KDFB

Die Kunst, gelassen zu bleiben

Viele Wege führen zum Ziel 

 

Sie ist nicht leicht zu erlernen, die Kunst, gelassen zu bleiben. Verschiedene Zugänge sind möglich. So helfen spirituelle Impulse zur inneren Klarheit, ein Coach gibt praktische Tipps und wer dem Rat der Psychologie folgt, muss einen Blick ins Unterbewusste wagen. Wählen Sie Ihren Einstieg!

 

Wie würden Sie reagieren? Ihr Mann ist einkaufen gegangen. Alles bringt er mit, nur Ihre Lieblingswurst hat er vergessen. Wahrscheinlich würden Sie einen kleinen Ärger spüren, doch gleichzeitig erinnern Sie sich, wie Sie vor Kurzem etwas vergessen haben, worauf Ihr Mann dringend gewartet hatte. Die Erinnerung beruhigt Sie, und Sie können gelassen mit „Macht nichts“ reagieren.

Michael kann das nicht. Als seine Freundin Sabine seine Lieblingswurst vergisst, flippt er richtig aus und bekommt einen Wutanfall. Er verhält sich, als würde für ihn die ganze Welt zusammenbrechen, der Streit zwischen den beiden schaukelt sich auf. Und das nicht zum ersten Mal. Denn auch Sabine reagiert wie immer auf Michaels Kritik: mit Wut.

Wenn das Unterbewusste aufblitzt

Was passiert da? Die Psychotherapeutin Stefanie Stahl weiß, wie kleine Auslöser, sogenannte Trigger, es schaffen, Menschen völlig aus der Ruhe zu bringen. Dabei spielt das Unterbewusste die entscheidende Rolle. Und die Tatsache, dass viele Menschen nicht bereit sind, mit ihrem Unterbewussten Bekanntschaft und Freundschaft zu schließen. Deshalb wird es ihnen immer wieder passieren, dass sie bei ganz harmlosen Anlässen völlig überzogen reagieren. „Das Unterbewusstsein bestimmt unsere Wahrnehmung“, so Stefanie Stahl. Das heißt: „Wir reagieren nicht auf die Ereignisse da draußen, sondern auf unsere Interpretation der Ereignisse.“ Bei Michael ging es nicht um die Wurst, sondern um seine innere, zum Teil unbewusste Interpretation des Vorfalles. Und die lautet: „Sabine nimmt mich und meine Wünsche nicht wichtig.“ 

Es sind ganz einfache Sätze, sogenannte innere Glaubenssätze, mit denen das Unterbewusstsein arbeitet. Sie können lau­ten: Ich muss immer lieb und artig sein, ich muss funktionieren, ich muss mich anpassen. Oder: Ich darf. Oder: Ich darf nicht. Ich darf mich nicht wehren, ich darf meine Gefühle nicht zeigen. Ich bin nicht wichtig, ich bin nicht genug. „Das sind die ganz typischen Formulierungen: Ich muss, ich darf oder ich bin, mit denen das Unbewusste agiert“, sagt Stefanie Stahl. Und: „Es ist die Schaltzentrale unserer Wahrnehmung.“ 

Das „innere Kind"

In Fachkreisen wird dieser Anteil der Psyche als das „in­nere Kind“ bezeichnet. Darunter sind die Kindheitsprägungen zu verstehen, durch die jeder die Welt draußen betrachtet. Denn bei den Eltern lernen Kinder, was sie von sich selbst zu halten haben. Das Selbstwertgefühl entsteht und das Wissen darum, was zu tun ist, um geliebt zu werden. Die Hirnforschung hat inzwischen erkannt, dass die ersten Jahre deshalb so prägend sind, weil sich in diesem Zeitraum die Hirnstruktur ausprägt und entwickelt. Und weil die ersten Lebenserfahrungen noch vor den sprachlichen Erfahrungen liegen, prägen sie sich ganz tief in gehirngeschichtlich alte Strukturen und ins Körpergedächtnis ein. Stefanie Stahl: „Das sind ganz tiefe Erfahrungen wie: Ich bin willkommen auf dieser Welt, oder ich bin eben nicht willkommen. Ich bin angenommen, ich falle zur Last. Und es sind diese Erfahrungen, die sich in Glaubenssätzen manifestieren.“ 

Da diese Glaubenssätze unbewusst sind, ist es Michael zum Beispiel nicht klar, dass er Sabines Vergesslichkeit im tiefsten Inneren mit seiner Mutter assoziiert. In ihrem Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ beschreibt Stefanie Stahl Michaels Kindheit genauer. „Michael hat noch zwei jüngere Geschwister, und seine Eltern betrieben gemeinsam eine Bäckerei. Seine Mutter war schlichtweg zu gestresst und überfordert, um jedem Kind die Aufmerksamkeit und Beachtung zu schenken, die es benötigt hätte. Sein Vater konnte dieses mütterliche Defizit auch nicht ausgleichen, er arbeitete ständig.“ So lebt Michael mit dem ihm unbewussten Glaubenssatz „Ich bin nicht wichtig“. Erst wenn er sich diesen Satz bewusst machen würde, könnte er der Wutreaktion auf die Spur kommen, die die negative Kindheitsprägung in ihm auslöst. Stefanie Stahl bezeichnet die negativen Erfahrungen der frühen Kindheit auch als das „innere Schattenkind“. 

Wut als Schutz vor ungeliebten Gefühlen 

Stefanie Stahl: „Wenn Michael sich klarmacht, ach ja Mensch, mit der Mama damals, die war immer so überfordert, dass ich oft das Gefühl hatte, ich komme zu kurz. Und wenn er dann mit seinem Schattenkind spricht: ,Du armes Kind, aber schau mal, dass ist doch jetzt die Sabine, das ist doch nicht die Mama. Die Sabine darf auch mal was vergessen, wie ich ja auch.‘ Wenn er so mit seinem Schattenkind spricht, dann kann er sich selbst regulieren und beruhigen“, ist die Psychologin überzeugt. Michael kann sich klarmachen, dass es sein Trigger ist, von jemandem nicht voll be­rücksichtigt zu werden, und sich so viel früher bei dem Gefühl „Ich bin nicht wichtig“ ertappen. So wird er nicht mehr so schnell in das Gekränktsein rutschen und unkontrollierbar wü­tend werden. Der eigentliche Grund für die überzogenen Re­aktionen sind nämlich nicht die Glaubenssätze selbst, sondern die Gefühle, die sie auslösen. Zum Beispiel Trauer, Angst oder Scham. Um diese negativen Gefühle nicht spüren zu müssen, entwickeln die Betroffenen vielfältige Schutzstrategien. Bei Michael ist es die Wutreaktion. Auch Sabines Schutzstrategie ist die Wut, obwohl ein anderer Trigger diese Reaktion bei ihr auslöst. Stefanie Stahl schreibt: „Sabine ihrerseits hatte Eltern, die sich zwar viel um sie ge­kümmert haben, die jedoch sehr hohe Leistungsideale verfolgten. Ihre Eltern setzten ihr sehr enge Grenzen in Bezug darauf, was richtig und was falsch ist. Sabine hatte oft das Gefühl, es ihren Eltern nicht recht machen zu können.“ Wenn Sabine Michaels Wurst vergisst, bekommt sie nicht nur Kritik, sondern heftige Vorwürfe zu hören. Die Eskalation ist abzusehen.

Ist Gelassenheit eine Frucht des Alters?

Schutzstrategien spielen immer eine wichtige Rolle in den Begegnungen zwischen Menschen. Manche Entwicklungsphasen von Kindern fordern Reaktionen besonders heraus: Elisabeth B. erzählt von ihrer kleinen Enkelin: „Unlängst wäre mein Sohn Franz am liebsten im Boden versunken“, erinnert sich die 65-jährige Großmutter schmunzelnd. „Er war mit seiner zweieinhalbjährigen Tochter Hannah unterwegs. Dann kaufte er noch Pizza für zu Hause ein. Hannah wollte die Pizza aber gleich essen. Als Franz ihr nichts gab, sprang sie aus ihrem Buggy, warf sich zu Boden und wälzte sich schreiend hin und her. Gleich schauten die Leute, und als dann noch eine Polizeistreife langsam vorbeifuhr, wäre Franz am liebsten da­vongelaufen.“ Elisabeth B. erinnert sich gut an die Zeit, als ihr Sohn Franz drei Jahre alt war. „Ich habe mich völlig hilflos  gefühlt, als er sich im Laden brüllend auf den Boden schmiss und wild um sich strampelnd dalag.“ Und die Blicke und Bemerkungen der Umstehenden lösten nur noch mehr Stress aus. Heute, als Oma, reagiert sie anders. „Wenn ich mal eine Trotzreaktion meiner Enkelkinder mitbekomme, dann freue ich mich an der Willensstärke, die daraus spricht. Ich denke mir: Da brauche ich mir keine Sorgen machen, das Kind kommt durch im Leben.“

Hat Großmutter Elisabeth B. einfach nur dazugelernt? Ist es also das Lernen, dass sie heute die Gelassenheit bewahren kann? Stefanie Stahl meint ja und nein. Denn gewusst hat Großmutter Elisabeth B. das mit der Trotzphase schon bei ihren Kindern, und auch ihr Sohn weiß es heute. Die Psychologin geht deshalb davon aus, dass die Gelassenheit der Großmutter vor allem daher rührt, dass sie nicht mehr das Gefühl hat, eine schlechte Mutter zu sein. Denn: „Manchmal erleben Mütter und Väter das Trotzverhalten ihres Kindes wie eine persönliche Kritik oder meinen, dass das Kind keinen Respekt vor ihnen hat.“ Stefanie Stahl erinnert sich an eine Mutter, die zu ihr kam, weil sie erkannt hatte: „Ich bin zu aggressiv mit meinem kleinen Kind. Ich brülle den Jungen an und habe mich da nicht im Griff.“ Als die Mutter mit der Therapeutin analysierte, was sie denn aggressiv macht, war es der Blick des zweijährigen Jungen. Und wieder war es wie bei Michaels Wurst nicht der Blick selbst, sondern die Interpretation des Blickes. Die Mutter glaubte, dass der Junge damit ausdrückt, er habe keinen Respekt vor ihr. Der Blick triggerte ihren Glaubenssatz „Ich werde nicht respektiert.“ Um das nicht zu spüren, reagierte sie mit Aggression. Die Mutter konnte ihr Verhalten ändern, weil sie gelernt hat, dass sie auf ihren Trigger reagiert. 

Wer sich nicht wertvoll fühlt, versucht dies zu überdecken

Solange die negativen kindlichen Glaubenssätze, die sich tief eingegraben haben, im Unbewussten bleiben, richten sie viel Unheil an. Das innere Schattenkind wird verdrängt. Und es wird ganz viel unternommen, damit niemand dahinterkommt, wie wenig man eigentlich wert ist. Manche Schutzstrategien führen sogar dazu, dass sich Menschen völlig verausgaben und nie so etwas wie Gelassenheit spüren können. Dazu zählt Stefanie Stahl un­ter anderem die Schutzstrategie des Perfektionismusstrebens. Die Betroffenen wollen das tief verborgene Gefühl ihrer Wertlosigkeit mit etwas ausgleichen. Und sie fangen an sich anzustrengen, sind ständig am Rotieren. Sie versuchen alles richtig und perfekt zu ma­chen und tun unheimlich viel, nur um innerlich nicht zu spüren, dass sie ja eigentlich finden, sie würden nicht genügen. An die zwanzig Schutzstrategien listet Stefanie Stahl auf und erläutert die zugrundeliegenden Glaubenssätze. Dazu zählen unter anderem Verhaltensweisen wie das Helfersyndrom, Machtstreben, Kontrollstreben, Flucht, Sucht oder Schönheitswahn. Um aus diesen Verdrängungsmechanismen herauszukommen, müssen zuerst die zugrundeliegenden Glaubenssätze erkannt werden. Stefanie Stahl hat dafür eine einfache Methode entwickelt. Schwieriger ist es, das Schattenkind zu heilen und im Inneren aus negativen positive Glaubenssätze zu machen. 

Auf dem Weg zum Sonnenkind 

Wenn Michael beruhigend auf sein inneres Schattenkind einredet, ihm gütig erklärt, dass Sabine ja nicht seine Mutter ist, und vor sich selbst seine Verletztheit anerkennt, ist er auf einem guten Weg. Das innere Schattenkind kann sich wandeln. Stefanie Stahl nennt die positiven Anteile des Unterbewussten „Sonnenkind“. Wie sehr es sich lohnt, die unterbewussten Prägungen an­zuschauen, zu würdigen und zu wandeln, haben wissenschaftliche Untersuchungen belegt. Danach werden 80 bis 90 Prozent des menschlichen Erlebens und Handelns vom Unterbewusstsein gesteuert. Stefanie Stahl: „Alle Probleme, die wir haben, außer reine Schicksalsschläge, die muss man da wirklich ausnehmen, aber alle Probleme, die irgendwie mit uns selbst zu tun haben – das sind schon mal alle Beziehungsprobleme, auch Ängste, Depressionen und so weiter – lassen sich letztlich auf diese einfachen Programmierungen des Unterbewussten zurückführen. Wenn man seine wichtigsten Glaubenssätze gefunden hat, dann ist der Rest nur noch Thema und Variation. Das ist das Erstaunliche an diesem Ansatz.“ 

So wird die Kunst, gelassen zu leben, davon abhängig bleiben, dass man die mächtige psychische Instanz des Unterbewusstseins nicht zu verdrängen versucht.      

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 1+2/2016

In Verbindung stehende Artikel: