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„Dann geh doch nach Hause, du gehörst hier nicht hin!“

Heimat kann auch Ausblick und Zukunft sein, mehr als Gegenwart und Vergangenheit. Jedenfalls, wenn moderne Biographien so verlaufen wie bei der 40-jährigen Sinologin Anna, die mit ihrem Mann und ihrer Tochter in der chinesischen Hauptstadt Beijing lebt. Die Frage „Wo gehören wir hin?“ stellt sich für ihre Familie in ganz spezieller Weise.
China und Deutschland, Deutschland und China. Eine Familie zwischen den Welten. Zufrieden im Moment, aber ohne eine echte langfristige Perspektive. Das liegt vor allem am chinesischen Ausländerrecht: Anna hat ein Arbeitsvisum, das spätestens dann ausläuft, wenn sie in 20 Jahren in Rente geht. Ihr Mann gilt als mitreisender Ehegatte und ist vom Aufenthaltsstatus seiner Frau abhängig. Bizarr, denn er ist gebürtiger Chinese, hat aber vor vielen Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen. Für ihn ist seine gefühlte Heimat China 1989 verloren ge­gangen, als die Panzer auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Demokratiebewegung niederwalzten. Seither, so sagt er, hat er keine Heimat mehr.

China oder Deutschland – was ist die Heimat?

Auch die kleine Marie wird nicht in China bleiben können, aber sie weiß es noch nicht. Das chinesische Aufenthaltsrecht sieht vor, dass ihr Visum nur gilt, solange sie noch nicht volljährig ist. Mit 18 wird sie China verlassen müssen, wenn sich keine andere Lösung findet.
Doch wo gehört das Mädchen hin? Nach China, wo sie geboren und aufgewachsen ist? Nach Deutschland, das sie nur als Urlaubsland kennt? Wenn man die knapp Zehnjährige mit den schönen Mandelaugen fragt, woher sie kommt, rutscht ihr spontan manchmal „Deutschland!“ heraus – obwohl sie da nie gelebt hat. Auf die Frage nach ihrem Zuhause kommt jedoch ebenso spontan und ohne Diskussion die Antwort: „Beijing!“
Dass es zwei Welten sind, zwischen denen sie lebt, erfährt die Kleine immer wieder: Ausländer haben in China eine Sonderstellung , die auch Kindern bewusst ist: Als sie viereinhalb war und viel besser Chinesisch als Deutsch sprach, fauchte ihre beste Freundin im chinesischen Kindergarten sie einmal im Streit an: „Dann geh doch nach Hause, du gehörst hier eh nicht hin!“ Marie war schockiert. Wenig später ließen die Eltern sie in eine deutschsprachige Tagesstätte wechseln, um ihr Deutsch zu verbessern. Doch auch dort fühlte sie sich anfangs nicht zugehörig: Jeden Abend flossen bittere Tränen, sie wollte auch blonde Haare und blaue Augen haben, und warum ihre Mutter denn überhaupt einen Chinesen geheiratet hätte?

Wenn zwei Kulturen zu einem gehören

„Ich konnte ihr dabei überhaupt nicht helfen, ich war ja ‚ganz’ – ganz deutsch“, erinnert sich Anna. Mit der Zeit wurde der Kummer weniger – sicher auch, weil mittlerweile viele halbchinesische Kinder in ihre Schule gehen, und Marie richtete sich in ihrem „Halb-halb-Sein“ ein. „Und langsam beginnt sie zu erkennen, dass sie eben nicht ‚halb-halb‘ ist, sondern eigentlich ‚doppelt’“, erzählt ihre Mutter: „Wo sie früher eher den Mund gehalten hat, spricht sie mittlerweile manchmal absichtlich und extra laut in der jeweils ‚falschen’ Sprache. Und freut sich, wenn die Leute ringsum sie staunend anschauen.“ Besonders im Urlaub in Deutschland passiert das, denn Marie sieht nicht auffällig chinesisch aus. Nur wenn ihr Vater direkt neben ihr steht, erkennt man die Abstammung. „Wenn sie dann noch ein paar Schriftzeichen in den Sand kritzeln kann, dann ist sie die Heldin und sonnt sich darin.“

Susanne Zehetbauer

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