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Die Bibel neu gelesen: Das Paradies

Wie war das noch mal mit Adam, Eva und dem Apfel? Das weiß doch jeder! Irrtum! Es lohnt sich nachzuschauen, was die Bibel wirklich erzählt. Wissenschaftler sind der wahren Geschichte auf der Spur.

Im Anfang war ein Kampf. Tod gegen Leben. Gut gegen Böse. Ewigkeit gegen Vergänglichkeit. Erbittert kämpften der Unsterbliche und der Dämon, der Gott gegen den Teufel in Schlangengestalt, der den Baum des Lebens vergiftet hatte. Bis aufs Blut kämpften sie, die beiden Urgewalten, in ihrer entscheidenden Schlacht. Da gelang es der Schlange zuzubeißen, und sie fügte dem Mann damit die Schlimmste aller Wunden zu: Den Verlust seiner Unsterblichkeit. 

Gebrochen bleibt er zurück. Eine Sonnengöttin sieht ihn, hat Mitleid. Zu seinem Trost schickt sie ihm eine Frau, deren Name ist eines der ältesten semitischen Wörter: Eva, „die Leben Schenkende“. Mit ihr wird der nun Sterbliche Kinder haben, die Kinder haben werden, die Kinder haben werden. Mit ihr wird er eine andere Form der Unsterblichkeit erlangen. Der Name des Gottes ist Adam. Es ist die Geburtsstunde der Menschheit.

Die Urversion der biblischen Schöpfungserzählung

Diese Geschichte, so ähnlich und so anders als die biblische Paradieserzählung, ist ein Mythos aus Ugarit, einem kanaanäischen Stadtstaat, der während der Bronzezeit ein wichtiges Handels- und Kulturzentrum im Nordwesten des heutigen Syriens war. Erst kürzlich gelang es niederländischen Forschern, den Text, festgehalten auf Tontafeln in Keilschrift, zu entschlüsseln. Er ist geschätzte 800 Jahre älter als die biblische Erzählung und damit wohl ihre Urversion. 

„Es wird nun sehr schwierig, den Text im Buch Genesis buchstäblich zu lesen, wie es manche Christen tun“, erklärt dazu Marjo Korpel, Professorin für Altes Testament an der Universität Amsterdam, die gemeinsam mit ihrem Kollegen, dem Altorientalisten Johannes de Moor, von der Entdeckung berichtet, und zwar in dem auf Englisch erschienenen Buch „Adam, Eva und der Teufel: ein neuer Anfang“. 

Die Frage nach der Herkunft der Menschheit

Dass die biblische Paradiesgeschichte kein Augenzeugenbericht ist, weiß die Theologie längst. „Es ist eine mythische Erzählung, die versucht, die Welt, wie sie ist, zu egründen“, sagt Marie-Theres Wacker, Professorin für Altes Testament an der Universität Münster. „Sie spiegelt die verlorene Welt, aus der sich alles entwickelt hatte.“ Und befasst sich mit den Grundfragen der Menschheit, ihrer Herkunft, ihrem Schicksal, ihrem Wesen und auch ihren Brüchen.

Doch lange Zeit wurde der Text im Buch Genesis von der Kirche wortwörtlich verstanden. Aus ihm wurde die katholische Lehre entwickelt, alle Menschen stammten von Adam ab. Noch in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts seien Theologen vom kirchlichen Lehramt verurteilt worden, wenn sie es wagten, den Text anders zu deuten, sagt Wacker.

Mann und Frau: Wen schuf Gott zuerst?

Auf den ersten Blick scheint die Paradiesgeschichte davon zu erzählen, dass Gott zuerst den Mann erschuf. Weil die Frau als Zweite entstand, sei sie dem Mann untergeordnet, folgerte man daraus. Seit Jahrtausenden schon ist diese Ansicht Teil der christlichen Kultur, sitzt fest in den Köpfen, bestimmt im Unterbewussten das Selbstbild der Männer, der Frauen. Mit fatalen Auswirkungen für die Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft. So heißt es im Neuen Testament, im ersten Brief an Timotheus, der Paulus zugeschrieben wird: 

„Ich aber erlaube einer Frau nicht zu lehren, auch nicht über den Mann zu herrschen, sondern ich will, dass sie sich in der Stille halte, denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva...“ (1Tim 2,12–13).

Spricht der Text in Genesis zwei tatsächlich von dieser Reihenfolge? „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus der Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen“, heißt es dort. 

Die Alttestamentlerin Marie-Theres Wacker deutet die Bibelstelle so: „Das erste Menschenwesen ist weder Mann noch Frau. Es ist Adam, ein Erdling, ein Erdwesen. Wer Hebräisch kann, hört das Wort adamah, Erdboden, heraus.“ Und die Frau? „Sie ist am Anfang noch Teil des Menschenwesens. Es ist ein Doppelwesen, das beide Geschlechter enthält“, sagt Wacker. Denn der Adam der Bibel sei keine Einzelperson, schon gar nicht ein Mann. Vielmehr stehe Adam für die Menschheit, die Gott ins Leben ruft.

„Beide Geschlechter sind sich ebenbürtig“

Man weiß ja, wie die Geschichte weitergeht: Gott überlegt sich erst im Nachhinein, eine Frau zu erschaffen, um die Einsamkeit des Menschen zu lindern und ihm eine Hilfe zu schenken. Er baut sie aus einer von Adams Rippen. Marie-Theres Wacker erklärt: „Erst nachdem der Schöpfer die Frau aus dem Menschen heraustrennt, wird Adam zum Mann, der die Frau als sein Gegenüber erkennt. Beide Geschlechter entstehen demnach zur gleichen Zeit und sind sich ebenbürtig.“ Der Begriff „Hilfe“ heißt übrigens nicht etwa „Gehilfin“, wie Martin Luther übersetzt hat. Das hebräische Wort „ezer“ ist in der jüdischen Tradition eine der Gottesbezeichnungen. Es kommt zum Beispiel im Psalm 54 vor, wo es heißt: „Gott ist mein Helfer.“ 

Und das, was in deutscher Einheitsübersetzung der Bibel „Rippe“ heißt, bedeutet im Hebräischen auch „Flanke, Seite“. Die Vorstellung, die Frau wurde aus einer der beiden Seiten Adams entnommen, illustriert treffender, wie sich das zunächst androgyne, zweigeschlechtliche Menschenwesen in Mann und Frau auftrennt. Eine Plastik im Dommuseum zu Florenz zeigt dieses Geschehen. Der Künstler, vermutlich Donatello, schuf um das Jahr 1400 eine anmutige Szene, bei der Eva aus der rechten Seite des schlafenden Adams hervorkommt. Sie stützt sich auf Gott, der sie umarmt, und schafft damit eine Verbindung zwischen Adam und dem Schöpfer. 

Gut und Böse erkennen: Hat Eva gesündigt?

Unzählige Male haben Künstler mit Pinsel und Farbe die berühmte Szene dargestellt: In einem herrlichen Garten steht ein Baum, um einen der Äste oder um den Stamm ist die Schlange gewickelt. Am Baum sitzt, lehnt oder steht Eva, nackt und mit langem Haar. Sie greift nach der verbotenen Frucht, reicht sie dem nackten Adam neben ihr. Das erste Scheitern der Menschheit spielt sich malerisch ab. Was danach folgt, ist die Mühsal des Lebens, wie alle sie kennen. Und wer ist schuld? Die Frau. Das wissen sogar Werbemacher: „Mein Name ist Eva. Wie könnte ich dieser Versuchung widerstehen?“ Zwei Sätze ergänzen das Bild eines sinnlich blickenden Fotomodels. Sie hält ein Eis am Stiel, ein Stück davon hat sie schon abgebissen. Und jeder versteht die Anspielung. Die sündige Eva, die Verführbare, die auch andere verführt, lebt heute noch. Und wenn ein Parfum „Der erste Duft“ heißt und in einem Flakon abgefüllt ist, der die Form eines angebissenen Apfels hat? Wer würde da nicht an das Paradies und die erste Sünde denken? 

Die Frucht der Erkenntnis: eine Feige?

Apfel? Einen Moment. Steht in dem biblischen Text überhaupt etwas von einem Apfel? Nein. Es ist nur von einer Frucht die Rede. Vermutlich war es die Feige. Denn, wie in der Bibel steht, hefteten sich Adam und Eva Schurze aus Feigenblättern um, als sie erkannten, dass sie nackt waren. Der Apfel rutschte wohl in der Spätantike in die lateinische Übersetzung, die „Vulgata“, hinein, angeblich wegen der Verwandtschaft der lateinischen Wörter „malus“, Apfel, und „malum“, böse. Das allerdings ist nur eine Nebensächlichkeit. Es gibt Missverständnisse, die schwerer wiegen. Die Geschichte, die jeder zu kennen glaubt, verbirgt ihr Gesicht hinter scheinbaren Selbstverständlichkeiten, die sich über Jahrhunderte gebildet haben und durch Wiederholung etwas Unumstößliches gewannen. Ja, der Sündenfall der ersten Menschen. Doch kommt in dem Text das Wort Sünde überhaupt vor?

Das Buch Genesis erzählt, dass Gott den Baum der Erkenntnis neben den Baum des Lebens pflanzt. Er wählt die auffälligste Stelle dafür, in der Mitte des Paradieses. Und belehrt den Menschen:

„Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben.“ (Gen 2, 16–17)

Die Herkunft der Schlange bleibt ein Rätsel

Nachdem die Frau erschaffen wurde, kommt im Text die Schlange ins Spiel. Im Hebräischen ist die Schlange männlich: ein Schlangerich. Und dieser verwickelt die Frau in ein Gespräch rund um die verbotene Frucht. Lässt sie immer begehrenswerter erscheinen: Nein, ihr werdet nicht sterben, wenn ihr davon esst, verspricht er. Sondern die Augen gehen euch auf, ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. Es ist ein tiefsinniges Gespräch über die Herausforderung, ein Mensch zu sein.

Wen oder was stellt die Schlange dar? Wo kommt sie her? „Das ist ein Rätsel“, sagt Wacker. Die Erzähler hätten wohl bewusst ihre Herkunft im Unklaren belassen. Es heißt über die Schlange, dass sie „schlauer war als alle Tiere des Feldes, die Gott der Herr gemacht hatte“ (Gen 3,1). Hat Gott sie geschaffen oder nicht? Das lässt der Text offen.

Für Wacker ist die Schlange „die erzählerische Verdichtung des menschlichen Strebens, die Grenze zu überschreiten, die Gott gesetzt hat.“ Die Schlange verkörpert Zweifel und Fragen wie: „Will Gott uns etwas vorenthalten? Ist er missgünstig? Sollten wir uns gegen ihn auflehnen?“ Die Frau folgt dem Blick der Schlange und entscheidet sich schließlich, nach der Frucht zu greifen. Denn sie bekommt eine große Lust, klug zu werden, Gut und Böse zu erkennen. Ist eine solche Fähigkeit nicht etwa wünschenswert? Würde sie denn nicht dem Menschen helfen, das Leben zu bestehen? So wünscht sich König Salomo ein hörendes Herz, um Gut und Böse unterscheiden zu können (1 Könige 3,9). Gott lobt ihn dafür und erfüllt ihm diesen Wunsch. „Gut und Böse unterscheiden“, schlicht „wissen“, bedeutet im Alten Testament auch: praktisch entscheiden können, wie man in einer Situation handeln soll, sagt Wacker. Ausgerechnet diese Fähigkeit sollte den ersten Menschen vorenthalten bleiben?

Der Zwiespalt der Entscheidung 

Von einer Sünde erzählt die Geschichte nicht, vielmehr davon, wie im Menschen die Entscheidungsfreiheit erwacht. Der Philosoph Rüdiger Safranski schreibt dazu in seinem Buch „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“: „Tatsächlich hatte Gott den Menschen unermesslich erhöht, indem er ihn wählen ließ. Es ist wohl genau diese Freiheit, die den Menschen gottebenbildlich machte. Deshalb kann Gott nach dem Sündenfall sagen: ,Siehe, Adam ist geworden wie unsereiner.‘“ Doch in dem Moment, da die Menschen diese göttliche Fähigkeit erlangen, können sie nicht weiter unschuldig im Paradies verweilen, denn ihre Freiheit drückt ihnen Verantwortung auf. Sie schließt auch die Möglichkeit ein, falsch zu entscheiden, zu irren, zu scheitern. „Von nun an existiert der Urschmerz des Bewusstseins“, schreibt Rüdiger Safranski. „Das Bewusstsein wird zum Begehren, zur Sehnsucht. Es wird verführbar, auch durch das, was ihm nicht zukommt.“

Kain scheitert an der Eigenverantwortung

Die Autoren der Paradiesgeschichte sahen die menschliche Entscheidungsfreiheit höchst zwiespältig. „Sie erzählen davon, dass Menschen einen Schritt tun, der sie dann in Mühsal, Trennungen, Konflikte führt“, so Wacker. Das Paradies ist verloren. Die Brudermordgeschichte von Kain und Abel erzählt anschließend davon, wie Menschen an ihrer eben gewonnenen Eigenverantwortung scheitern. „Beide Erzählungen bilden eine Einheit. Doch erst bei Kain und Abel ist von der Sünde die Rede“, sagt Wacker. So spricht Gott zu Kain, den Neid auf seinen Bruder Abel gepackt hat: „Wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn!“ (Gen 4,7) Das schafft Kain nicht. Er geht und erschlägt seinen Bruder. 

Es ist der Zwiespalt, die Zerrissenheit des Menschen, die Marie-Theres Wacker an der Paradieserzählung interessant findet. Und auch das: „Gerade die Frau ist im Paradies diejenige, die Initiative ergreift und sich auseinandersetzt mit der Möglichkeit, Grenzen zu überschreiten. Dafür ist sie bereit, ein Risiko auf sich zu nehmen.“ Ein Grundzug des Menschseins wird am Beispiel der handelnden Frau aufgezeigt. Sie nimmt ihre Entscheidungsfreiheit wahr, mit allen Konsequenzen. Aber, so Wacker: „Hätte sie es anders machen können?“ 

Ein ungelöstes Rätsel

Wer hat die biblische Erzählung vom Paradies geschrieben? Das bleibt ein ungelöstes Rätsel. „Stellen Sie sich Erzähler vor, vielleicht auch Erzählerinnen, einen Kreis von Menschen, der im Alten Israel darüber nachdenkt, warum die Welt so ist, wie sie ist“, sagt Marie-Theres Wacker. Und wie war die Welt des biblischen Volkes Israel? Es gab nur sehr wenige Städte damals, auf dem Gebiet des heutigen Palästina und Israel. Die meisten Israeliten waren Ackerbauern und Viehzüchter. Sie arbeiteten auf ihren Feldern, geplagt von heftigen Regenfällen, von Hitze und Dürre, die sich schroff abwechselten. Die Familien waren von Männern patriarchalisch organisiert. Die Frauen brachten ein Kind nach dem anderen zur Welt, und viel zu oft mussten sie den Tod ihrer Kinder beklagen. Schwangerschaften und harte Arbeit, das war das Frauenleben im Alten Israel. Derweil die Männer das Feld mit Ochsen bestellten, im Schweiße ihres Angesichts. Und die Ernte war dürftig. 

Die Paradiesgeschichte spiegelt das Leben der israelitischen Ackerbauern: „Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder“, sagt Gott zur Frau in Genesis 3,16. 

Und zum Mann: „So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes musst du essen.“ (Genesis 3, 17–18)

Möglicherweise ein sehr junger Text

Wann die Erzählung entstand, darüber rätseln die Bibelwissenschaftler ebenfalls. „Heute wird diskutiert, ob der Text am Anfang des Buches Genesis sehr jung sei“, sagt die Alttestamentlerin Wacker. Möglicherweise ist er erst im dritten vorchristlichen Jahrhundert entstanden und gehört zu den letzten Texten des Alten Testaments überhaupt, blickt auf all die anderen Erzählungen zurück, die bereits seit dem achten Jahrhundert nach und nach verfasst wurden. Wenn das stimme, dann „wäre der Text eine späte Überlegung eines Schriftgelehrtenkreises, der zu erklären versucht hat, wie alles angefangen haben kann.“ Dabei waren die frühjüdischen Schriftgelehrten auch von den Kulturen der benachbarten Großreiche beeinflusst. Ob Assyrien, Babylonien oder der Stadtstaat Ugarit in Kanaan: Ihre Religionen, ihre Mythen haben deutliche Spuren hinterlassen im Alten Testament. Auch in der Paradiesgeschichte. Wie die anfangs erwähnte Entdeckung auf den ugaritischen Tafeln zeigt. Die erst kürzlich bekannt gewordene uralte Fassung des Mythos stellt Adam als Gott dar und Eva, die erste Frau, als vollkommen schuldlos.

Maria Sileny