Zö­gern den Arm hoch. Daraufhin stellt Schellnhuber die zweite Frage: „Glauben Sie, dass es Ihren Enkeln einmal besser gehen wird als Ihnen heute?“. Immer bleiben dann im Publikum fast alle Hände unten. Die wenigen, die den Arm oben haben, schauen sich verschämt oder trotzig im Saal um. Auf seine dritte Frage „Finden Sie das in Ordnung?“ nimmt Schellnhuber im Publikum gewöhnlich keinerlei Armbewegung wahr, vereinzelt hört er verlegenes Lachen. 

„Das Bemerkenswerte dabei ist, dass mein Sozialversuch stets zum gleichen Resultat führt“, schreibt Schellnhuber, „ganz gleich ob das Experiment mit Bankern, Politikern oder Lehrern durchgeführt wird, und ganz gleich, ob der Schauplatz Berlin, San Francisco oder Neu-Delhi heißt.“ Das zeige, so der Forscher, dass zumindest diejenigen, die mit offenen Augen durchs Leben gehen, wüssten, dass sich das Menschheitsprojekt in die falsche Richtung bewegt. „In arroganter Sturheit“, folgert er, „schreitet die technische Zivilisation weiter auf dem Weg ins Unglück, obgleich von diesem Weg zahlreiche Pfade zur Nachhaltigkeit abzweigen.“ Noch sei ein Abbiegen möglich, betont er. „Der stärkste Beweggrund dürfte der Wunsch sein, mit uns selbst ins Reine zu kommen.“ 

Autorin: Eva-Maria Gras
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 3/2016

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