KDFB

Die Sprache der „gefährlichen Bürger“ entlarven

Liane Bednarz, Juristin und Autorin

Interview mit Liane Bednarz

Liane Bednarz, Juristin und Autorin, beobachtet rechtsgerichtete politische Strömungen. In ihrem ge­meinsam mit Christoph Giesa veröffentlichten Buch „Gefährliche Bürger“ analysiert sie auch deren Sprache.

 

Wie reagiert man am besten auf Stammtischparolen?

Liane Bednarz: Menschen, die rechtspopulistisch argumentieren, sind Gegenargumenten oft nicht gut zugänglich. Sie zeigen, da sie sich im Besitz der „Wahrheit“ wähnen, starke Abwehrreflexe, sobald Kritik kommt. Der erste Schritt wäre also: intensiv, aber ruhig nachfragen. Wo hast du das her? Was ist die Quelle? Wo ist das passiert? Wann? Welche Statistik meinst du? Auf diese Weise kann man versuchen herauszufinden, wo der Kern ist – falls es einen gibt. Der zweite Schritt wäre, selbst Zahlen parat zu haben, zum Beispiel die Kriminalitätsstatistik in Bezug auf Flüchtlinge. 

Bei welchen Begriffen sollte man hellhörig sein?

Liane Bednarz: Angefangen hat es vor einigen Jahren. Da habe ich bemerkt, dass sich auch in meinem konservativ-katholischen Umfeld die Sprache zu verändern begann: Plötzlich war die Rede von „Mainstream-Medien“, von „Systempresse“, von „Politikerdarstellern“. Heute heißt es bereits „Lügenpresse“ beziehungsweise „Pinocchio-Presse“, und Politiker werden als „Volksverräter“ oder gar „Hochverräter“ tituliert. Diese rechte Sprache ist insgesamt entmenschlichend: Da wird von den Flüchtlingen gesprochen wie von bedrohlichen Naturkatastrophen, von „Flut“ oder „Lawine“. Eingeleitet wurde diese Art der Rhetorik vom ehemaligen SPD-Politiker Thilo Sarrazin, der in einem Interview 2009 sagte, es würden „ständig neue Bräute aus Anatolien nachgeliefert“ oder „Kopftuchmädchen produziert“, als ginge es um Waren, nicht um Menschen.

„Ausländer raus!“, ruft die Neue Rechte nicht, sie agiert viel subtiler. Man redet lieber von der Identität, die bedroht sei, oder vom Ethnosuizid oder dem Volkstod, dem Aussterben oder dem Selbstmord des deutschen Volkes. Oder es wird das Wort „Kultur“ verwendet, wo „Rasse“ gemeint ist. Das Konzept dahinter nennt sich Ethnopluralismus, dabei wird be­hauptet, man wolle die Kulturen schützen. Gemeint ist aber, wenn man genauer hinschaut, dass jedes Volk unter sich und „rassisch rein“ bleiben soll. Diese Begriffe kommen auch in den bürgerlichen Kreisen und im katholischen Milieu an, wohin die Rechte zielt, und sind dort salonfähig, ebenso wie die Behauptung die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung sei eine „humanitär kaschierte Selbstzerstörung Deutschlands“. 

Wie laufen typische Argumentationen ab?

Liane Bednarz: Ein durchgehendes Prinzip ist der Opfermythos: Man beklagt den Verlust der eigenen Werte, man beklagt, dass man in die rechtsextreme Ecke gestellt werde, wenn man seine Meinung frei äußere. Meinungsfreiheit gelte nicht, wir würden in einer Meinungsdiktatur leben. Insgesamt inszeniert man sich als weinerliches Opfer. Das ist zusammengenommen sehr erfolgreich: Menschen lassen sich leicht einreden, sie seien bedroht, und so zum Widerstand aufrufen – zum Widerstand gegen Flüchtlinge, zum Beispiel mittels Blockaden vor Flüchtlingsunterkünften oder auch zum politischen Widerstand zum Beispiel gegen die Bundeskanzlerin. 

 

Interview: Susanne Zehetbauer
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 1+2/2016

Zum Weiterlesen:
Liane Bednarz, Christoph Giesa: Gefährliche Bürger. Die neue Rechte greift nach der Mitte. Hanser, 17.90 Euro.

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