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Barmherzigkeit: Die Berührung Gottes

Der Barmherzigkeit Gottes im Nächsten begegnen. (Foto: Bardehle)

Papst Franziskus hat das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Kirche und Welt brauchen es gleichermaßen.

Heute sind es fünf. Der Erste, dem ich auf dem Weg zur Arbeit begegne, ist ein junger Kerl, abgerissen und in speckigem Parka, aber mit offenem Blick. Er spricht mich an der Bushaltestelle an, höflich und lächelnd, mit „entschuldigen Sie bitte“ und respektvollem Abstand. Ob ich wohl einen Euro für ihn hätte, der fehle ihm gerade noch für eine Fahrkarte, schwarz wolle er nicht fahren. Ich glaube ihm das nicht, aber geht es mich etwas an? Dass er nichts hat, ist offensichtlich. Ich krame den Euro aus der Manteltasche. „Vielen Dank“, sagt er, „und einen schönen Tag!“ Der Zweite sitzt kaum zehn Meter weiter, an eine Hauswand gelehnt auf dem Gehsteig, vor ihm ein aus einem Karton  zurechtgerissenes Pappschild. „Habe Hunger“ steht darauf. Im weißen Plastikbecher liegen ein paar Münzen. Es nieselt, es ist kalt, und obwohl mich schon bei seinem Anblick fröstelt, gehe ich weiter, im diffusen Gefühl, mein Spendensoll für heute bereits erfüllt zu haben. Drei weitere Bettler sind es noch auf der Münchner Schellingstraße, die im Abstand von 20 oder 30 Metern auf dem kalten Pflaster sitzen. Ist es Zufall, dass es heute so viele sind? Ich vermeide den Blickkontakt und ignoriere sie ebenso wie die Frau im langen dunklen Rock hinter der nächsten Kreuzung, die mir die aufgehaltene Hand entgegenstreckt, so dass ich im Gehen fast an sie stoße. Ihre flehentliche Gebärde berührt mich unangenehm, sie kommt mir opernhaft vor, überzogen, und so schiebe ich mich an ihr und dem kleinen Mädchen vorbei, das sie an der anderen Hand führt. Sein Blick folgt mir, während in mir leiser Ärger über die Belästigung mit einem vagen schlechten Gewissen streitet. Sind das nicht offensichtlich Menschen, die meine Unterstützung brauchen, so wie ich auch schon oft, aber auf andere Weise, die Unterstützung anderer brauchte? Brauchen sie Geld für Essen oder Geld für Alkohol oder Geld für warme Kinderschuhe? Oder sind sie Mitglieder einer Bande, die zum Betteln geschickt und am Abend ausgenommen werden von dubiosen Hintermännern? Und: Ist das nicht egal? Arm sind sie auf jeden Fall. Warum mache ich dann einen Unterschied? Ein paar Münzen weniger täten mir nicht weh.

„Die Hungrigen zu speisen“ ist eines der sieben Werke der Barmherzigkeit.

Die Aufzählung der Werke der Barmherizigkeit stammt aus der letzten Predigt Jesu, die zu den bekanntesten Stellen des Neuen Testaments gehört: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“ Im Weitergehen fühle ich mich hartherzig. Hätte ich mich anders verhalten, würde ich mich jetzt vermutlich ausgenützt fühlen. Auch nicht besser. Den aufblitzenden Gedanken, dass ich innerlich Abstand halte, um mich nicht mit der Bedürftigkeit der fünf Bettler auseinandersetzen zu müssen, schiebe ich so schnell zur Seite wie die aufgehaltene Hand der Frau mit dem kleinen Mädchen. „Die Mentalität von heute neigt dazu, schon die Idee des Erbarmens aus dem Leben und aus den Herzen zu verdrängen“, schrieb Papst Johannes Paul II. „Das Wort und der Begriff ‚Erbarmen‘ scheinen den Menschen zu befremden, der dank eines in der Geschichte vorher nie gekannten wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts Herrscher geworden ist und sich die Erde untertan gemacht und unterjocht hat.“ Bin ich auch so?

Erbarmen ist heute tatsächlich ein befremdliches Wort

Erbarmen. Altmodisch und unklar, gleichzeitig aber auch von seltsam archaischem Gewicht, wie etwas, das wir verloren haben, obwohl wir es dringend brauchen. Begriffe wie Mitgefühl und  Zuwendung sind ihm eng verwandt. Ein Mensch in Not braucht nichts so sehr, und Not ist nicht die Ausnahme, sondern der Regelfall menschlicher Existenz. Auch wenn der Zeitgeist lieber von Gewinn, Erfolg und Verdienst spricht und die Brüche, die in jedem Leben vorkommen, so beschönigend wie anfeuernd „Herausforderungen“ nennt, als müsste man sie nur annehmen wie ein Match in der Tennishalle. Kämpfen, alles geben, dann wird’s schon, und man geht als Sieger vom Platz. Niederlagen sind nicht vorgesehen. 

Das Wort „Erbarmen“ stammt aus einer anderen Zeit, aus einer Vergangenheit, als der Mensch als Sünder galt, nicht als Sieger und seine von Gott gegebene Rolle in der Gesellschaft auszufüllen hatte, ohne selbst gestalten zu können. Die Kathedralen der Gotik zeugen davon, und vielleicht lässt sich nirgends unmittelbarer begreifen als dort, was wir heute verdrängen: die machtlose Seite der menschlichen Wirklichkeit.  Aufragende Pfeiler, die auch fünf Männer nicht umspannen könnten, tragen riesige Räume, verlängern über jedes Maß hinaus die Vertikale, führen den Blick, das Denken, das Fühlen nach oben, fort vom erdigen Diesseits hin zum Unerreichbaren. Monumente der Größe Gottes sind sie, vor deren Dimensionen klar wird: Wie klein, wie machtlos ist doch der Mensch. 

Vor den Katastrophen der Welt sind wir klein

Wie klein wir sind, auch heute noch, auch wenn der Zeitgeist das anders sieht. Klein nicht nur vor den großen Katastrophen der Zeit, vor Kriegen, Konzentrationslagern, vor missbrauchten und verhungernden Kindern, vor Naturkatastrophen und der verzweifelten Armut der Welt. Vor einer Politik, die permanent scheitert und, während sie ein Übel zu bekämpfen sucht, fortwährend neue Übel schafft. Wie klein auch im eigenen Leben: vor den Fehlern, den Beschränkungen, vor den kleinen und großen Abschieden. Vor dem Tod, dem eigenen wie dem Tod derer, die wir lieben. Klein vor unseren Irrtümern, Versuchungen und Schicksalsschlägen. Scheiternd noch beim besten Willen, noch bei der größten Mühe, allein schon, weil wir hineingeboren sind in eine privilegierte Weltregion und durch unseren Lebensstil mitverantwortlich für Hunger, Zerstörung und bittere Ungerechtigkeit. Hilflos und schuldig wider Willen stehen wir vor dem unheilbaren Leid der Welt, dem eigenen wie dem fremden. Wohin nur soll man sich wenden? 

In jedem katholischen Gottesdienst hat die Hilflosigkeit, die Sprachlosigkeit einen Ort: das Kyrie

Das Kyrie ist Bitte um Erbarmen, Bitte um Beistand. Eingeständnis, nicht weiter zu wissen, Ausdruck des erdrückenden Ausgeliefertseins an die Existenz. Es spiegelt die heillose Unzulänglichkeit des Lebens und bringt sie vor Gott. Und mehr noch: Es ist reines Flehen ohne weitere Worte – ohne Forderung,  Rechtfertigung oder den Verweis auf Leistungen und Verdienste. Wer es ausspricht, akzeptiert: Es gibt nichts zu verhandeln. Das Kyrie ist Demut und Hoffnung. Es rufen zu können, schafft bereits Erleichterung.

„Barmherzigkeit ist der letzte und endgültige Akt, mit dem Gott uns entgegentritt“, schreibt Papst Franziskus in der Verkündigungsbulle „Misericordiae vultus“ zum Jahr der Barmherzigkeit, das von 8. Dezember 2015 bis 20. November 2016 dauerte. „Gottes Barmherzigkeit ist nicht eine abstrakte Idee, sondern eine konkrete Wirklichkeit“, so der Papst weiter. „Es handelt sich wirklich um eine leidenschaftliche Liebe. Sie kommt aus dem Innersten und ist tiefgehend, natürlich, bewegt von Zärtlichkeit und Mitleid, von Nachsicht und Vergebung.“ 

Der Papst spricht von wirklich leidenschaftlicher Liebe

Der Verkündigungstext liest sich in manchen Strecken fast beschwörend – Franziskus wäre nicht Franziskus, wenn ihm nicht wohl bewusst wäre, dass sich die Kirche an diesen Worten messen lassen muss. Mitleid, Nachsicht, Vergebung? Wie passt das zusammen mit dem geltenden Kirchenrecht? Mit dem Ausschluss von wiederverheirateten Geschiedenen von der Eucharistie? Mit der Suspendierung von Priestern, die eine Beziehung eingehen und öffentlich zu ihr stehen? Mit dem Karriere-Aus für Wissenschaftlerinnen, die sich bei kontroversen Themen wie der Sexualmoral nicht in Selbstzensur üben? 

Man darf den Papst durchaus so verstehen, dass sich sein Aufruf zur Barmherzigkeit auch an die Kirche selbst richtet: „Die Kirche ist nicht in der Welt, um zu verurteilen, sondern um die Begegnung mit dieser ursprünglichen Liebe zu ermöglichen, die die Barmherzigkeit Gottes ist.“ Konkret heißt das, wie der Papst vor einiger Zeit sagte, zum Beispiel: „Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willen hat, wer bin ich, ihn zu verurteilen?“

Dass das Recht nicht absolut gesetzt werden darf, weil es sonst unbarmherzig und kalt wird, ist eine der Botschaften des Heiligen Jahres

Gerechtigkeit, so der Papst, erschöpft sich nicht darin, Gesetzestreue einzufordern: „Der Ruf nach der Einhaltung des Gesetzes darf nicht die Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse behindern, die die Würde der Menschen ausmachen.“ Denn: Angesichts dieser Sicht der Gerechtigkeit, „die in der Folge Menschen einteilt in Gerechte und Sünder, versucht Jesus die große Gabe der Barmherzigkeit aufzuzeigen.“ Barmherzigkeit transzendiert daher Recht und Gesetz, sie ist der eigentliche christliche Blickwinkel, auf den Franziskus immer wieder, auch mit deutlichen Worten hinweist. „Regeln und Verbote machen noch keinen guten Christen aus“, auch nicht der regelmäßige sonntägliche Gottesdienstbesuch.  „Wenn dein Herz nicht an der richtigen Stelle ist, wenn du nicht gerecht bist, wenn du nicht diejenigen liebst, die diese Liebe dringend brauchen, wenn du nicht nach dem Geist der Seligkeit lebst, dann bist du nicht katholisch, sondern scheinheilig.“

Appell an die Mitmenschlichkeit 

Es ist daher mehr als ein Aufruf der Mitmenschlichkeit, den Franziskus an die Welt und an die Kirche selbst richtet. Es ist ein Appell, jenseits von sozialen Regeln, von (Kirchen-)Gesetzen, von Schuld und äußerlichen Merkmalen anzusehen, was der Kern des Menschen ist: sein Menschsein, seine Menschenwürde, seine Ebenbildlichkeit  Gottes – das, was unzerstörbar ist, egal, wie ein Mensch gehandelt hat oder wie er vom Schicksal behandelt wurde. Es gibt ein zu Herzen gehendes Bild, auf dem der Papst bei einer Generalaudienz im Herbst 2013 einen Mann umarmt. Dieser Mann ist entstellt, sein Ge­sicht grotesk von den Beulen unzähliger Tumore angeschwollen, er sitzt im Rollstuhl. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was er im Alltag vermutlich erlebt: Abscheu, Zurückzucken, vielleicht Ekel, vielleicht die Angst, sich anzustecken. Menschliche Regungen sind das, gewiss, aber auch unbarmherzige: Sie vervielfachen das Leid der Krankheit, weil sie zur gesundheitlichen Last die Qual sozialer Ablehnung addieren. 

Vielen Menschen, alten, kranken, behinderten, ergeht es Tag für Tag so. Wie oft halten wir Gesunde selbst Abstand, meiden den Kontakt, starren behinderte Menschen an, unfähig, uns auf ihr Menschsein einzulassen? Als der Papst auf dem Petersplatz den kranken Mann an sich drückt, beginnt der zu weinen. Vielleicht, weil ihm zum ersten Mal seit langem gezeigt wurde, dass auch er ein Mensch ist, kein Monster. 

Soll man einen Kinderschänder pflegen?

Wir alle brauchen diesen Blick, aber er ist schwer zu leisten. Abends telefoniere ich mit einer Freundin, sie arbeitet als Krankenschwester auf einer Palliativstation. Sie erzählt von einem Konflikt in ihrem Team, bei dem es um eine Aufnahme ging, die der Oberarzt angeordnet hatte: Es handelte sich um einen todkranken Patienten, allerdings nicht um irgendeinen, sondern um einen Strafgefangenen, den Insassen einer Justizvollzugsanstalt, verurteilt wegen mehrfachen Missbrauchs von Kindern. Das Pflegeteam war gespalten: Sollte man, wollte man, musste man wirklich einen Kinderschänder aufnehmen und pflegen, obwohl die Wartelisten für ein Bett auf Station lang sind und andere Todkranke, die anständiger gelebt haben, nicht zum Zuge kommen, sondern schlechter versorgt im Pflegeheim sterben? Oder ist es ein Akt der Barmherzigkeit, nicht auf die Schuld zu schauen, die zu beurteilen Sache des Richters war und nicht Angelegenheit der Ärzte und Schwestern? Sollte man auch im Kinderschänder nur den sterbenden, leidenden Menschen sehen?

Autorin: Susanne Zehetbauer
aus KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 4/2016

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