KDFB

Das erinnerte Leben

Zuhören und staunen, was andere über ihre Vergangenheit berichten

 

In Erzählcafés und -salons geben Menschen Einblick in ihre Lebensgeschichte. Für Zuhörer ist das Vorgetragene bereichernd, kann es doch den Blick dauf das eigene Leben verändern. Ein Beitrag, der an das KDFB-Schwerpunktthema "LebZeiten" anknüpft.

Kriegsende 1945. Ich hörte schwere Schritte auf der Treppe. In Todesangst habe ich meine beiden kleinen Geschwister umklammert. Französische Soldaten durchsuchten die Häuser. Als die Tür aufgestoßen wurde, erstarrten wir: Ein dunkelhäutiger Mann, ein Marokkaner, stand mit seinem Gewehr vor uns. Unsere Blicke trafen sich, und ich sah in seinen Au- gen, dass er genauso viel Angst hatte wie ich. In diesem Mo- ment wusste ich, dass er uns nichts tun würde. Er ging durch den Raum, zerschlug das Radio, damit wir keine Nachrichten mehr empfangen konnten. Dann durchsuchte er alles, aber sehr zurückhaltend, und ging wieder aus dem Zimmer.

Absolute Stille herrscht im Raum, als die 89-jährige Gertraud Schilling im Erzählsalon des Berliner Frauenbundes ihre Geschichte erzählt. Unter dem Motto „So habe ich das Kriegsende erlebt“ haben sich zehn Frauen im Haus des KDFB Berlin versammelt, um sich zu erinnern, jede aus ihrer Perspektive.

Arbeitsdienst in einer unterirdischen Munitionsfabrik

Gertraud Schilling, langjährige Geschäftsführerin des Diözesanverbandes Berlin und ehemalige KDFB-Vizepräsidentin, war in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges 19 Jahre alt und während ihres Arbeitsdienstes in einer unterirdischen Munitionsfabrik bei Ilmenau eingesetzt. 

Dort haben wir zusammen mit Gefangenen aus dem KZ Buchenwald gearbeitet, mit denen wir aber keinen Kontakt aufnehmen sollten. Da bin ich erstmals mit dem Thema Konzentrationslager konfrontiert worden. In der Munitionsfabrik mussten wir Mädchen Bomben mit Nummern und Hinweisen beschriften, die von den Häftlingen zusammengebaut worden waren. In dieser Zeit habe ich Schreckliches erlebt, das mich mein ganzes Leben nicht losgelassen hat, auch heute nicht. Zum Beispiel standen wir 40 Mädchen einmal dabei, als die Bomben für die Front auf Züge verladen wurden. Ein KZ-Häftling hatte sich offenbar gedacht: Wenn ich jetzt weglaufe, werden sie wegen der Mädchen nicht schießen. Er hatte sich geirrt. Sobald er anfing zu laufen, haben sie ihn sofort getötet, in unserer Gegenwart. Es war grauenvoll. Als Anfang 1945 Gerüchte kursieren, dass die Russen in Anmarsch seien, habe ich mit zwei Mädchen beschlossen zu fliehen. Ich habe uns falsche Papiere ausgestellt, und wir sind bei Nacht und Nebel los. Nach einem Tieffliegerangriff haben wir in einem Militärzug Plätze gefunden. Die Zugbegleiterin wurde jedoch misstrauisch, meldete einem Offizier, dass mit uns etwas nicht stimme. Der muss uns wohlgesonnen gewesen sein. Er leuchtete uns nachts mit der Taschenlampe ins Gesicht und meldete, alles sei in Ordnung.

Ende Februar bin ich dann endlich bei meinen Eltern im Schwarzwald angekommen, die in Mannheim ausgebombt worden waren. Sie hatten in einem kleinen Ort nahe Donaueschingen Zuflucht auf einem Bauernhof gefunden. Ich hatte bei unserer Flucht solche Angst gehabt, dass uns drei Mädchen etwas zustößt, da wir wegen der falschen Papiere wohl nie hätten identifiziert werden können. Unsere Eltern hätten nie erfahren, was mit uns passiert war. 

Das Erzählen tut Gertraud Schilling gut, keiner unterbricht sie, keiner stellt ihr Fragen. Sie darf einfach ihre Geschichte erzählen, und alle hören zu. „Das Zuhören ist eine schwere Übung. Kaum jemand ist darauf trainiert. Der Erzählsalon ist eine Schule der Aufmerksamkeit, Toleranz und Gelassenheit“, erklärt Katrin Rohnstock, die die Methode Erzählsalon erfunden hat. Die Berliner Germanistin bildet seit längerem ModeratorInnen für Erzählsalons aus. Auch Johanna Dietrich, Bildungs- und Öffentlichkeitsreferentin beim KDFB Berlin, hat eine solche Fortbildung durchlaufen und tritt als „Salonière“ auf. Ihre Aufgabe ist es, die im Berliner KDFB-Haus angebotenen Erzählsalons zu moderieren. „Ich helfe weiter, wenn jemand den roten Fa­den verliert, nicht zum Schluss kommt oder sich in seinen Erzählungen verrennt“, er­klärt Diet­rich, die den Teilnehmenden auch erklärt, wie gute Geschichten erzählt werden – mit Einleitung, Höhepunkt und Schlussteil. Ein heikles Thema sind Nachfragen. Streng nach der Methode Erzählsalon sind Fragen nicht erlaubt. Denn sie können viel zerstören, nicht nur die Stimmung, sondern auch das Vertrauen, weiß Dietrich: „Ich lasse bei emotional bewegenden Themen keine Fragen zu, bei leichten Themen, wenn es etwa um Brauchtum geht, schon. Eine Frage kann eine Wertung, sogar eine Abwertung der Geschichte beinhalten und manchmal die Erzählerin brüskieren.“ Entscheidend sei das wertfreie Zuhören. Dietrich: „Für die Erzählende gilt: Es ist ihre Geschichte, die sie vorträgt. Es geht darum, dass sie ihre Erinnerung in eine Fassung bringt und für sich bewältigt. Eine Wertung von anderen stört diesen Prozess.“ 

Anderen dreinreden ist nicht erlaubt

Auch Gertraud Schilling schätzt es, bei ihrem Vortrag ausreden zu dürfen. Und sie genießt die einladende Atmosphäre des KDFB-Erzählsalons mit Kaffeetafel, Blumen und Kerzen. Seit einem Jahr kommt sie regelmäßig, zumal sie im Berliner Frauenbundhaus wohnt. Anderen zuzuhören, ist auch für sie eine Übung. „Wenn ein anderer erzählt, fällt mir manchmal sofort die eigene Geschichte ein. Ich platze dann fast, weil ich gleich etwas zu sagen hätte. Dennoch muss man sich in Geduld üben und warten, bis man an der Reihe ist“, sagt die 89-Jährige.

Beim Erzählen vergeht die Zeit wie im Nu

Zuhören kann anstrengender sein, als selbst zu erzählen, betont Sozialpädagogin Karin Wimmer-Billeter aus München. „Dem Erzählenden kommt die Zeit viel kürzer vor als dem Zuhörer“, sagt sie. Sie bildet Interessierte in der Methode Erzählcafé aus. Im Unterschied zum Erzählsalon gibt es beim Erzählcafé nur einen Erzählenden. Er oder sie spricht lange, bis zu zwei Stunden, unterbrochen von einer Kaffeepause. Weil nur wenige Personen ihre Geschichte erzählen, können mehr Zuhörer eingeladen werden, je nachdem, wie groß der Raum ist. Seit zwanzig Jahren ist Karin Wimmer-Billeter, pädagogische Mitarbeiterin für Seniorenbildung im Münchner Bildungswerk, von der Idee begeistert: „Als ich mit den Erzählcafés begann, genossen die Erfahrungen der Senioren noch keine hohe Wertschätzung. Das hat sich aber sehr geändert. Nun besteht Interesse an den Lebensgeschichten der Älteren.“ Gerade Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges seien gefragt. „Wir hatten beispielsweise einmal den ersten Amerikaner, der zum Ende des Weltkrieges den Münchner Marienplatz erreicht hatte, eingeladen. Die Veranstaltung kam sehr gut an“, erinnert sich Wimmer-Billeter, die zehn Jahre das Erzählcafé in der Münchner Seidlvilla moderierte. Aber auch kleinere Ereignisse wie zum Beispiel ein Pfarreijubiläum ließen sich mit einem Erzählcafé aufpeppen: „Ich war einmal als Moderatorin eingeladen, dazu der frühere Pfarrer und der Meßner. Durch das Erzählen habe sogar ich als Außenstehende verstanden, weshalb sich diese Pfarrei in dieser Form entwickelt hat.“ 

Die Moderatorin hat im Erzählcafé eine wichtige Aufgabe. Sie trifft sich vorab mit dem Erzählenden und sorgt dafür, dass seine Geschichte Struktur erhält. Allerdings bestimmt der Vortragende die Erzählschwerpunkte selbst. Das Prinzip der Freiwilligkeit ist der Sozialpädagogin ganz wichtig: „Keiner muss etwas erzählen, was er nicht erzählen will.“ Aufgabe der Moderation sei es auch, die Erzählenden zu schützen, wenn unpassende Fragen gestellt werden, denn anders als beim Erzählsalon ist Nachfragen erlaubt. 

Die Moderatorin muss Erzählende gelegentlich bremsen

Die Kunst der Moderation liegt zunächst darin, den passenden Einstieg zu finden. Vom Vortragenden zum Publikum muss eine Brücke gespannt werden, wie zum Beispiel durch Fotos oder durch eine kurze Einführung in den historischen Hintergrund. Wenn der Erzählende zu ausschweifend wird oder nicht mehr weiterweiß, hilft die Moderatorin mit passenden Fragen und Überleitungen. „Schwierig kann es werden, wenn sich eine Gruppe gut kennt. Dann sollte für das erste Erzählcafé kein schweres Thema ausgewählt werden. Denn als Moderatorin weiß man nie, wie stark Einzelne betroffen sind. Bei schwierigen Themen sollte die Moderatorin ausgebildet sein oder viel Erfahrung in der Gruppenleitung haben“, rät Wimmer-Billeter.

Selbst die Erzählenden müssen sorgsam ausgewählt werden. Denn manche, die für ein Erzählcafé angefragt werden, sind erstaunt, dass ausgerechnet ihr Leben für andere interessant sein kann. Wimmer-Billeter erinnert sich an eine betagte Münchner Wirtstochter, die Geschichten vortragen konnte, mit denen das „Alte Schwabing“ bildhaft wurde: „Sie empfand ihr Leben als nicht so interessant. Meine Kollegin musste sich ein paar Mal mit ihr treffen, bis sie selbst ihren Lebensweg als etwas Besonders sehen konnte.“ Bei der Veranstaltung selbst taute die Seniorin auf, erzählte voller Stolz ihre Erlebnisse und begeisterte die Zuhörer. 

Zeitgeschichte als großes Puzzle

„Erzählcafés sind für mich wie große Puzzles“, sagt Wimmer-Billeter. „Wenn Persönliches mit Zeitgeschichte verknüpft wird, finde ich wieder ein Puzzleteil, das mir noch gefehlt hat. Eine neue Facette unserer Geschichte wird nachfühlbar.“ Außerdem würden Geschichte und Geschichten dem Vergessen entrissen und bewahrt: „Vielleicht nicht für alle Ewigkeit, so doch im Bewusstsein der interessierten Zeitgenossen, die angerührt werden von einem fremden Schicksal.“

Autorin: Karin Schott
aus: Engagiert 4/2015