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Cyber-Mobbing: Verleumdung im Internet

Immer mehr Frauen erleben, dass sie im Internet beleidigt und bedroht werden. In Deutschland gibt es bisher kein Gesetz gegen Cyber-Mobbing. Dennoch sollten sich Frauen dagegen wehren.

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch fährt Ulla P. (Name geändert) morgens den Computer hoch und loggt sich in ihr Netzwerk ein. Und schon ploppt wieder eine dieser Nachrichten auf: „Du solltest keinen Rock anziehen mit deinen fetten Beinen. Du siehst echt scheisse aus!“, schreibt ein Jörg. Oder: „Na, wieder mal eine Nacht einsam verbracht? Kein Wunder, mit dir hält es ja kein Mann aus.“ Das geht schon seit Wochen so. Ulla P. weiß nicht, wer dahintersteckt. Ist es ein Mann? Oder gar eine Frau? Jemand, der sie kennt? Beobachtet er sie? Dieser Jörg drängt sich in ihr Leben. Er nervt. Er macht ihr Angst. Er nagt an ihrem Selbstbewusstsein. Denn die abfälligen Kommentare treffen einen wunden Punkt der Single-Frau. „Hau ab und lass mich in Ruhe!“, schreibt sie. Doch es nutzt nichts. Ihre Reaktionen stacheln ihn nur zu weiteren Bosheiten an. 

Dieselbe Erfahrung hat Mary Scherpe gemacht. Die Berliner Kunsthistorikerin und Fotografin lebt vom Internet. 2008 eröffnete sie den Mode- und Lifestyle-Blog „Stil in Berlin“, den sie hauptberuflich betreibt. Eines Tages tauchte ein Stalker auf und kommentierte in beleidigender Weise ihre Bilder und Texte im Internet, bestellte in ihrem Namen Waren online, verleumdete sie bei GeschäftspartnerInnen und Freunden, betrieb systematisch Rufmord. „Er labte sich an meiner Angst, er wollte Stück für Stück mein Selbstbewusstsein untergraben, in der Hoffnung, dass ich mich zunehmend weniger traute, online präsent zu sein und meine Geschichten zu veröffentlichen“, schreibt Mary Scherpe in ihrem Buch „An jedem einzelnen Tag. Mein Leben mit dem Stalker“. Doch sie lässt sich nicht einschüchtern und wehrt sich. Sie hatte eine Ahnung, dass ihr Ex-Freund dahinterstecken könnte. Beweisen konnte sie es nicht, da der Stalker beständig seine Namen wechselte. Und so liefen alle Anzeigen, die sie bei der Polizei erstattete, ins Leere. Das Cyber-Mobbing fand erst dann ein Ende, als sie begann, all seine Attacken öffentlich zu machen. 

Nicht nur Kinder und Jugendliche sind betroffen

Das, was die beiden Frauen erlebt haben, nennt man Mobbing. Und weil sich das ganze überwiegend im Internet abspielt, heißt es Cyber-Mobbing. Lange Zeit haben Experten und Expertinnen geglaubt, diese Form des Mobbings sei ein Phänomen, das hauptsächlich bei Kindern und Jugendlichen auftritt. Für sie gibt es inzwischen ein vielfältiges Angebot an Hilfen, das sich an Betroffene, Eltern und Lehrer wendet. Dass Erwachsene auch Opfer von Cyber-Mobbing sind, wird erst seit wenigen Jahren als Problem erkannt. Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer. Das hat die Studie „Mobbing und Cyber-Mobbing bei Erwachsenen“ ergeben, die das Bündnis gegen Cybermobbing 2014 veröffentlicht hat. Frauen sind aber auch Täterinnen.

Beim Cyber-Mobbing werden Personen über einen längeren Zeitraum mit E-Mails, Handybotschaften oder abfälligen Kommentaren in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter beleidigt und bedroht. Es werden Gerüchte und Lügen verbreitet. Es werden peinliche Fotos und Videos eingestellt, die Menschen demütigen. Dabei gehen Täter oft sehr raffiniert vor, wechseln häufig ihre Namen, verwischen ihre Spuren im Internet oder agieren von einem ausländischen Server aus. Das macht es Betroffenen und der Polizei oft so schwer, die Täter oder Täterinnen zu identifizieren. Da sie meist unentdeckt bleiben, sinkt die Hemmschwelle, jemand anderem zu schaden. 

Opfer können den Angriffen kaum ausweichen

Da das Internet an jedem Ort und zu jeder Zeit zur Verfügung steht, kann das Opfer den Attacken nicht ausweichen. Die meisten Angriffe finden im privaten Umfeld statt, wenn zum Beispiel Menschen ihre Ex-Partner aus Rache online mobben. Bei Cyber-Mobbing im Beruf geht es meist darum, Konkurrenten auszuschalten und die eigene Position zu stärken. 

Die Folgen für die Betroffenen sind oft schwerwiegend, so die Ergebnisse der Studie. Viele fühlen sich massiv in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt. Sie sind unkonzentriert, entwickeln Ängste und leiden unter Depressionen. Sie weisen jährlich fünf Krankheitstage mehr auf als Nichtbetroffene. Jedes zehnte Opfer stuft sich als suizidgefährdet ein. 31 Prozent nehmen ärztliche oder therapeutische Hilfe in Anspruch. 

Zusätzlichen Reiz erfahren TäterInnen durch den großen Personenkreis, den sie innerhalb kurzer Zeit erreichen. Was einmal im Netz ist, lässt sich nur schwer stoppen. Peinliche Inhalte verbreiten sich rasant. Eine bedeutende Rolle spielen dabei die ZuschauerInnen. Sie klatschen Beifall, gießen durch provozierende Kommentare noch weiter Öl ins Feuer, teilen Kommentare mit Freunden, laden die kompromittierenden Bilder oder Videos herunter und verbreiten sie. Einfach so – aus Spaß. Was sie damit einem anderen Menschen antun, daran denken sie nicht. Sie sehen ihn ja nicht, kennen ihn oft noch nicht einmal. Nur wenige schreiten ein und setzen den Tätern Grenzen. 

Auch Promis sind Zielscheibe

Cyber-Mobbing trifft nicht nur vermeintlich schwache, sondern auch starke Persönlichkeiten. Die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali zum Beispiel oder die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt erhalten viele Hassmails und wehren sich dagegen, indem sie sie öffentlich machen. Angegriffen werden auch prominente Frauen aus Kultur und Wissenschaft, die eine eindeutige Position zu Themen wie Feminismus, Gender oder den Umgang mit Flüchtlingen beziehen. Ziel dieser Form des Cyber-Mobbings ist es, die Frauen zum Schweigen zu bringen. „Dann geh doch nicht ins Internet, das Netz ist nun mal kein Ponyhof“, bekommen Frauen häufig zu hören, wenn sie unter den Angriffen leiden. Ein Rückzug wäre der falsche Weg, findet Petra Boerrmann, Bundessprecherin der BAG kommunaler Frauenbüros. „Es geht um das Recht von Frauen, sich auch im öffentlichen digitalen Raum, in den sozialen Medien und auf Internetforen deutlich als Frau erkennbar und gleichzeitig unbehelligt zu bewegen und sich mit der eigenen Meinung zu positionieren.“ 

Was können Frauen tun, um sich dieses Recht zu bewahren? Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) rät dazu, juristisch gegen die Täter vorzugehen. Es gibt in Deutschland zwar (noch) kein eigenes Gesetz gegen Cyber-Mobbing. Aber es gibt etliche Paragraphen im Strafgesetzbuch, die bei einzelnen Formen von Cyber-Mobbing greifen: etwa bei Beleidigung, übler Nachrede, Verleumdung, Nötigung und Bedrohung oder beim Verstoß gegen das Recht am eigenen Bild. Der Verband bff hat eine Broschüre zur digitalen Gewalt herausgegeben, in der die einzelnen Straftatbestände ausführlich beschrieben und Hinweise gegeben werden, was Frauen tun sollten, um dagegen vorgehen zu können (siehe Kasten unten). Viele der Frauenberatungsstellen bieten dabei ihre Hilfe an. „Wenn Sie überlegen, eine Strafanzeige zu erstatten, nennen wir Ihnen gerne das zuständige Fachkommissariat“, heißt es in der Broschüre. „Mädchen und Frauen können sich bei uns umfassend informieren und beraten lassen (kostenlos, anonym und vertraulich). Wir gehen auf Ihre Befürchtungen ein, erörtern mit Ihnen alle Vor- und Nachteile, unterstützen Sie bei Ihrer Entscheidung und Ihrem Vorgehen.“ 

Auf jeden Fall, so der Rat der Polizei, sollten (betroffene) Frauen:

  • möglichst schnell rechtswidrige Inhalte dokumentieren (Ausdruck, Screenshot) und Anzeige erstatten;
  • rechtswidrige Inhalte an den Betreiber von Internet-Plattformen und sozialen Netzwerken melden und löschen lassen;
  • sich professionelle Hilfe suchen;
  • ihr eigenes Verhalten im Internet überprüfen: Welche Daten gebe ich von mir preis? Sind meine Passwörter sicher? Wer hat Zugang zu meinen Daten? Was passiert mit intimen Fotos nach einer Trennung? 

„Von Cyber-Mobbing betroffen sind Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen. Auch vor Seniorennetzwerken macht Cyber-Mobbing keinen Halt“, begründet Petra Zellhuber-Vogel, Vorsitzende der Medienpolitischen Kommission, warum sich der KDFB intensiv mit dem Problem beschäftigen sollte. Sie sieht es als Aufgabe des Verbandes, zum einen über die Gefahr des Cyber-Mobbings zu informieren, aber auch Medienkompetenz zu vermitteln und politisch aktiv zu werden. „So wie nach der Silvesternacht in Köln braucht es einen gesellschaftlichen Aufschrei zum Schutz von Frauen vor Cyber-Mobbing“, betont Zellhuber-Vogel. „Deshalb fordert der KDFB einen raschen und intensiven Aus- und Aufbau von Beratungs- und Hilfeeinrichtungen für Frauen, die von Cyber-Mobbing betroffen sind.“ 

Autorin: Gabriele Klöckner
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 4/2016

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