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Das Alleinreisen genießen

Reisen ohne Mann, ohne Freundin, ohne Frauenbund? Das macht viel Spaß, wenn man weiß, dass Alleinreisen immer auch eine Reise zu sich selbst ist.

Beinahe wäre Katrin Zita von ihrem Job in der Werbe- und Medienbranche aufgefressen worden. Einen persönlichen Rekord nennt sie heute ironisch die zwei Monate, in denen der Wecker immer um sechs läutete, auch Samstag und Sonntag. Und dann ging es mit rasantem Tempo durch den Tag. Oft sagte sie wegen beruflicher Termine im letzten Moment Einladungen von Freunden und sogar Urlaube ab. Sie hatte keine Zeit mehr für Bewegung, Spaziergänge, zum Ausspannen oder für persönliche Gespräche. Als sie völlig erschöpft war, buchte Katrin Zita eine Wellnesswoche. „Hätte ich damals nicht in diesem Kurhotel am schönen Wörthersee in Kärnten gesessen, allein und in Ruhe mit mir, und in mich hineingehört, was meine tiefste Sehnsucht ist, wäre die Änderung meines Lebenskompasses nicht erfolgt“, ist die 41-Jährige überzeugt. Denn nachdem sie einige Tage ausgeschlafen hatte, formulierte sich in ihr ein neues Lebensziel: „Ich will durch keine Wecker mehr geweckt werden, sondern genau dann aufwachen, wenn ich Lust habe aufzuwachen.“ Inzwischen hat die Wienerin die Branche gewechselt und arbeitet als Psychosozialer Coach. Sie berät Geschäftsleute beruflich und privat und kann sich dabei die Zeit frei nach ihrem Biorhythmus einteilen. Das heißt, sie steht meistens um fünf Uhr auf. Doch tagsüber gibt es Pausen, und der Abend ist frei für ihr Privatleben.

Eine Einladung zu fühlen, was im Leben gerade ansteht

Diese Erfahrung brachte Katrin Zita zu der Überzeugung: Allein zu verreisen fordert Selbsterkenntnis geradezu heraus. In ihrem Buch „Die Kunst, allein zu reisen, und bei sich selbst anzukommen“ schreibt sie: „Sie entdecken mit Freude und Leichtigkeit genau die Dinge, die auf dieser Welt speziell auf Sie warten. Im Zuge dessen überwinden Sie Ihre persönlichen Ängste, bereisen die Welt in Ihrem Rhythmus und Tempo und nach Ihren Vorlieben und Ihrem Geschmack.“ Und sie verspricht verlockende Reisemitbringsel wie Selbstvertrauen, Selbstsicherheit und Selbstliebe sowie Entscheidungs- und Durchsetzungskraft. Denn wer allein seine Wege durch die Welt sucht, trainiert diese Fähigkeiten im besonderen Maße. Alleinreisen ist gleichsam ein Selbst-Coaching-Programm. 

"Ist das nicht traurig, so allein?"

Doch bevor eine Frau allein losfährt, bekommt sie auch heute noch kritische Fragen zu hören: „Was, du willst wirklich ganz allein fahren?“ Oder: „Ist das nicht traurig, so allein?“ Vor zehn Jahren, als Katrin Zita mit dem Alleinreisen anfing, hörte sie: „Die Katrin ist doch hübsch, warum hat sie keinen Mann zum Verreisen?“ Zwar stellt Katrin Zita fest, dass es immer selbstverständlicher wird, als Frau weltweit allein unterwegs zu sein, doch wenn besorgte Fragen nicht vom Ehemann, der Familie oder der Freundin kommen, dann bohrt der eine oder andere Zweifel im Kopf einer Reiselustigen. Denn die Überzeugung, dass Alleinreisende einsam sind, da sie „nur“ mit sich allein reisen, ist immer noch verbreitet. Katrin Zita ist jedoch überzeugt, dass aus der Einstellung, man reise „nur“ mit sich allein, schnell die Erfahrung wird, man reist „ganz“ mit sich und kommt dabei zu sich. 

Welches Ziel darf es sein?

Der Weg zu sich selbst fängt bei der Auswahl des Reiseziels an. Alleinreisende können ihrer Sehnsucht unbeeinflusst von einem Reisepartner nachgehen und frei entscheiden: Ist es das Rauschen des Meeres, der lange Sandstrand zum Muschelsuchen, die Gemütlichkeit eines bayerischen Kurbades, der kahle Berggipfel mit Weitblick, die Tiefe des Sternenhimmels über der Wüste, die Stille eines alten Kreuzgangs, die Sehenswürdigkeiten von Hauptstädten, die Andersartigkeit einer fremden Kultur – wohin zieht sie ihre Sehnsucht? Meist geschieht die Auswahl ganz unbewusst, den Sehnsüchten folgend. Doch ist Katrin Zita überzeugt, dass sich spätestens rückblickend viele Zusammenhänge zeigen können. Denn die ersehnten Reiseziele sagen etwas über die Reisende aus und stehen mit ihrem innersten Lebensziel in Verbindung. So lässt der „kahle Berggipfel mit Weitblick“ die eine Reisende erkennen, dass ihr Einfachheit wichtig ist, und sie hört anschließend damit auf, zu Hause Dinge um sich anzuhäufen. Eine andere spürt, wie gut ihr die körperliche Anstrengung beim Aufstieg zum Gipfel tut, und baut mehr Sport in ihr Leben ein. Und der freie Blick in weite Landschaften könnte eine Urlauberin dazu bewegen, das eigene Leben immer wieder einmal von einem größeren Abstand aus betrachten zu wollen.

Den eigenen Gedanken ohne Kompass folgen

Wie es kommt, dass beim Rückzug in die Einsamkeit die Selbsterkenntnis wächst, schildert die Psychotherapeutin Patricia Tudor-Sandahl: „Einer der Vorteile der Einsamkeit liegt darin, dass wir unseren Gedanken ohne Kompass folgen können, dass wir hellhörig werden können für unser Innerstes und uns so selbst etwas näher kommen. Dabei erwachen möglicherweise längst vergessene Erinnerungen und schlummernde Überlegungen wieder zum Leben. Ahnungen werden zu Gedanken, und Gedanken werden zu Einsichten, die uns das Nebensächliche vom Wesentlichen unterscheiden lassen.“

Was ist mein Tempo?

Schon die Organisation der Reise und des Reisealltags schärft den Blick für die eigenen Bedürfnisse. Es drängen sich Fragen auf: Will ich schnell oder langsam reisen – Flugzeug, Auto, Zug, Fahrrad, Wanderstiefel, was ist mein Tempo? Und was ist mein Tempo vor Ort? Was und wie viel will ich von der fremden Umgebung kennenlernen. Besichtige ich nur eine von vielen Kirchen und lasse auch Details auf mich wirken oder will ich in der gleichen Zeit alle Hauptkirchen einer Stadt durchstreifen? Probiere ich jede lockende exotische Frucht aus oder halte ich mich strikt an die Touristenregel, nur das zu mir zu nehmen, was ich schälen kann? Wie sehr will ich eintauchen in die neue Welt? Will ich am Reiseziel in einer festen Unterkunft bleiben oder mehrmals wechseln? Wie flexibel will ich sein? Will ich mich öffnen für Gespräche mit Mitreisenden und anderen Urlaubern oder meinen eigenen Gedanken nachhängen? Wie gehe ich mit Begegnungen um? Und was tue ich, damit ich mich in fremder Umgebung sicher fühle? 

Was brauche ich, um mich auf Reisen sicher zu fühlen?

Die persönliche Sicherheitsliste der vielreisenden Katrin Zita ist kurz: Sie erkundigt sich vorher, welche Stadtteile und Orte sie besser meiden sollte, hat Kopien ihrer Reisedokumente getrennt von den Originalen dabei, weiß, unter welcher Telefonnummer sie ihre Kreditkarten sperren kann, nutzt den Hotelsafe, trägt nur kleine Taschen nah am Körper, denkt daran, tagsüber Geld vom Automaten zu holen, und vermeidet, wie eine typische Touristin zu wirken. Doch es ist ihr wichtig zu betonen, dass diese Liste auch sehr lang sein darf. Denn sie muss keinen Regeln, sondern vor allem dem individuellen Sicherheitsbedürfnis der Reisenden entsprechen.

Die Einsamkeit kann plötzlich drückend werden

Trotz aller Freude daran, allein die Welt und sich selbst zu entdecken, kann Einsamkeit auch plötzlich erdrücken. Patricia Tudor-Sandahl schreibt darüber: „Wir entdecken Seiten an uns, von denen wir nichts wussten. Die Widersprüche, die wir alle in uns tragen, kommen ans Tageslicht: dass wir enge Beziehungen suchen und dennoch frei sein wollen, dass wir in Sicherheit leben können und uns dennoch dem Neuen öffnen, dass wir unsere Illusionen behalten und die Welt dennoch sehen, wie sie ist, dass wir uns selbst kennenlernen können und uns dennoch gegen die Selbsterkenntnis wehren. Wir kommen in Berührung mit unserem Potential, aber vielleicht auch mit unseren Grenzen. Beides ist eine Herausforderung.“ 

Ein Stück Heimat zelebrieren

Vielleicht ist es nicht möglich, sich diesen Herausforderungen gleich während der Reise zu stellen. Dann gilt es, die Einsamkeit zu mildern und ein Stück Heimat herbeizuzaubern. Katrin Zita nennt das „Anker setzen“. Um sich zu verankern, nützt sie alle Sinne. Sie schaut sich mitgebrachte Fotos von lieben Menschen an, hört vertraute Musik auf dem Smartphone, trägt ein bestimmtes, kuscheliges Kleidungsstück, fühlt nach dem Talisman in der Hosentasche, riecht an dem Parfüm, das sie zu Hause ebenso wie in der weiten Welt benutzt, oder sie gießt sich einen Tee mit Zimt und Ingwergeschmack auf, ihr persönlicher Geschmack von Heimat. Gleichzeitig baut sie in ihren Tagesablauf vertraute, regelmäßig wiederkehrende Tätigkeiten, kleine Rituale ein, die ihr Freude machen. Vor dem Frühstück geht sie entweder an die frische Luft oder schreibt ein wenig, und am Abend schaut sie sich die tagsüber geschossenen Fotos durch. So hat sie in einem Reisealltag, der viel Neues bringt, Strukturen, an denen sie sich festhalten kann.


Die Welt lächelt zurück

Wenn Alleinreisende innere und äußere Eindrücke achtsam wahrnehmen, dann kann geschehen, was die Psychologin und Psychotherapeutin Patricia Tudor-Sandahl „Gipfelerlebnis“ nennt. Denn: „Alles, was tief in uns eindringt, kann uns mit Harmonie erfüllen und unsere Grenzen sprengen – wenn wir es nur zulassen.“ 

Katrin Zita erlebt solch einen Moment in Marrakesch, als sie durch den Souk zum „Platz der Gaukler“ spaziert und eingehüllt in Weihrauchdüfte den Flöten der Schlangenbeschwörer lauscht. „Ich bemerke ein ganz eigenartiges, einzigartiges Gefühl in mir. Zuerst bin ich überrascht und leicht befremdet. Dann weiß ich, was los ist: Meine Seele hüpft vor Freude! Ich bin ganz selig und lächle. Und die Welt lächelt zurück. Ich fühle mich zutiefst verbunden: mit mir selbst und mit all dem Leben rund um mich! Allein-Sein bedeutet auch All-eins-Sein.“

Anne Granda