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Der Advent – eine Übung in Geduld

Advent, die Zeit des Wartens auf das Weihnachtsfest, artet oft in Hektik aus. Die Verpflichtungen häufen sich, die Nerven liegen blank, für stille Momente bleibt keine Zeit. Doch es geht auch anders – mit etwas Geduld, dieser verdrängten Tugend.

 

Es ist eine Zeit, da Himmel und Erde sich berühren: Weihnachten, die langen Nächte voller Lichter und freudiger Stimmung, stehen bevor. Das nahende Hochfest lässt Kinderherzen höherschlagen und Erwachsene gerührt innehalten. Mitten im tiefsten Winter wird die Geburt eines göttlichen Kindes gefeiert, von dem schon der Prophet Jesaja im Alten Testament sagt:

Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. (Jes 9,5)

Gott wird Mensch – als zartes Kind, wie tröstlich! Was für ein Grund zum Feiern! Das Geschehen, das sich kaum in Worte fassen lässt, wird in Rituale eingehüllt, die bereits vier Wochen vor dem Fest beginnen – in der Zeit des Advents, da die Ankunft des Kindes Schritt für Schritt vorbereitet wird. Die Hoffnung auf einen Neuanfang ist damit verbunden, die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Eine stille Zeit sollte der Advent sein. Denn die Natur ruht im Winter, und der Mensch kann sich an langen Abenden auf das Fest einstimmen. So war es zumindest früher, in den Erinnerungen der Großmütter. „Advent, du stille Zeit, der Tag ist nicht mehr weit, da wird die Welt verwandelt sein von heller Freude, hellem Schein...“, heißt es in einem Adventslied. Warten ist das Motto, dazu gehört Geduld. In der Bibel ist immer wieder die Rede davon, zum Beispiel in Klagelieder 3,26: „Es ist ein köstlich Ding, geduldig zu sein.“

Vorweihnachtsstress drängt das Warten in den Hintergrund

Gerade vor Weihnachten ließe sich Geduld auskosten: Ein Adventskalendertürchen nach dem anderen aufmachen, nacheinander die Kerzen auf dem Adventskranz anzünden. Sich auf den geschmückten Christbaum freuen, auf das Rascheln des Geschenkpapiers, die Familiengemeinschaft, das Festmahl und die Christmette. Steigende Vorfreude. So schön klingt Warten, wie es heute vermutlich nur noch Kinder erleben dürfen. „Bald kommt das Christkind zu mir, bald, bald, bald…“, singt Rolf Zuckowski in einem Kinderweihnachtslied.

Wie aber geht es Erwachsenen? Von stiller Zeit und geduldigem Warten könnten sie höchstens träumen, wenn sie dazu kämen. Denn sie stecken im Vorweihnachtsstress. So ein Unwort, so ein Unzustand! Das Mysterium des Festes versinkt im hektischen Tausenderlei. Eltern von kleinen Kindern, aber nicht nur sie, geraten dabei an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Bastelnachmittag im Kindergarten, Weihnachtsfeier in der Schule, Glühweinumtrunk im Büro. Überall selbst gebackene Plätzchen mitbringen. Ein Geschenk für den Trainer im Sportverein organisieren. Stille Nacht auf der Blockflöte fleißiger üben, das Töchterchen kann es noch nicht perfekt. Die Wohnung dekorieren. Baum besorgen! Zur Chorprobe in der Pfarrgemeinde rennen. Geschenke besorgen! Die für die Kinder sollten pädagogisch wertvoll sein. Was wünscht sich eigentlich die Schwester? Und die beste Freundin? Weihnachtsgrüße verschicken. Tante H. und Onkel L. mögen keine SMS, also Karten kaufen, Briefmarken bei der Post holen. Schlange stehen. Warum in Gottes Namen müssen so viele Leute Päckchen verschicken? Zutaten für das Weihnachtsmenü einkaufen. Schlange stehen. Nicht ausrasten, wenn die Kundin, die gerade dran ist, umständlich nach Kleingeld fingert. „Leise rieselt der Schnee“, so klingt es aus dem Lautsprecher. Doch draußen schneit es nicht, dafür staut sich der Verkehr. Nur Geduld!

Aushalten, dass manche Dinge ihre Zeit brauchen

Geduld – was heißt das eigentlich? „Geduld wird heute kaum noch bewusst als Wert kultiviert“, sagt die Münchner Psychotherapeutin Claudia Baklayan. Sie, die unter anderem Herzinfarktpatienten in einer Rehaklinik betreut, weiß nur zu gut um den Wert der verdrängten Tugend. „Duldsame Menschen akzeptieren, dass manche Dinge ihre Zeit brauchen. Sie sind bereit, eine innere Spannung auszuhalten, weil etwas Erwünschtes noch nicht eingetroffen ist. Zum Beispiel die Genesung“, sagt sie. Menschen, die sich von einer schweren Krankheit erholen, hätten zudem die Endlichkeit des Lebens hautnah erfahren. Aus dieser Perspektive gelinge es ihnen manchmal, klarer zu erkennen, was im Leben wichtig ist, erläutert Baklayan. Dann mag sich zeigen, dass es häufig Belanglosigkeiten sind, die im Alltag Ungeduld auslösen.

Eilig oder heilig – es liegt an dir, was du draus machst

Gerade der Advent bietet Gelegenheit, die eigene Einstellung zu überdenken. „Eilig oder heilig – es liegt an dir, was du draus machst“, mahnt Monika Dittmann, Buchautorin und Seelsorgerin im Bistum Limburg. Und Psychologin Claudia Baklayan rät, innezuhalten und sich selbst ein paar grundsätzliche Fragen zu stellen wie: „Was bedeutet mir Weihnachten? Wie möchte ich diese Zeit verbringen?“ Da könnte sich zeigen, was unnötig stresst. Meist seien es nämlich eigene Erwartungen, die Druck und damit Zeitnot erzeugen. Was würde mich enttäuschen? – Mit dieser Frage kann man sich selbst auf die Schliche kommen, so Baklayan. Dabei tauchen Erinnerungen an das Weihnachten der Kindheit auf. So und nicht anders muss doch das Fest werden! Wie der Gänsebraten der Mutter auf der Zunge zerging! Morgen gleich die Gans beim Metzger bestellen! Und der Duft von Omas Bratäpfeln zu Nikolausabend! Die müssen in den Backofen, sonst würde etwas fehlen! Wo steckt nur das Familienrezept für die Linzer Plätzchen? Tante D. hat sie immer mit eigens eingemachter Johannisbeermarmelade gefüllt. Köstlich! Und ein richtig großer Christbaum muss her, einer, der die Zimmerdecke berührt! 

Überdenken, wo die eigenen Wünschen an das Weihnachtsfest liegen

Wirklich? Vielleicht wäre es besser, die Ansprüche zu reduzieren und stattdessen in Ruhe Tee zu trinken und mit den Kindern oder Enkeln zu kuscheln. Das könnte die Lösung sein, wären da nicht auch noch die Ansprüche der anderen. Claudia Baklayan erzählt von einem Ehepaar, das sich jedes Jahr gezwungen fühlt, Weihnachten getrennt zu feiern. Denn die Mütter auf beiden Seiten verlangen, dass ihre Kinder am Heiligabend immer zu ihnen kommen. Keiner der Ehepartner traut sich, das Familienmuster zu durchbrechen. Es ist ja Weihnachten, da fällt ein Nein so viel schwerer als zu sonstigen Zeiten. Um Familiendramen zu entschärfen, rät die Psychologin: miteinander über das Fest reden, eigene Bedürfnisse mitteilen, gemeinsam neue Abläufe ausprobieren. Anderen zumuten, eine Enttäuschung auszuhalten. Dabei stets abwägen, welche Situationen geduldig zu ertragen und welche nicht akzeptabel sind. Warum zum Beispiel sollte der Onkel, mit dem jede Begegnung im Streit endet, besucht werden?

Nie wird die eigene Familie perfekt sein!

Wenn die Familie zu Weihnachten zusammenkommt, wird es schön und anstrengend zugleich. Claudia Baklayan hält es für sinnvoll, Rückzugsmöglichkeiten einzuplanen, Freiräume zu schaffen. Zwischendurch ein Nickerchen zu halten, kurz alleine spazieren zu gehen oder für eine Nacht im Hotel zu verschwinden – wenn das Zusammensein gut dosiert ist, geht es allen Familienmitgliedern besser. Niemals wird die eigene Familie perfekt sein! Zumindest nie so, wie es kitschige Werbebilder vorgaukeln, die sich gerade im Advent überall aufdrängen. Statt einer unerreichbaren Weihnachtsidylle nachzujagen, rät Baklayan, die Adventszeit im Zeichen der Dankbarkeit zu verbringen. Dankbarkeit macht geduldiger – diese erstaunliche Verbindung ist durch psychologische Studien belegt. Claudia Baklayan erklärt sie so: „Der Dankbare fühlt sich beschenkt und erlebt Fülle anstatt Mangel. Wer sich innerlich als reich erlebt, dem fällt es leichter, auf etwas zu warten.“ 

 

Autorin: Maria Sileny
aus: KDFB engagiert 12/2019

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